Identität und Erzählung

Alain de Botton on the Pleasures and Sorrows of Work

Interessant an Bottons Vortrag ist sein Hinweis darauf, dass Arbeit nicht zuletzt auch Ablenkung und Struktur bietet, die uns von existentielleren Fragen – u.a. der Heideggerschen Eigentlichkeit – ablenkt und bewahrt.

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Leistungsanreize jenseits von Geld: Selbstbestimmung, Entwicklung und Sinn

Auf folgendes muss der Vollständigkeit halber hingewiesen werden: Wie der Vortrag beiläufig erwähnt, ist die Möglichkeit, bei einer Arbeit Selbstbestimmung, Entwicklung und Sinn zu erleben, nur dann entscheidender Leistungsanreiz zur Förderung besonderer Leistungsbereitschaft, wenn
a) genug Geld bezahlt wird (z.B. zur Sicherung des Lebensunterhalts)
b) es sich nicht um eine rein mechanische, sondern um eine auch oder ausschließlich geistige Arbeit handelt.

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Klarnamen oder Decknamen? Ein Dialog, an dessen Ende beides sinnvoll scheint.

Bei der Einrichtung eines Twitter-Accounts rät mir ein Freund, einen Decknamen, ein Pseudonym, einen “Nickname” zu verwenden. Ich sollte hierzu am besten gleich noch ein ebenfalls meine Identität verschleierndes Emailkonto eröffnen. Auf die Frage, wofür das gut sein solle, bekomme ich zur Antwort, dass man mir auf diese Art und Weise es nicht nachtragen könne, sollte ich mich eines Tages mit meiner Wortwahl, meinen Ansichten, meinen Thesen und so weiter bei irgendjemandem in die Nesseln setzen, der mir Schaden könnte. Oha! mehr »

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Ein Übermaß an Autorität etablierter Institutionen könnte lähmend wirken

Meine Wahrnehmung ist derzeit sehr von meiner Lektüre zu Identität und Institutionen geprägt. Diese Lektüre ist motiviert durch meine Vermutung, es existiere so etwas wie eine übertriebene Mäßigung oder Lähmung  individueller wie auch gesellschaftlicher Kreativität, oder zumindest so etwas wie eine Mäßigung des Handelns im Allgemeinen, die durch die Institutionen bedingt ist. Denn Institutionen sind Standardisierungen bestimmter Handlungen, die unter anderem auch der Mäßigung der mit Kreativität verbundenen Unruhe dienen.  Problematisch wird es meiner Ansicht nach, wenn ein Punkt überschritten wird, von dem an die erwünschte Mäßigung in eine unerwünschte Lähmung umschlägt, weil die mäßigende Wirkung der Institution in Folge ihrer Überhöhung überhand nimmt. mehr »

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Kaufmanns Theorie der Identität fordert die Auseinandersetzung mit dem Begriff “Institution”

Will man durch die Auseinandersetzung mit Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität (siehe hier und hier) zu einem kreativen Umgang mit Identität gelangen, erscheint es erforderlich, sich genauer mit dem Institutionenbegriff zu befassen. Der Begriff Institution zieht sich wie ein roter Faden durch Kaufmanns Text, wird aber eigentümlicherweise kaum erklärt. Kaufmann setzt bei seinem Leser voraus zu wissen, was Institutionen sind. mehr »

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Biedermänner, Brandstifter und Karrieristen. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 2)

Der folgende Beitrag ist die zweite Lieferung meiner Erörterung des Buchs “Die Erfindung des Ich: Eine Theorie der Identität“von Jean-Claude Kaufmann, in der ich Kaufmanns Argumentation zusammenfasse und bezogen auf einige mir interessant erscheinende Themenbereiche diskutiere. Im folgenden werde ich kurz meine erste Lieferung zusammenfassen, um mich dann ausführlich Kaufmanns drittem Teil zu widmen. Kaufmann überträgt hierin seine Überlegungen zum Identitätsprozess auf die Gesellschaft, auf ihre Milieus und Phänomene. Unter der Überschrift des klassischen Dreiklangs „Voice, Exit and Loyality“ seziert Kaufmann individuelle und kollektive Verhaltensmuster, die quer durch alle Schichten in unterschiedlicher Form und Ausprägung zu Tage treten. mehr »

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Das kreative Ich auf der Suche nach Anerkennung. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 1)

Der folgende Beitrag ist eine Erörterung Jean-Claude Kaufmanns Buch “Die Erfindung des Ich: Eine Theorie der Identität“, in der ich Kaufmanns Argumentation zusammenfasse und bezogen auf einige mir interessant erscheinende Themenbereiche diskutiere. mehr »

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Bio Fiction*. Bei Bewerbungsprosa sollte man weder zweifeln noch sich schämen.

Anna-Maria Müller schreibt in Ihrem Blog über die Konjunktur der “Motivationsschreiben” im Hinblick auf Bewerbungsverfahren für Masterstudiengänge und bei anderen Gelegenheiten.

