Dank Bologna ist Zeit nun Luxus. Notiz zur Bologna-Diskussion zwischen Wolfgang Seibel und Robert Stockhammer
2. Juli 2009 | Rubrik: Vermischtes | Tags: Bologna, Elite, Studium | 682 mal gelesen
Vergangene Woche plädierte der Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel für die Chancen des Bologna Prozesses, der lediglich von den Hochschulen und insbesondere von den Professoren falsch umgesetzt würde. Spätestens als Seibel am Ende seines Artikels die “Die-Besten-gehen-ins-Ausland”-Karte spielte, war es Zeit, ihn nicht mehr ernst zu nehmen. Wen interessieren “die Besten”, wenn man auch in Zukunft in einer friedlichen Gesellschaft möglichst vieler intelligenter und durchschnittlich wohlhabendender Menschen leben will? Dankenswerterweise liest man heute unter der Überschrift “Im Interesse der Studierenden?” eine Erwiderung eines Literaturwissenschaftlers. Robert Stockhammer weist den Kollegen aus der Verwaltungswissenschaft darauf hin, dass die BA/MA-Reform vor allem die Macht der Universitätsverwaltung gestärkt habe, was der Ausgestaltung der Studiengänge durch Professoren enge Grenzen setze.
Folgender Absatz ist der Erinnerung würdig. Er beschreibt in knappester Form, warum ich froh bin, kurz vor der Einführung des BA/MA-Systems studiert zu haben.
“Unsere Studenten haben kein klar umrissenes Berufsbild vor Augen; viele unserer Absolventen finden aber durchaus attraktive – wenn auch notorisch unterbezahlte – Stelle. Ihre Arbeitgeber schätzen an Studenten unseres Faches, dass sie gelernt haben, sich mit schwierigen Gegenständen mal geduldig, mal aber auch schnell auseinanderzusetzen, sie auf hohem Reflexionsniveau mündlich darzustellen und zu erörtern sowie über sie intelligent und sprachbewusst zu schreiben. Die Studenten müssen dazu sehr viele Texte in verschiedenen Sprachen lesen, und nur das Wenigste davon lässt sich in einfacher, eindeutig richtiger Form reproduzieren oder abfragen. Daher muss ein solches Studium in erster Linie darauf ausgerichtet sein, anhand der Inhalte die Formen zu entwickeln [...]. Man braucht also vor allem dreierlei: Gut vorbereitete, kontinuierliche Seminardiskussionen, prägnante, zur Auseinandersetzung anregende Referate und Zeit zum Schreiben von Hausarbeiten. Genau diese drei Voraussetzungen werden von den Vorgaben der LMU [Ludwig-Maximilian-Universität] unmöglich gemacht. Erstens nämlich sollen die Studierenden zwar zu allen möglichen punktuellen Prüfungen, aber genau dazu nicht verpflichtet werden dürfen, regelmäßig und gut vorbereitet an Seminaren teilzunehmen; man muss ihre Leistung vielmehr auch dann als bestanden bewerten, wenn sie nur einmal im Seminar erschienen sind, um ihr Thesenpapier einzureichen. Ja: “ihr Thesenpapier einzureichen”, denn zweitens darf schon die Tatsache, dass Thesenpapiere ein bloßes Begleitprodukt von Referaten sind, nicht in der Studienordnung stehen [...]. Drittens müssen Seminararbeiten [...] kurz nach Ablauf der Vorlesungszeit abgegeben werden (sic!) um die Fristen für die Eingabe der Noten einzuhalten. Als Antwort auf die Bitte, diese Fristen doch noch einmal zu überdenken, erhält man vom zuständigen Prüfungsamt die lakonische Auskunft, es würden halt in Zukunft kaum noch Hausarbeiten geschrieben. Begleitet wird dies mit dem Satz “Das ist doch im Interesse der Studenten”, womit vorausgesetzt wird, dass Studenten in erster Linie vom Interesse getrieben sind, termingerecht die jeweils gutgeschriebenen ECTS-Punkte in der elektronischen Datenbank abzurufen.”
Für alle, die in ihrem Leben noch keine Hausarbeit geschrieben haben und vielleicht niemals das befriedigende Erlebnis haben werden: Eine Hausarbeit setzt zumeist eigenständige Recherchen, Beschaffung und tagelange, selbstständig organisierte Lektüre und Auswertung von Büchern und Fachzeitschriftsartikeln voraus. Eine Hausarbeit ist dann ein Aufsatz, eine Erörterung, eine Zusammenschau des erarbeiteten Materials entlang einer Behauptung oder Vermutung zur Thematik, zu der man durch die Bearbeitung gelangt ist. Sie kann je nach Ergiebigkeit des Themas ca. zwischen 10 und 30 Seiten lang sein. Die in ihr behandelten Inhalte sind dann nicht selten ein Meilenstein des eigenen späteren Denkens und der in Beruf und Privatleben abverlangten intellektuellen Leistungsfähigkeit.
Bloß Powerpointfolien auswendig Lernende können sich das wahrscheinlich kaum vorstellen. Und sie werden später auch nicht das können, was der am Ende stehende “Soft Skill” ist: recherchieren, beschaffen, geduldig lesen und schriftlich reflektieren zu können. Im einfachsten Fall geht es um Routine, Zusammenhänge schriftlich darzustellen.
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Amen. Ich habe meinen BA in einer Übergangsphase gemacht, in der das Magister-Curriculum für 2 Hauptfächer zum Bachelor umetikettiert und in 3 Regelstudienzeitjahre gepresst wurde, um anschließend mit strikter Anwesenheits- & Scheinpflicht (!) für jede meiner 55 besuchten Veranstaltungen in den vorgegebenen Semestern abzuhetzten. Allerdings: Die Leistungen waren noch am alten Studienmodell orientiert, sodass es mir an der Hausarbeitspraxis nicht mangelte.
Mittlerweile betreue ich allerdings Studis, die wissenschaftliches Arbeiten nicht von begründeter Meinungsäußerung unterscheiden können und nach sechs Semestern eine 20seitige Alibi-Bachelor-Arbeit schreiben “dürfen”. Das ist die erste und letzte Hausarbeit die (in dem konkreten, mir bekannten Einzelfall) im Studium verlangt wird (ist auch keine Geistes- sondern Wirtschaftswissenschaft). Der Prüfling weiß zum Zeitpunkt dieser ersten und letzten “großen” Studienleistung weder eine Bibliographie anzulegen, noch mit Fußnoten oder der Textverarbeitung sachgerecht umzugehen.
Ich will nicht sagen, dass solche katastrophalen Zustände auf alle Bachelorprogramme zutreffen – dass es sie überhaupt als institutionalisierten Einzelfall gibt, ist jedoch erschreckend. Schöne neue Bologna Welt. Wenn ich noch mal wählen dürfte, hätte ich vermutlich – mit dem Wissen von heute – einen Magister studiert. Dazu war ich aber leider zu “spät” dran.