Das Problem der Kontrolle von Information bei der Konstruktion von Identität und Reputation im Internet
22. Dezember 2007 | Rubrik: Identität und Erzählung | Tags: Erzählung, Karriere, Lebenslauf, Schreiben | 659 mal gelesen
Am 9.11.2007 erscheint in der Leipziger Volkszeitung der bei der Deutschen Presseagentur gekaufte Artikel “Die Lust am Ausgoogeln” von Tobias Schormann. Darin thematisiert Schormann Gefahren für die Karriere und andere persönliche Beziehungen durch Informationen, die über das Internet und insbesondere durch Google über einen selbst verfügbar werden. Es gehe um den Leumund im Netz. Um “unliebsame Internet-Altlasten in den Treffern einer Suchanfrage weiter auf den hinteren Plätzen verschwinden zu lassen”, gäbe es sogar schon Dienstleister wie Myon-ID in Köln, die “Reputationsmanagement” anbieten. Gleichzeitig gibt Schormann Hinweise, wie man mehr über Menschen im Internet erfährt: Indem man Communities wie Xing.com oder Studivz.net durchsucht oder in google nach einmal bekannt gewordenen Spitznamen (Nicknames) oder Emailadressen der Gesuchten sucht.
Mit Datum vom 28. November 2007 erscheint in der von der Universum Communications und der Financial Times Deutschland herausgegebenen Zeitschrift “Karriere & Zukunft” der Artikel “Der Wert des Bekanntseins” von Martin Weigert. Weigert empfiehlt, selbst dafür zu sorgen mit den Dingen verbunden zu werden, “die Sie am besten können” und warnt vor dem Internet als einem “Fundus an unvorteilhaften Partybildern, Urlaubsberichten von der letzten feuchtfröhlichen Mallorca-Reise oder ähnlichen, der Karriere nicht dienlichen ‘Zeugnissen’.” Weiter schreibt Weigert: “Sie können aktiv dafür Sorge tragen, dass zukünftige Sucheinträge Sie ausschließlich von Ihrer guten Seite zeigen”. Er rät dazu, eine eigene Homepage mit Lebenslauf zu erstellen und in einem eigenen Weblog mit Expertise zu glänzen, um sich gegenüber Personalchefs in einem selbst gewählten Themengebiet als Experte zu positionieren. Dies könne in der Bewerbung “über andere Defizite hinweghelfen.”
Beide Artikel berühren das Problem der Selektivität der Selbsterzählung im Sinne Thomäs im Bereich des Berufs- und Privatlebens. Beiden Autoren fällt auf, dass die Selbsterzählung streckenweise eine Fiktion ist, die sich aus den erzählten Fragmenten ergibt, die zuvor ausgewählt worden sind. Das Problem und die Chance besteht dabei in der Kontrolle der Selektion der Fragmente, die als Fakten mit bestimmten, wünschenswerten Vorstellungen zu realistischen Geschichten der eigenen Person verwoben werden. Weil den Autoren bewußt ist, dass das Internet nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern vor allem auch ein Archiv ist, empfehlen sie ihren Lesern, im Internet aktiv von der eigenen Expertise zu erzählen und nach Möglichkeit Informationen über die eigene Person unter Kontrolle zu halten, um vermeintliche “Defizite” zu kaschieren. Die Selektivität der Selbsterzählung soll nicht Google überlassen bleiben, aber dennoch bewußt als Ressource bewirtschaftet werden.
Die Tatsache, dass eine solche Empfehlung von einer Firma wie Universum Communications gedruckt wird, die sich darauf spezialisiert hat, die Kommunikation zwischen Unternehmen mit deren Zielgruppen zu verbessern, ist eigentlich erstaunlich. Erstaunlich finde ich, dass die Existenz von Wunschvorstellungen und mangelnde narrative Kompetenzen von Personalentscheidern als gegeben akzeptiert werden. Der Mangel an Kompetenz besteht offensichtlich darin, dass Personalentscheider sich durch die Heterogenität der über Bewerber im Internet verfügbaren Informationen irritieren lassen, scheinbar “pflegeleichtere” Personen vorziehen und „das Gemachtsein von Geschichten” (siehe Mentzer/Sonnenschein 2007, S.11) nicht durchschauen. Statt sich mit den Widersprüchen zwischen den scheinbar schlichten Erwartungshaltungen der Entscheider und der faktischen Buntheit des Lebens auseinanderzusetzen und zu beiden Seiten hin zu vermitteln, richten sich die Autoren allein auf die Berufsanfänger und empfehlen Ihnen, der beruflichen Öffentlichkeit einen kontrollierten Entwurf, eine mögliche Fiktion der eigenen Person anzubieten.
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siehe auch “Campus & Karriere” vom 25.08.2005 (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/campus/410775/). Das Thema hält sich offensichtlich schon länger…
[...] Nahbereich”, bspw. der Arbeitswelt. (vgl. hier die Diskussion über die Sagbarkeit bzw. die Öffentlichkeitsfähigkeit bestimmter Informationen über einen selbst oder eigene Absichten und Verhaltensweisen angesichts der Notwendigkeit, in Bewerbungssituationen [...]
[...] Dass die willentliche Konstruktion von Identität (siehe z.B. Kaufmann 2005) im Moment des Networkings ein sehr konkretes Problem ist, wird in Vorstellungsrunden oder Selbstbeschreibungen auf Online-Plattformen offensichtlich. Gerade auch die Begeisterung für das Internet, die Erkenntnis der Möglichkeit der vorsätzlichen Ausweitung des eigenen Kontaktportfolios und des Aufbaus weit reichender Beziehungsnetzwerke sowie die erkannte Notwendigkeit, Vertrauen zu schaffen, führt zu der Notwendigkeit und den Risiken der Konstruktion der eigenen Identität, gefolgt von den Problemen, alle Informationen zu kontrollieren, die eine solche Konstruktion in Frage stellen und das in sie gesetzte Vertrauen mindern könnten. Daraus ziehen andere Autoren und weitere Online-Plattformen Profit, wie beispielsweise jene, die das Internet als Karrierefalle thematisieren. (siehe z.B. Eck 2008) oder jene, die die Lösung des Problems der Kontrolle von Information bei der Konstruktion von Identität und Reputation im Interne…. [...]