“ständig wollen Menschen ein Motivationsschreiben von mir. [...] Mittlerweile verdiene ich mein Geld mit Textarbeit und unterstütze allerlei Freunde & Bekannte, aber auch AuftraggeberInnen bei den eigentümlichen Worten zur Selbstlobpreisung. Gerade ist wieder Bewerbungsfrist für die Masterstudiengänge zum kommenden Wintersemester – dementsprechend hatte ich in letzter Zeit wieder mehrere Exemplare zur semi‑öffentlichen Selbstbeweihräucherung auf dem Schreibtisch bzw. in der Mailbox. Und, ja, es ist ein elender Prozess. Besonders, wenn man den Schrieb selbst aufsetzt [...] Im schlimmsten Fall bringt einen das [...] gar in Selbstzweifel und Nöte, zu denen ohne diese Schikane durch Lebenswegentscheider gar kein Anlass bestünde…”

Mein flux hingeworfener Kommentar wurde von ihrem Blog unsanft abgeschnitten. Hier nochmal das Textlein in voller Länge. Was ich also sagen wollte: mehr »

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Networking. Zusammenfassung einer Lektüre gleichnamiger Ratgeberliteratur und weiterführende Überlegungen.

Ich besitze schon ziemlich lange ein Konto bei XING. Warum eigentlich? Was soll ich denn mit diesem XING-Konto anfangen? Ist es klug, sich dort auf eine mögliche Selbsterzählung festzulegen? Und wer ist denn der Typ auf dem Bild da, für das ich mich hadernd entschieden habe? Nachdem das Thema XING wie auch andere Überlegungen zum Thema “Netzwerken” auch im meinem Bekanntenkreis Wellen schlagen, habe ich zur Beantwortung solcher und anderer Fragen meine Vorurteile über Ratgeberliteratur vorübergehend beurlaubt und mir eine Stichprobe aktueller Networking-Literatur zusammengestellt. Ich habe mich bei der Auswahl bemüht, anekdotische Abhandlungen, Benutzerhandbücher für Online-Communities und dergleichen auszulassen. Herausgekommen ist nun folgender kurzer Literaturbericht, in dem ich mich bemühe, die Essenz des “Networkings” zusammenzufassen. Hieran schließe ich ein paar weiterführende Fragen, Überlegungen und auch ein paar Kritikpunkte an. mehr »

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Subversion heute. Fusts’ Reaktion auf Jessens traurige Streber.

Manchmal wiederhole ich spaßeshalber Suchen bei Google, durch die andere hier her gelangt sind. Auf diese Weise lernt man die digitale Nachbarschaft kennen. So zum Beispiel einen Text von Boris Fust, Autor eines Romans über Generation Praktika, der wie ich mit einem Kommentar auf den Beitrag “Die traurigen Streber” von Jens Jessen in der Zeit reagiert hat. Fust vermutet, dass Jessen und Co. bloß sich selbst und ihre Generation zum Maßstab der Jüngeren erheben, ansonsten aber keine Ahnung haben. Dann skizziert er seine Variante der Subversion, deren Wirkungsmechanismen er zwar nicht zu beweisen versucht, von der man aber nicht behaupten kann, nicht schon einmal davon gehört zu haben. Dabei gelingt Fust ein Wurf, der sich inhaltlich bewahrheiten könnte. Hier ein Auszug: mehr »

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“Die traurigen Streber” lesen zu viel Die Zeit

Heute, den 28.08.2008, titelt Die Zeit “Jugend ohne Charakter! Karrieredruck und Zukunftsangst haben eine angepasste Generation hervorgebracht” und bringt auf S.43f eine “Polemik”, flankiert von einer Art “Kulturgeschichte” des “Heranwachsens”. Das finde ich kurios. Denn an anderer Stelle habe ich dargelegt, warum von einer Mitschuld der diesen Artikel publizierenden Verlagsgruppe ausgegangen werden kann. Ich halte es für müßig, sich im Detail mit den einzelnen Anspielungen und Thesen dieser “Polemik” auseinanderzusetzen. Zu entdecken gilt es nicht den Inhalt der Polemik, sondern inwiefern die herausgebende Verlagsgruppe an dem hier thematisierten gesellschaftlichen Phänomen im Rahmen der Bearbeitung ihres Marktsegments der 20 bis 30-jährigen beteiligt ist. Statt Details der Polemik zu analysieren, finde ich es sinnvoller, im Folgenden über das Konstruktionsprinzip und das vermutliche Kalkül eines solchen Artikels nachzudenken. mehr »

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“Elite” und “Karriere” als Fiktion des Personalmarketings und Geschäftsfeld der Medienwirtschaft

