Exklusion versus Inklusion. Notizen zu Steinfelds “Piraten und Papier”, SZ Nr.134, S.9
15. Juni 2009 | Rubrik: Politik, Medien und Kommunikation | Tags: Piraten, Politik, Medien und Kommunikation | 829 mal gelesen
Thomas Steinfeld greift im SZ-Feuilleton vom 15.06.2009 den Wahlerfolg der Piraten-Partei auf, die bei den EU-Parlamentswahlen 7,1% der Stimmen in Schweden bekommen hat. Angesichts eines Trends zur Kostenlosigkeit wertvoller Informationen, der scheinbar von den Piraten und privatwirtschaftlich subventionierten Stiftungen verkörpert wird, macht sich Steinfeld Sorgen um die ökonomische Lebensfähigkeit einer Öffentlichkeit, die von Zeitungen und Informationsproduzenten organisiert wird, die durch das Urheberrecht geschützt sind. Steinfelds Artikel verweist aber noch auf einen anderen Aspekt: Auf den Gegensatz zwischen dem Prinzip der Exklusion, welches die etablierten Institutionen der räsonierenden Öffentlichkeit konstituiert, und dem Prinzip der Inklusion, welches sich in einer Öffentlichkeit ausbreitet, die durch das Internet geprägt ist. Ich denke, dass sich erst hieraus ein Antwort auf Steinfelds Frage ergibt, was das Neue jenseits der bloßen Ablehnung des Althergebrachten sein könnte.
Steinfeld beklagt die Idee der Kostenlosigkeit im Bereich “bemerkenswerter Gedanken”, die von der Piraten-Partei in Form des Urheberrechtsbruchs oder von privatwirtschaftlichen Kulturstiftungen in Form von Subventionen umgesetzt wird. Steinfeld erkennt jedoch, dass Kostenlosigkeit, wo sie zu Qualitätsproblemen der Informationsproduktion führen könnte, eventuell nur der “Anfang von etwas Neuem” ist.
Interessant bleibt allerdings das Bekenntnis der Schweden zu den Piraten, weil es damit begründet wird, dass der Beitrag der “seriösen Zeitungen” zur Demokratie angesichts mangelnder Relevanz ihrer Inhalte (zumindest in Schweden) kaum noch erkennbar ist. Es gehe daher um “neue Institutionen in der Sphäre der räsonierenden Öffentlichkeit”:
“In dem Maß, in dem die Parteien und die mit ihnen verbundenen Debatten in den klassischen Medien sowie in der Universität ihre öffentliche Geltung verlieren, treten neue Kräfte hervor”
Wenn es stimmen sollte, dass die Debatten, die in Parteien, Medien und Universitäten geführt werden, an öffentlicher Geltung verlieren, dann behaupte ich, dass dies daran liegt, dass Parteien, Medien und Universitäten nach dem Prinzip der Exklusion organisiert sind und dies dem Prinzip der Inklusion widerspricht, wie es sich im Bereich einer räsonierenden Öffentlichkeit durchzusetzen beginnt, deren Medium das Internet ist. Dieses Prinzip der Inklusion ist das Demokratischere. Es vermag sich durchzusetzen, weil das Internet die Transaktionskostenstruktur auf den Kopf stellt, die ursprünglich von Parteien, Medien und Universitäten etabliert worden ist. Die große Mehrzahl der Mitglieder einer Gesellschaft, die gut ausgebildet sind, einen Computer bedienen können und mitreden wollen, müssen und können kein Interesse an Institutionen haben, die darauf abheben, sie zu Zuschauern vermeintlicher Autoritäten zu degradieren.
Der paradigmatische Schlüssel sind dabei die unterschiedlichen Transaktionskostenpolitiken der etablierten Institutionen einerseits und der gewandelten Öffentlichkeit andererseits. Parteien, Zeitungen und Universitäten konstituieren sich als Stellvertretersysteme mittels Transaktionkostenhürden. Erstens sind Parteien für Bürger uninteressant, solange es in Parteien nicht um die Organisation kollektiver Analysen und Meinungsbildung geht, an denen sich jedermann transaktionskostenoptimal beteiligen können soll, sondern um hoch selektive Rekrutierungs- und Programmentwicklungsprozesse, deren wesentliche Botschaften Anpassungsappelle und Verdrängungswettbewerb im Kampf um Positionen sind. Ähnliches gilt zweitens für Zeitungen und andere Medien, die ebenfalls hohe Transaktionskostenbarrieren in Form von Personalauswahl, Produktions- und Distributionssystemen unterhalten. Sie mögen um die Verwertbarkeit ihrer Urheberrechte aus ökonomischen Gründen bangen. Vor allen Dingen aber müssen sie um ihre Aufmerksamkeitsmonopole und damit verbunden auch um ihre Gatekeeperfunktionen im Angesicht einer Öffentlichkeit bangen, die sich auch ohne sie zu verständigen lernt. Drittens sind Universitäten merkwürdig unzugängliche Orte, die einerseits das Mantra des volkswirtschaftlichen und demokratischen Werts der Freiheit von Lehre und Forschung vor sich hertragen, sich aber andererseits durch strenge Selektionsmechanismen abschotten, sich zu Erfüllungsgehilfen der Personalwirtschaft machen und sich in öffentlich praktisch unzugänglichen Fachforen und Fachpublikationen vergraben, wobei die Publikation in gedruckten Spezialzeitschriften als Zeichen der Distinktion gilt.
Wenn also die Zurückweisung der Parteien, Medien und Universitäten in ihrer althergebrachten Form noch nicht das eigentlich Neue ist, wie Steinfeld zum Schluß vermutet, so denke ich, dass dieses Neue darin zu sehen sein wird, Parteien, Medien und Universitäten peu à peu nach dem Prinzip der Inklusion neu zu organisieren. Allerdings widerspreche ich Steinfeld, wenn er schreibt, die “neuen Kräfte” existierten
“ohne die enge Bindung an den Markt, die den Zeitungen ihre Anzeigenkriese und der Universität das Prinzip der entfesselten Konkurrenz bescherte.”
Ganz im Gegenteil denke ich, dass neben die Idee von Kostenlosigkeit funktionsfähige Transaktionsmodi treten werden, wo dies im Sinne der ökonomischen Funktionsfähigkeit sinnvoll ist, wobei dies auch mit Zustimmung der Anhänger der Piraten geschehen kann. Denn ich vermute, dass es nicht um die Loslösung vom Markt geht, sondern um die Veränderung seiner Struktur.
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Nachtrag. Unter http://blog.zschach.net/?p=133 finde ich einen älteren Beitrag von Alexander Zschach, der darauf hinweist, dass Steinfeld den Wahlerfolg der Piraten-Partei bereits am 8.6. diskutiert (siehe http://www.sueddeutsche.de/kultur/919/471459/text/).
In Zschachs Beitrag sehe ich Parallelen zu meiner Vermutung, dass es nicht um Kostenlosigkeit oder Diebstahl, sondern um die Veränderung der Informationsmarktes und ihrer Zugänglichkeit geht. Zschach, bekennender Pirat-Wähler, schreibt unter anderem, dass er keineswegs für Diebstahl sei, weil er ja selbst Rechteverwerter ist. Zschach: