Bio Fiction*. Bei Bewerbungsprosa sollte man weder zweifeln noch sich schämen.
13. Juli 2009 | Rubrik: Identität und Erzählung | Tags: Biofiction, Erzählung, Lebenslauf, Motivationsschreiben | 977 mal gelesen
Anna-Maria Müller schreibt in Ihrem Blog über die Konjunktur der “Motivationsschreiben” im Hinblick auf Bewerbungsverfahren für Masterstudiengänge und bei anderen Gelegenheiten.
“ständig wollen Menschen ein Motivationsschreiben von mir. [...] Mittlerweile verdiene ich mein Geld mit Textarbeit und unterstütze allerlei Freunde & Bekannte, aber auch AuftraggeberInnen bei den eigentümlichen Worten zur Selbstlobpreisung. Gerade ist wieder Bewerbungsfrist für die Masterstudiengänge zum kommenden Wintersemester – dementsprechend hatte ich in letzter Zeit wieder mehrere Exemplare zur semi‑öffentlichen Selbstbeweihräucherung auf dem Schreibtisch bzw. in der Mailbox. Und, ja, es ist ein elender Prozess. Besonders, wenn man den Schrieb selbst aufsetzt [...] Im schlimmsten Fall bringt einen das [...] gar in Selbstzweifel und Nöte, zu denen ohne diese Schikane durch Lebenswegentscheider gar kein Anlass bestünde…”
Mein flux hingeworfener Kommentar wurde von ihrem Blog unsanft abgeschnitten. Hier nochmal das Textlein in voller Länge. Was ich also sagen wollte:
Das Gefühl der Selbstzweifel oder Schamgefühle bei der Formulierung von Motivationsschreiben, Bewerbungen oder Lebensläufen kenne ich. Im Studium und bei den ersten Bewerbungen fand ich das arg. Es führte eher zu Selbstzweifeln. Vor allem Stellenanzeigen können einem zusetzen. Es ist schwierig, mit der Diskrepanz zwischen der diffusen Gestalt der eigenen Vita und den feinziselierten, sich niemals ähnelnden Stellenausschreibungen leben zu lernen. Skurril wird es, wenn man am Ende feststellt, wie sehr in der Institution, zu der man Zugang zu erlangen versucht (und in die man am Ende eventuell sogar hinein geschlüpft ist), mit Wasser gekocht wird. Nach einiger Zeit härtet man ab.
Den Begriff “Schikane” finde ich angebracht. Deshalb empfehle ich als Nerventonikum und Handlungsanweisung “Erzähle Dich selbst – Lebensgeschichte als philosophisches Problem” von Dieter Thomä – siehe meine Zusammenfassung. Die Selbsterzählung ist immer eine Fiktion. Wer in Auswahlverfahren unbedingt eine Geschichte hören will, der soll sie bekommen. Man muss nur lernen, mit dem Stoff, der sich im eigenen – unter Umständen noch so “verkorksten” – Leben findet, eine geschlossene Geschichte erzählen zu können, die den Wertvorstellungen des “Lebenswegentscheiders” schmeichelt. In diesem Zusammenhang ist auch interessant zu lesen, was Jean-Claude Kaufmann über die “Erfindung des Ich” schreibt – siehe insbesondere Kapitel 5 über zu Identität als Erzählung und Kapitel 9 – dort u.a zum Dilemma der Insitutionen, gleichzeitig Anpassung und Innovation zu verlangen, wodurch bspw. das “richtige” Hobby zum Auswahlkriterium wird.