Karriere-Magazine beschäftigen mich schon seit Beginn meines Studiums. Als ich im Jahr 2000 daran arbeitete den Mut aufzubringen, mein erstes Studium abzubrechen, habe ich mir eines dieser Karriere-Magazine aufgehoben (1). Noch heute zeige ich Freunden gerne dieses Heft, weil es ein zeitloses Dokument einer fiktiven Erfolgsgesellschaft ist. Die Wirklichkeit sieht anders aus, wie nicht nur die persönliche Erfahrung zeigt, sondern auch die Sozialstudien des Studentenwerks. Seither interessiert mich, wie es zu dieser unheilvollen Fixierung auf bestimmte Lebensmuster kommt, die einem auf allen möglichen Kommunikationskanälen nahe gelegt werden und die angeblich mit “Karriere” zu tun haben. Die Antwort liegt im Bereich der Verbindung von Marketing-, Personal- und Medienwirtschaft. mehr »

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Wolf, Anneke: Diaristen im Internet. Vom schriftlichen Umgang mit Teilöffentlichkeiten. Nr.1372

Wolf, Anneke: Diaristen im Internet. Vom schriftlichen Umgang mit
Teilöffentlichkeiten. In: kommunikation@gesellschaft, Jg. 3, 2002,
Beitrag 6 http://www.uni-frankfurt.de/fb03/K.G/B6_2002_Wolf.pdf

Anlass

In der Auseinandersetzung mit der Ausstellung zu Tagebüchern im Kommunikationsmuseum in Frankfurt a.M. habe ich begonnen, mich in die hier empfohlenen Texte einzulesen, die als Link zur Verfügng stehen. Darunter ist auch der Text von Wolf. mehr »

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Literaturempfehlungen zur Erinnerungskultur von Mirjam

Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie fuer das
Leben. (Reclam)

Jan Assmann und Aleida Assmann: Erinnerungskultur.

Paul Ricoeur zur Erinnerungskultur

Pierre Nora: Les lieux de memoire. (zu deutsch: Erinnerungsorte)
Erinnerungskultur, die sich an Orte bindet

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Bircken, Margrid: Victor Klemperers autobiografisches Schreiben. Zwischen Selbstdeutung und Chronistenzwang.

Bircken, Margrid: Victor Klemperers autobiografisches Schreiben. Zwischen Selbstdeutung und Chronistenzwang. In: Siehr, Karl-Heinz (Hg.): Victor Klemperers Werk. Texte und Materialien für Lehrer. Berlin 2001

[Exzerpt]

Anlass

Im vergangenen Jahr habe ich die Tagebücher Victor Klemperers von 1933 bis Spätsommer 1945 gelesen. Durch die Auseinandersetzung mit der Kunst und Technik des Erzählens mittels des Neuen Funkkollegs des Hessischen Rundfunks und seines Begleitbandes, herausgegeben von Mentzer und Sonnenschein, bin ich für die Selbsterzählung als einer – wenn nicht der – Quelle des Erzählens sensibilisiert worden.

Beim Packen von Umzugskisten bin ich nun auf das Sammelwerk von Siehr gestoßen, indem sich Margrid Bircken mit Klemperers autobiographischem Schreiben als solchem beschäftigt. mehr »

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Flusser: Für eine Philosophie der Fotografie

Flusser, Vilém: Für eine Philosophie der Fotografie, 7. Auflage. Göttingen: European Photography, 1994

[Exzerpt]

Das Bild ist für den Menschen der Zugang zur Welt. Das Bild soll Zugang sein, aber es verstellt sie, bis sie die Realität des Menschen sind. Das Bild führt zum Irrtum über die Wirklichkeit.

Der Kampf der Schrift gegen das Bild ist der Kampf des Geschichtsbewußtseins gegen die Magie. Denn begriffliches Denken ist abstrakter als bildliches Denken. So ist der Text fähig uns durch einen textlich erzeugten Irrglauben unfähig zu machen, die bildliche Wirklichkeit zu sehen. Ein Beispiel sind die Ideologien, die die Welt umwerten und unsere Wahrnehmung verändern.

Traditionelle Bilder haben Symbolcharakter. Die Fotografie ist der Kampf gegen die textlich verursachte Unfähigkeit zur Wahrnehmung der Welt. Infolge der Fotographie verschwinden die traditionellen Bilder in die Getthos der Museen und ihr Symbolcharakter verliert seinen Einfluß auf das tägliche Leben. Technische Bilder machen die Dinge jedoch nicht vorstellbar, sondern verfälschen sie durch die Darstellung wissenschaftlicher Aussagen. Denn in den Bildern gewinnen die wissenschaftlichen Aussagen magischen Charakter.

Der Fotograf erzeugt, behandelt und speichert Symbole. Flusser unterscheidet daher Knipser von Fotografen. Der Fotograf ist dabei nicht absolut Herr seines Tuns. Seine Arbeit wird vom Zufall und den vorbestimmten Möglichkeiten seines Apparats bestimmt. Er ist der Funktionär seines Apparats. Denn: „Funktionäre beherrschen ein Spiel, für das sie nicht kompetent sein können. Flusser verweist auf Kafka.

