In: Rüsen, Jörg (Hg.): Geschichtsbewusstsein – psychologische Grundlagen, Entwicklungskonzepte, empirische Befunde. Köln, Weimar, Wien 2001
[Exzerpt. Seitenzahlen in: Mentzer/Sonnenschein: Die Welt der Geschichten]
Fiktionale Geschichten, die Kindern erzählt werden, strukturieren ihre Beziehung zur Zeit und zur Welt. Sie enthalten „logische und analoge Strukturen der Darstellung, des Verständnisses und der Inszenierung der Welt“ und bringen „Ordnung“ in das, was das Kind als „Durcheinander der Außenwelt wahrnimmt“ (239)
[siehe hierzu Gedankennotiz: Inkompatibilität individueller und verbreiteter Muster - Anmerkung zu Létourneau]
Létourneau:
„Dank der fiktionalen Geschichten, die man [dem Kind] erzählt, und der Historiogramme (narrativer Handlungs- und Funktionsmuster), die es behält, stellt das Kind eine narrative Beziehung zur Welt her [...]: Es entwirft die Dinge als fiktionale Geschichten, die einen Anfang, ein Plateau und eine Auflösung haben. Es weitet dies aus und entwirft sich selbst als ein erzähltes und folglich erzählbares Wesen. [...] Indem es sich erzählt, macht sich das Individuum identifizierbar“ (239)
(vgl. hierzu George Herbert Mead und Schütz, Alfred: Strukturen der Lebenswelt u.a.: Symbolischer Interaktionismus)
Létourneau weist darauf hin, dass Geschichten Kindern einen „Rahmen“, eine „einfache Struktur“ vorlegen, um „Antworten auf ihre Fragen“ zu finden und ihre „in vollem Schwung befindliche Phantasie irgendwo zu verankern“. Und weiter: „Es ermöglicht ihnen auch, einigen Beobachtungen zu trauen, die sie gemacht haben und die nicht vom anderen bestätigt wurden.“ (240)
Auf diesen Aspekt des Erwerbs konstanter Strukturen des Verstehens fokussiert Létourneau (siehe 241) Es handelt sich ihr zufolge um „kulturelle oder gesellschaftliche Archetypen“, die in der sakralen Kultur, in der profan kognitiven Kultur oder in der epistemischen Kultur wurzeln. (siehe ebd.) Diese „ergeben sich aus der Art und Weise, wie Menschen im Laufe der Zeit durch historische oder kulturelle Erfindungen und Entlehnungen ihre wechselseitigen Beziehungen ordneten, indem sie imaginäre Welten geschaffen haben, in denen sie ihre Übereinstimmungen oder ihre Konflikte, ihre Ängste und ihr Bedürfnis nach Transzendenz verdichtet, reflektiert oder sublimiert haben.“ (241)
Dies verallgemeinert Létourneau. Sie behauptet, dass sowohl Geschichten als auch „gelehrte Geschichte“ von „diesen fundamentalen Strukturen des Verstehens abstammen oder diese in ihre argumentativen, deutenden oder berichtenden Darstellungsformen aufnehmen.“ (241)
Fiktionale Geschichten bilden nach Létourneau also die Basis des Denkens des Kindes, die in „Strukturen des Erfassens, des Verstehens und der Kommunikation bestehen“ (241f)
Ergo liefern sie 1) Sinnmuster und 2) Artikulationsmuster.
Letourneau verweist darauf, dass Realität ist, „was man an einer Fragestellung gemessen begreift und was man an einem linguistisch-semantischem System gemessen sagt.“ (242) Realität ist also physikalische Existenz, gebildet anhand einer Fragestellung mit Hilfe einer Semantik.
Geschichten bieten dem Kind „narrative, argumentative, repräsentative, deutende, ikonische und kommunikative Muster“, mit denen die Welt vorstellbar und entzifferbar wird und mit deren Hilfe man sich ausdrücken kann. Létourneau vergleicht diese Muster mit einem Lexikon und einer Grammatik.
Dieses Lexikon und diese Grammatik wirken im älter werden fort: Indem primäre Strukturen der Lebenswelt übernommen werden, kann das Individuum fortfahren „verstanden zu werden und folglich zu existieren, denn existieren bedeutet, einer Gemeinschaft anzugehören, sich Beziehungen hinzugeben, zu kommunizieren.“ (vgl. 242)
Létourneau vermutet, dass es eine Übereinstimmung gibt zwischen dem Bereich des Denkbaren, dem Bereich der Kommunikation und dem Bereich der Beziehungen. (siehe 242f)
(vgl. „Manipulationswissenschaft an traditionsreichem Standort“)
„Durch Geschichten lernt das Kind, sich Dinge vorzustellen, sie mitzuteilen und sich selbst in typischen, dynamischen, wieder erkennbaren und leicht erzählbaren Situationen in Szene zu setzen, in denen sich prototypische Rollen entwickeln, mit denen es sich leicht identifizieren kann.“ (243)
Die Vision von der Welt ist durch Parameter bestimmt wie „Fortschreiten von Situationen und Akteuren“, der „Art der Verbindung der Akteure untereinander“ und der „Logik der Erzählung“ im Sinne der spezifischen Motivlage und Verhaltensprofile. (vgl. 243)
Aus dem fortwährenden Wiederholen immer gleicher Geschichten bildet das Kind dann Létourneau zufolge „erzählbereite“ und „denkbereite“ Gebilde, „mit denen es die Dinge präsentieren wird (aktive Kognition) oder die ihm dazu dienen werden, seine Gedächtnis- oder seine Wissenslücken auszufüllen (passive Kognition).“ (243)
Létourneau klärt auch darüber auf, warum wir Geschichten mögen: Wir können die Welt aus der Sicht desjenigen erklären, mit wir uns identifizieren. Létourneau: „Das Kind erlebt sein Leben wie die Person, mit der es sich identifiziert; es betrachtet und antizipiert die Dinge nach den Parametern der Geschichte, in der diese Person sich bewegt.“ (244)
„Erst im Alter von 4 Jahren kommen beim Kind Zweifel an der Wahrheit der fiktionalen Geschichte“, weil es entdeckt, „dass seine Beziehung zu den Dingen und zur Welt notwendigerweise durch das menschliche Denken vermittelt ist. [...] Dieser Skeptizismus wird dadurch hervorgerufen, dass eines der Elemente einer Geschichte, die dem Kind erzählt wird [...] zu seinem eigenen Wissensvorrat in Widerspruch gerät.“ (244)
„Vom Alter von 4-5 Jahren an drängt sich die Welt dem Kind nicht mehr als ein Ensemble von unerschütterlichen Gewissheiten auf, sondern in der Form von alternativen Vorstellungen, die es zu beurteilen hat.“ (244)
[Dem Studenten der Sozial- und Geisteswissenschaften kommen Zweifel an der Wahrheit vielzähliger Wahrheiten, weil er entdeckt, dass die Autorität des menschlichen Denkens, welches solche bislang unverdächtige Wahrheiten und die in ihnen fortgeschriebenen Muster erzeugt und fortgeschrieben hat, sich ebenfalls nur abhängig von der Gruppe halten kann, die diese Wahrheiten als wahr hinnehmen und also die Autorität des zugrundeliegenden Denkens stützen. Oder anders: Es kommen jederzeit Zweifel an der Wahrheit, sobald man dem jeweiligen menschlichen Denken und den von ihm vorgeschlagenen Mustern die Solidarität aufkündigt und eine Alternative für denkbar hält.]
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