Zukunft des Journalismus: öffentliche Umlagefinanzierung versus Wandel der Geschäftsmodelle
19. Juni 2009 | Rubrik: Politik, Medien und Kommunikation | Tags: Journalismus, Politik, Medien und Kommunikation | 572 mal gelesen
In diesem Beitrag will ich kurz ein paar Fundstellen notieren, die ich nach dem erneuten Lesen in dem Blog Amy’s Welt von Anna-Maria Müller in Erinnerung behalten und zu meinen Überlegungen in Beziehung setzen möchte. Nachdem ich nun in Amy’s Welt immer mehr interessante Gedanken und Hinweise finde, muss es einfach raus: Ich bin beeindruckt! Ich denke, zu einem treuen Leser zu werden.
Nun, hier nun kurz die Notiz:
Am 9.6.2009 fasst Anna-Maria Müller unter dem Titel “Journalismus, Verlage – die Diskussion um die Zukunftsfähigkeit des Publikationswesens” ihre Sichtweise der Debatte um “Journalismus, paid content, User Generated Content und die Print vs. online-Debatte” zusammen.
Müller zufolge ist ein unter anderem durch das Internet ausgelöster Strukturwandel der Medien im Gange. Der Effekt der aktuellen Entwicklung ist, dass Verlage und Journalisten ihre Deutungshoheit verlieren, sie dadurch an Macht verlieren und den Abstieg nicht wahrhaben wollen. Allerdings drohe nicht der Journalismus unterzugehen, sondern “nur sein Medium, bedrucktes Papier”. Im Kern geht es dabei um die Frage, wie die Leistung des Journalismus in Zukunft bezahlt werden kann. Weil der Journalismus zum Wohle der Demokratie Verfassungsrang besitzt, taucht dabei unter anderem der Gedanke auf, eine Umlagefinanzierung für Journalismus in Form einer entsprechenden Steuer ins Leben zu rufen: eine “Kulturflatrate“.
Müllers’ Betrachtung macht mir aber vor allem Spass, weil sie im Gegensatz zu einer solchen umlagefinanzierten Kulturflatrate auf die Möglichkeit hinweist, neu über Geschäftsmodelle nachzudenken und sie dabei die mangelnde Phantasie der Verlage krisiert. So gäbe es
“eine Reihe von längst überfälligen, technisch bereits ohne Probleme machbaren und flexiblen Lösungen, die die Zukunft der journalistischen Medien Generation Web 2.0-kompatibler gestalten könnten, wenn, ja wenn die Verlage endlich begreifen würden, dass es nur mit den und nicht gegen die LeserInnen geht. [...] Was steht bspw. einem Zeitungs‑ und Printmedienzugang a la iTunes entgegen? Technisch wäre das sicher längst machbar. Eine Oberfläche – tausende Abo‑ und Abrufmöglichkeiten. Wenn man mal in so einem Rahmen denkt, da kommt man auf die tollsten Produktideen.”
Müller bietet eine Flut an Verweisen auf andere Artikel – teils eigene, überwiegend aber solche aus den digitalen Leitmedien. In einem findet sich ein Rechenspiel von Jürgen Neffe, das zum Nachdenken anregt:
Angenommen, ein Zeitungsnutzer liest regelmäßig eine (überregionale) Tages-, eine Wochen- und eine Monatszeitung. Das kostet ihn heute pro Monat rund 60 Euro. [...] Könnten [...] wir die Blätter komplett lesen, [...] jeder Artikel kostete nur den Bruchteil eines Cents. Realistischerweise schaffen wir aber bei der Tageszeitung jeweils nur eine halbe, beim Wochenblatt eine Stunde und beim Monatsmagazin mit Glück eineinhalb. [...] Das macht ca. 20 Stunden Presselektüre pro Monat, die Stunde für drei Euro [...] Ein Text, wie er hier steht, kostete rund 20 Cent [...] – wenn wir ihn einzeln bezahlen würden.”
Bis hierher vertragen sich Müllers und Neffs Ausführungen meines Erachtens gut mit meiner Überlegung, dass Journalisten ja auch nur User sind und man nutzergenerierte Inhalte deshalb nicht nur als kostenlos verfügbare Kollektivgüter betrachten sollte, sondern auch als Handelsware. Das Beharren der Medienhäuser in alten Modellen sehe ich unter anderem als eine Folge der Fixierung auf die ressourcenorientierte Betrachtungsweise des etablierten Geschäftsmodells.
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Hallo – na dat is zu viel der Ehre… Ich prokrastiniere nur die Fertigstellung meiner Masterarbeit.
Aber zum Thema: In der Diskussion der Kulturflatrate gibt es gerade einen massiven Vorstoß von Seite einiger netzaffiner PolitikerInnen (ein Artikel meinerseits ist in Arbeit). Insbesondere bei CARTA wird gut diskutiert, u.a. mit: Pro Flatrate: Europäische Kulturflatrate: Don Quichotte in der digitalen Welt?
Contra Flatrate: Markt- oder Allmendewirtschaft: Worum es bei der Kulturflatrate eigentlich geht
Medienökonom Robert G. Picard hat sich unterdessen noch mal der Journalismusapokalypse angenommen und zeigt auf, dass es nach wie vor um Dienstleistungen geht, die “das Produkt” (ich bevorzuge: Arbeitsfeld, Skill Set, Dienstleistung) Journalismus zu bieten hat: The End of Journalism.
Wie dem auch sei… Die gesamte Diskussion verebbt halt häufig in der Einschätzung “Die im Internet wollen doch alles nur kostenlos und wenn sie es nicht kostenlos legal bekommen, dann holen sie es sich illegal.”. Da sind die neuen Tendenzen die es in Richtung “OpenSource”-Journalismus gibt, doch etwas sympathischer – wobei eben dort darauf geachtet wird, dass der Journalist entlohnt wird, dann aber alle etwas von der erarbeiteten Informationsdienstleistung haben. Ich denke, dass viele der traditionellen Medienkonzerne immer noch in Auflagenstärke, Stückzahl und traditionellen one-way-communication Strategien denken. Die Zeiten sind vorbei – wobei es denen an der Spitze dieser gesellschaftlich wichtigen Dienstleistung halt am meisten weh tut und dann dort auch am stärksten geschrien wird.
Grundsätzlich bin ich ja für neue Geschäfts- und Finanzierungsmodelle offen – allerdings halte ich nix von einem Schnellschuss in Sachen Kulturflatrate von Leuten, die das Internet nicht verstehen.
Achso: Herzlich willkommen als neue Leser in Amys Welt!