Fotografie ist ein Segment des Marktes. Der Fotoapparat funktioniert für die Fotoindustrie. Nicht der Besitzer des Apparates ist mächtig, sondern sein Hersteller und Vermarkter.

Fotogragfieren ist durch die im Apparat festgelegten Kategorien festgelegt. „In der Fotogeste tut der Apparat, was der Fotograf will und der Fotograf muß wollen, was der Apparat kann.“ (S.33) Außeraparatische Kriterien – bspw. ästhetische, erkenntnistheoretische oder politische Kriterien, bleiben dem Apparateprogramm unterworfen.

Fotografieren ist ideologiefeindlich, da es darum geht, so viele Standpunkte wie möglich zu realisieren. Die Entscheidung des Fotografen – das Auslösen – ist lediglich ein Bruchteil einer Kette von Entscheidungen. Auch die bewußte Auswahl einiger Fotos ist nur ein Bruchteil dieser Kette.

Fotografie bedeutet, die von sozio-ökonomischen Apparaten programmierten Begriffe aufzuzeigen. Fotografie ist daher ein „Symbolkomplex von abstrakten Begriffen“ [..] zu symbolischen Sachverhalten umcodierte Diskurse“ (S.41)

Für den Fotografen sind daher seine eigenen Begriffe die Hauptsache beim Fotografieren. Daraus folgt der Versuch der Unterwerfung des Fotoapparats unter die eigene Absicht. Glückt dieser Versuch, so ist dies der Sieg über den Apparat im Sinne der menschlichen Absicht.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das absichtlich unwahrscheinlich geformte, informierte Gegenstände schafft und mit ihnen bewußt seine Existenz bezeugt. Daraus folgt, daß nicht der Besitz des Erzeugnis, sondern seine Erzeugung, hier: die Erzeugung von Information, Macht ist.

Die Information wird über Kanäle verteilt, insbesondere Informationen, die dinglich sind und dingliche Distributionskanäle benötigen. „So gibt es Kanäle für angeblich beweisträchtige Fotos (zum Beispiel wissenschaftliche Publikationen und Reportagemagazine), für angeblich auffordernde Fotos (z.B. politische und kommerzielle Werbeplakate) und Kanäle für angeblich künstlerische Fotos (zum Beispiel Galerien und Kunstzeitschriften) Kanäle färben Fotografien mit der für ihren Empfangszweck entscheidenden Bedeutung. Daher verändert ein Foto seine Bedeutung, sobald es den Kanal wechselt. In jedem Foto ist daher der Kampf zwischen Kanal und Fotograf zu erkennen.

Fotografie ist ein durch Werbung geschaffener Markt. Fotoamateurclubs sind Orte der Berauschung an der Komplexität der Fotoapparate [assoziiere Computer, etc.] Der wahre Fotograf ist daher nicht der Apparat-Abhängige, sondern derjenige, der immer wieder an einem neuen sehen interessiert ist. Die Bilderflut impliziert den Glauben zu wissen, wie Bilder gemacht werden und was sie bedeuten. Die drohende Gefahr ist der Analphabetismus in einer sich überall in Bildern erklärenden Welt. Schreiben und Lesen verkommt zum Spezialwissen. Die Folge ist plakatives Denken statt differenziertem Denken. Plakatives Denken bedeutet das Ende des kritischen Denkens. Durch die Bilderflut setzt ein Gewöhnungseffekt ein. Man gewöhnt sich an die visuelle Umweltverschmutzung Die Herausforderung besteht darin, ihr informative Bilder entgegenzusetzen.

So leben wir in einem Fotouniversum: Die Welt wird in Funktion von Fotos erlebt. Die Wahrnehmung verändert sich so von einer fließenden Wahrnehmung in das Stakkato von Bildern, das die Welt nur noch als Zusammensetzung von Bildern erleben läßt.

Die eigentliche Absicht der Apparate ist, den Menschen von der Arbeit zu emanzipieren. Doch der Mensch wird so durch den Apparat ausgeschaltet. Er wird zum Funktionär. Apparate sind „simplifizierte Simulationen von menschlichen Denkprozessen, die, eben weil sie so stur sind, menschliche Entscheidungen überflüssig und funktionell machen.“ (S.67)

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Das Problem der Kontrolle von Information bei der Konstruktion von Identität und Reputation im Internet

Am 9.11.2007 erscheint in der Leipziger Volkszeitung der bei der Deutschen Presseagentur gekaufte Artikel “Die Lust am Ausgoogeln” von Tobias Schormann. Darin thematisiert Schormann Gefahren für die Karriere und andere persönliche Beziehungen durch Informationen, die über das Internet und insbesondere durch Google über einen selbst verfügbar werden. Es gehe um den Leumund im Netz. Um “unliebsame Internet-Altlasten in den Treffern einer Suchanfrage weiter auf den hinteren Plätzen verschwinden zu lassen”, gäbe es sogar schon Dienstleister wie Myon-ID in Köln, die “Reputationsmanagement” anbieten. Gleichzeitig gibt Schormann Hinweise, wie man mehr über Menschen im Internet erfährt: Indem man Communities wie Xing.com oder Studivz.net durchsucht oder in google nach einmal bekannt gewordenen Spitznamen (Nicknames) oder Emailadressen der Gesuchten sucht. mehr »

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Notizen zu Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst

Ehrenberg, Alain: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt a.M. 2004

[Exzerpt]

Ehrenberg geht in seiner Untersuchung der Geschichte der Depression auf die 1980er und 1990er Jahre ein, wobei er die “Störung der Stimmung” und die “Störung des Handelns” unterscheidet. Ehrenberg geht in seinem Buch u.a. auf die Produktion von Psychopharmaka und – damit verbunden – auf die wirtschaftliche und politische Dimension der Depression ein.

Die Depression der 1980er Jahre hängt laut Ehrenberg mit der Suche nach eigener Authentizität und dem Bedürfnis zusammen, wahrgenommen werden zu wollen.

Das Jahrzehnt der 1990er Jahre “bringt auch in anderer Hinsicht Neuerungen: Es handelt sich nicht lediglich darum, man selbst zu werden, sich auf die Suche nach seiner Authentizität zu machen, man muss auch selbstständig sein und sich dabei auf seine eigenen Antriebe stützen.” (197) In der Fussnote vermerkt Ehrenberg hierzu noch: “Selbstdarstellung ist auf jeden Fall anspruchsvolle Arbeit und erfordert besondere Kompetenzen” (vgl. hierzu “Thomä, Dieter: Erzähle Dich selbst“)

Charakteristisch für die Depression ist nun nicht mehr die Störung der Stimmung, sondern die Störung des Handelns. Die Therapien zielen daher darauf ab, das Handeln wieder herzustellen und auf diese Weise die Stimmung zu heben:

“Die Therapien wollen das Individuum wieder handlungsfähig machen und dadurch seine Stimmung verbessern. Die Unsicherheit der Identität und das gehemmte Handeln sind [...] die beiden Gesichter der Depression am Ende des 20. Jahrhunderts. Die Depression verkörpert also nicht nur die Leidenschaft, man selbst zu sein und die Probleme, die damit einhergehen, sondern auch die Forderung nach Initiative und die Schwierigkeit, ihr nachzukommen. Wie das Handeln beginnen?” (199, siehe hierzu auch Jean-Claude Kaufmanns “Die Erfindung des Ich.“)

Diese Forderung nach Initiative unterstreicht Ehrenberg, indem er darauf hinweist, dass sich diese Forderung nach Initiative an Menschen richtet, die in ihrer Sozialisation bislang auf Gehorsam und Gefolgschaft eingestimmt worden sind:

“Jeder muss selbstständig sein, muss seine Affekte mobilisieren, statt äußeren Regeln zu entsprechen. Diese Normativität impliziert ein anderes Innenleben, einen anderen Körper, als die Norm der Disziplin in forderte.” (199) Und an anderer Stelle: Die “Individualisierung [erzeugt] neuen Druck auf das Individuum, das sich nun dort auskennen muss, wo es früher nur gehorchte.” (217)

Ehrenberg beschreibt die Ursachen dieser Individualisierung, zu denen unter anderem ein Wandel der Arbeitsorganisation zählt. So hat die Wirtschaftswissenschaft der 80er Jahre die Emanzipationsbewegung der 70er Jahre umgenutzt. Die Kosten externer Kontrolle können gespart werden, weil das nach den Werten der Selbstentfaltung und Eigenverantwortung strebende Individuum sich selbst kontrolliert.

Das Individuum wird so zum einzigen Ursprung und Verantwortlichem des Handelns. Die Forderung nach mehr Engagement in der Arbeitswelt geht einher mit größerer Verunsicherung. Denn zugleich wird in der Schule noch immer Selektion nach den alten Mechanismen der Unterordnung und Anpassung praktiziert.

“Es geht nicht mehr um Gehorsam, Disziplin und Konformität mit der Moral, sondern um Flexibilität, Veränderung, schnelle Reaktion und dergleichen. Selbstbeherrschung, psychische und affektive Flexibilität: Jeder muss sich beständig an eine Welt anpassen, die eben ihre Beständigkeit verliert” (222)

Siehe auch:

Elisabeth von Thadden: Der Souverän dankt ab.
Die Seele kann nicht mehr. Der Soziologe Alain Ehrenberg analysiert, wie im 20. Jahrhundert die Erschöpfung zur Massenerkrankung wurde

Eine Zusammenstellung weiterer Rezensionen hier: http://www.single-generation.de/frankreich/alain_ehrenberg.htm

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Schneider, Michael: Erzählen im Kino.

In: Schneider, Michael: Vor dem Dreh kommt das Buch – ein Leitfaden für das filmische Erzählen. Gerlingen 2001

[Exzerpt, Seitenzahlen nach Mentzer/Sonnenschein (Hg): "Die Welt der Geschichten"]

Nach Schneider geht der Ansatz, Filme als „mythische Erzählungen“ zu begreifen auf Thomas Schlesinger, Keith Cunningham und Christopher Vogler zurück und ist ein „Handwerkszeug des Storytelling“ in Filmschulen der USA. (siehe 332)

Es handelt sich dabei um eine „äußerst flexible Vorlage, die vielfache Variationen, Abwandlungen, auch Weglassungen zulässt“ und an dem man die „dramatische Struktur des eigenen Drehbuchs überprüfen, verbessern und vertiefen kann.“ (333)

Im Mittelpunkt steht der Held, der eine Reise unternimmt. Diese Reise ist „immer auch eine Reise nach innen; eine Reise, bei der der Held wächst, reift, sich verändert und zu einem neuen Selbst findet.“ (333)

Die Reise beginnt in einer „Oberwelt mit einem ganz bestimmten Bewußtseinszustand“ und verläuft dann in einer „Zwischen- und Unterwelt, die symbolisch für die eigene unterbewußte Welt steht.“ (333) Dabei begegnet der Held seinen Ängsten, Selbsttäuschungen, verborgenen Wünschen und Kräften, muss sich Prüfungen stellen und muss von einem idealisierten Selbstbild oder von einem anderen Abschied nehmen.

„In der äußersten Prüfung erleidet er einen Beinahe- oder symbolischen Tod, um als Verwandelter wiedergeboren zu werden.“ (333) Der „tiefere Sinn der mythischen Resie ist das ‚Erkenne Dich selbst!“ (334)

Schneider weist darauf hin, dass dieser Aspekt entscheidend für die Qualität des Films ist. Es gilt nicht nur den Schatz o.ä. zu finden, sondern, sich hierüber zu verwandeln. (siehe 334)

Laut Schneider ergibt sich aus der Reise der Dreischritt Aufbruch, Reise und Rückkehr.

Am Anfang steht die gewöhnliche Welt, deren Darstellung den Ausgangspunkt verständlich macht. Hier wird zumeist auch das Problem des Helden, seine „Achillesverse“ sichtbar, die im Rahmen der Rückkehr geheilt werden wird. Auch enthält die gewöhnliche Welt eine Schlüsselerfahrung, die den Helden zum Aufbruch bewegt. Durch eine unerwartete Begebenheit im Alltagsleben, dem „Katalysator, der die Story in Gang bringt“; durch die Berufung kommt es zum Aufbruch. Unterschieden wird dabei want und need. Das vordergründige Ziel ist der want, das innere Ziel des Helden sein need. Letzteres ist „das Bedürfnis, sich selbst, die eigenen Kräfte, verborgenen Möglichkeiten und Grenzen oder das Geheimnis eines geliebten oder gefürchteten Anderen kennenzulernen. Der Aufbruch wird dann zumeist noch durch die Weigerung des Helden verzögert, der den Aufbruch scheut, weil er die bevorstehendeVerwandlung ahnt. Auch wird ihm ein Mentor an die Seite gegeben. „Oft hat der Mentor, der Weise, die Reise ins Unbekannte, die dem Helden bevorsteht, bereits hinter sich. Er kennt ihre Gefahren und kann durch Ratschläge oder magische Requisiten beistehen. Doch kann er den Helden meist nur die ersten Schritte auf seiner Reise begleiten [...] Die Schwelle zum Unbekannte muß er allein überschreiten.“ (338f)
Das „überschreiten der ersten Schwelle“, der „1. Wendepunkt“, ist die erste Probe, die der Held besteht und deren bestehen im bewusst macht, dass er auch weitere Proben bestehen kann. Gleichzeitig begegnet der Held fortan „verdrängten, verleugneten und abgespaltenen Erfahrungen, Ängsten und Komplexen der eigenen Psyche“ (339) [interessant hier auch der Gedanke, dass man ebensolchen Erfahrungen und Ängsten der Anderen begegnen kann] In der Folge besteht der Held weitere Proben, durch die er Verbündete gewinnt und seine Feinde – ihre Stärken und Schwächen – kennen lernt. Dem 2. Wendepunkt näherst sich der Held in der „Annäherung an die geheimste Höhle“ in Form der „unmittelbaren Nähe des gefährlichen Ortes“: „Indem er diesen furchterregenden Ort, den Ort seiner größten Angst, betritt, überschreitet der Held eine zweite wichtige Schwelle“, wobei er bereits eine Wandlung durchgemacht hat. „Er kann den bevorstehenden Kampf, die äußerste Prüfung nur bestehen, wenn er zu einem annähernd wahren Bild seiner selbst gelangt ist, seine Kräfte und Grenzen richtig einschätzt, sich nichts mehr vormacht. Er hat keine Wahl, entweder er wächst oder er stirbt.“ (341) Die Äußerste Prüfung ist dann der Moment des Kampf, in dem es um Leben und Tod geht. Der Held „lässt seine Ängste hinter sich und durchbricht alles, was ihn bisher begrenzt hat.“ (342) In diesem „schwarzen Moment“ macht der Held eine „Todeserfahrung durch, die zu seiner Wiedergeburt führt.“ (342)

„In der äußersten Prüfung liegt eine der wichtisten Ursachen für die Magie des heldischen Mythos. Das bisherige Geschehen hat uns dazu gebracht, uns mit dem Helden zu identifizieren; was ihm geschieht, geschieht auch uns. Nun erleben wir mit ihm gemeinsam diesen hochdramatischen Augenblick der Todesnähe, wo es um alles oder nichts geht – und danach seine Auferstehung und Wiedergeburt.“ (342)

An diesen Moment schließt sich dann die Belohung an, wobei der Schatz immer auch einen „neuen Bewußtseinszustand des Helden“ repräsentiert. (343). Im Verlauf der Rückkehr ist der Held ein letztes Mal der Macht seiner Feinde ausgeliefert, die Rache nehmen wollen. Weil der Held heil und unbeschadet zurückkehren muss – “denn von seiner Rückkehr hängt die Rettung [...] der Welt ab“ – sind letzte Hindernisse zu überwinden, die die Tatsache der Verwandlung sicherstellen. Diese veranschaulichen die Reinigung, Katharsis und/oder Auferstehung in Form einer Abschlussprüfung in der sich der Held als Verwandelter zeigt und das Gelernte zur Anwendung bringt. Die Rückkehr mit dem Schatz kann als glückliche Heimkehr oder als symbolische, gedankliche oder faktische Rückkehr an den Ursprung geschehen. Dabei ist er um die Erfahrungen in der Unterwelt reicher geworden und erkennbar Herr zweier Welten geworden. (siehe 345f)

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Letourneau, Jocelyn: Die Selbst-Erzählung.

In: Rüsen, Jörg (Hg.): Geschichtsbewusstsein – psychologische Grundlagen, Entwicklungskonzepte, empirische Befunde. Köln, Weimar, Wien 2001

[Exzerpt. Seitenzahlen in: Mentzer/Sonnenschein: Die Welt der Geschichten]

Fiktionale Geschichten, die Kindern erzählt werden, strukturieren ihre Beziehung zur Zeit und zur Welt. Sie enthalten „logische und analoge Strukturen der Darstellung, des Verständnisses und der Inszenierung der Welt“ und bringen „Ordnung“ in das, was das Kind als „Durcheinander der Außenwelt wahrnimmt“ (239)

[siehe hierzu Gedankennotiz: Inkompatibilität individueller und verbreiteter Muster - Anmerkung zu Létourneau]

Létourneau:

„Dank der fiktionalen Geschichten, die man [dem Kind] erzählt, und der Historiogramme (narrativer Handlungs- und Funktionsmuster), die es behält, stellt das Kind eine narrative Beziehung zur Welt her [...]: Es entwirft die Dinge als fiktionale Geschichten, die einen Anfang, ein Plateau und eine Auflösung haben. Es weitet dies aus und entwirft sich selbst als ein erzähltes und folglich erzählbares Wesen. [...] Indem es sich erzählt, macht sich das Individuum identifizierbar“ (239)

(vgl. hierzu George Herbert Mead und Schütz, Alfred: Strukturen der Lebenswelt u.a.: Symbolischer Interaktionismus)

Létourneau weist darauf hin, dass Geschichten Kindern einen „Rahmen“, eine „einfache Struktur“ vorlegen, um „Antworten auf ihre Fragen“ zu finden und ihre „in vollem Schwung befindliche Phantasie irgendwo zu verankern“. Und weiter: „Es ermöglicht ihnen auch, einigen Beobachtungen zu trauen, die sie gemacht haben und die nicht vom anderen bestätigt wurden.“ (240)

Auf diesen Aspekt des Erwerbs konstanter Strukturen des Verstehens fokussiert Létourneau (siehe 241) Es handelt sich ihr zufolge um „kulturelle oder gesellschaftliche Archetypen“, die in der sakralen Kultur, in der profan kognitiven Kultur oder in der epistemischen Kultur wurzeln. (siehe ebd.) Diese „ergeben sich aus der Art und Weise, wie Menschen im Laufe der Zeit durch historische oder kulturelle Erfindungen und Entlehnungen ihre wechselseitigen Beziehungen ordneten, indem sie imaginäre Welten geschaffen haben, in denen sie ihre Übereinstimmungen oder ihre Konflikte, ihre Ängste und ihr Bedürfnis nach Transzendenz verdichtet, reflektiert oder sublimiert haben.“ (241)

Dies verallgemeinert Létourneau. Sie behauptet, dass sowohl Geschichten als auch „gelehrte Geschichte“ von „diesen fundamentalen Strukturen des Verstehens abstammen oder diese in ihre argumentativen, deutenden oder berichtenden Darstellungsformen aufnehmen.“ (241)

Fiktionale Geschichten bilden nach Létourneau also die Basis des Denkens des Kindes, die in „Strukturen des Erfassens, des Verstehens und der Kommunikation bestehen“ (241f)

Ergo liefern sie 1) Sinnmuster und 2) Artikulationsmuster.

Letourneau verweist darauf, dass Realität ist, „was man an einer Fragestellung gemessen begreift und was man an einem linguistisch-semantischem System gemessen sagt.“ (242) Realität ist also physikalische Existenz, gebildet anhand einer Fragestellung mit Hilfe einer Semantik.

Geschichten bieten dem Kind „narrative, argumentative, repräsentative, deutende, ikonische und kommunikative Muster“, mit denen die Welt vorstellbar und entzifferbar wird und mit deren Hilfe man sich ausdrücken kann. Létourneau vergleicht diese Muster mit einem Lexikon und einer Grammatik.

Dieses Lexikon und diese Grammatik wirken im älter werden fort: Indem primäre Strukturen der Lebenswelt übernommen werden, kann das Individuum fortfahren „verstanden zu werden und folglich zu existieren, denn existieren bedeutet, einer Gemeinschaft anzugehören, sich Beziehungen hinzugeben, zu kommunizieren.“ (vgl. 242)

Létourneau vermutet, dass es eine Übereinstimmung gibt zwischen dem Bereich des Denkbaren, dem Bereich der Kommunikation und dem Bereich der Beziehungen. (siehe 242f)

(vgl. „Manipulationswissenschaft an traditionsreichem Standort“)

„Durch Geschichten lernt das Kind, sich Dinge vorzustellen, sie mitzuteilen und sich selbst in typischen, dynamischen, wieder erkennbaren und leicht erzählbaren Situationen in Szene zu setzen, in denen sich prototypische Rollen entwickeln, mit denen es sich leicht identifizieren kann.“ (243)

Die Vision von der Welt ist durch Parameter bestimmt wie „Fortschreiten von Situationen und Akteuren“, der „Art der Verbindung der Akteure untereinander“ und der „Logik der Erzählung“ im Sinne der spezifischen Motivlage und Verhaltensprofile. (vgl. 243)

Aus dem fortwährenden Wiederholen immer gleicher Geschichten bildet das Kind dann Létourneau zufolge „erzählbereite“ und „denkbereite“ Gebilde, „mit denen es die Dinge präsentieren wird (aktive Kognition) oder die ihm dazu dienen werden, seine Gedächtnis- oder seine Wissenslücken auszufüllen (passive Kognition).“ (243)

Létourneau klärt auch darüber auf, warum wir Geschichten mögen: Wir können die Welt aus der Sicht desjenigen erklären, mit wir uns identifizieren. Létourneau: „Das Kind erlebt sein Leben wie die Person, mit der es sich identifiziert; es betrachtet und antizipiert die Dinge nach den Parametern der Geschichte, in der diese Person sich bewegt.“ (244)

„Erst im Alter von 4 Jahren kommen beim Kind Zweifel an der Wahrheit der fiktionalen Geschichte“, weil es entdeckt, „dass seine Beziehung zu den Dingen und zur Welt notwendigerweise durch das menschliche Denken vermittelt ist. [...] Dieser Skeptizismus wird dadurch hervorgerufen, dass eines der Elemente einer Geschichte, die dem Kind erzählt wird [...] zu seinem eigenen Wissensvorrat in Widerspruch gerät.“ (244)

„Vom Alter von 4-5 Jahren an drängt sich die Welt dem Kind nicht mehr als ein Ensemble von unerschütterlichen Gewissheiten auf, sondern in der Form von alternativen Vorstellungen, die es zu beurteilen hat.“ (244)

[Dem Studenten der Sozial- und Geisteswissenschaften kommen Zweifel an der Wahrheit vielzähliger Wahrheiten, weil er entdeckt, dass die Autorität des menschlichen Denkens, welches solche bislang unverdächtige Wahrheiten und die in ihnen fortgeschriebenen Muster erzeugt und fortgeschrieben hat, sich ebenfalls nur abhängig von der Gruppe halten kann, die diese Wahrheiten als wahr hinnehmen und also die Autorität des zugrundeliegenden Denkens stützen. Oder anders: Es kommen jederzeit Zweifel an der Wahrheit, sobald man dem jeweiligen menschlichen Denken und den von ihm vorgeschlagenen Mustern die Solidarität aufkündigt und eine Alternative für denkbar hält.]

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