Über das ursprüngliche Kommentar hinaus hier noch ergänzend diese Zeilen:
Auch ohne die Lektüre Kaufmanns lohnt es sich darüber nachzudenken, wie Exklusion als Organisationsprinzip aller möglicher Organisationen, die ausreichend Prestige besitzen und groß genug sind, um bürokratisch und anonym zu sein, in ihrem Elitarismus gesellschaftsprägend wirken und das Denken in “Lebensläufen” zu einer mehr als fragwürdigen Norm erheben. Treffend deshalb hier auch das Bild vom “Lebenswegentscheider”. Der Begriff ist gut gewählt. Er ist nicht unverdächtig. An irgenwelchen Rampen zu stehen und bürokratisch darüber zu entscheiden, d.h. zu selektieren, welches Leben es wert ist, scheint wieder en vogue sein dürfen, ohne sonderlich kritisiert zu werden. Die Ausgewählten könnten beginnen, an ihre Selbsterzählung und ihre Auserwähltheit zu glauben. Wenn dem so sein sollte, kann es noch recht heiter werden. Was für eine lustige Gesellschaft uns da noch blühen könnte…
*Die Idee, von Biofiktion “Bio Fiction” zu sprechen, kam mir bei der Lektüre des Sammelbands über die Kunst und Technik des Geschichtenerzählens. In Anlehnung an Science Fiction betrachte ich alles, was mit Selbsterzählung, Autobiographie und insbesondere mit Bewerbungen zu tun hat, als Biofiction. Bei Google stößt man auf folgende Redewendung, weshalb ich denke, dass ich mit der Idee nicht ganz allein bin:
“Bio-fiction is a term derived from the idea of a fictionalized biography
Solch eine Fiktion muss nicht nur retroperspektiv sein. Ich denke, sie hat auch Entwurfcharakter. Man entwirft sich als Fiktion, als Traum, und sieht dann zu, was sich davon machen lässt. Eine ganz ähnliche Form der Fiktion ist meines Erachtens “Business Fiction”. Als Business Fiction bezeichne ich alles, was mit “Businessplänen” bzw. Geschäftsplänen und entsprechenden Präsentationsmaterialien (z.B. Geschäftsberichte) zu tun hat. “Business Fiction” ist nicht pejorativ, nicht abwertend gemeint. Bei Business Fiction handelt es sich um Entwürfe, um Geschichten, die auf der Grundlage wahrer Annahmen und angenommener, tatsächlicher Handlungen wahr werden könnten. Wenn man sich vor Augen führt, dass gerade die Informationsgesellschaft über weite Strecken noch in den Kinderschuhen der Business Fiction steckt (YouTube, Twitter, Web2.0 usw.) und wie viele Leute beginnen, die wahren Fragmente solcher Business Fiction in ihre Bio Fiction einzuweben (insbesondere die “Akademiker”, d.h. Leute, die am Aufbau von Wissenschaft als einer riesigen, systematischen Erzählung teilhaben oder teilzuhaben vorgeben und die Inhalte und die Glaubwürdigkeit dieser Erzählung vermehrt auf die Bedürfnisse der Welt der Business Fiction abstellen) , dann könnte man sogar soweit gehen zu sagen, dass wir in einer über weite Strecken fiktiven Welt leben. Wer weiß, wie viele Menschen in Studium und Beruf zu Bio und Business Fiction genötigt sind, die Fiktion bleiben wird, weil sie den Grund wahrer Annahmen und realer Physik verlassen mussten. Phänomene wie die “Finanzkrise” o.ä. wären dann einfach nur kurze Moment des Massenerwachens – sozusagen Matrix in echt.
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Sorry für die Umstände – seit ich mit einem schlimmen Angriff auf meinen Webspace Anfang des Jahres zu paranoidesten Sicherheitsvorkehrungen gezwungen bin, ist das Kommentieren umständlicher geworden. Ich habe Deinen Kommentar vervollständigt und werd mich nach einem nachträglich Bearbeiten-PlugIn umsehen, damit sowas nicht wieder vorkommt.
Zum Theme Bio Fiction: Ja, einerseits finde ich diese übertrieben elitären Ansprüche an den CV als Aushängeschild und die Entschuldigung, damit die “Masse” der Bewerber in den Griff bekommen & die Besten auswählen zu wollen, übertrieben. Andererseits stelle ich fest, dass hinter meinen KommilitonInnen im Studium häufig wenig eigene Story steckt. Im Master war das anders, der war ziemlich speziell, aber im Bachelor gab es halt viele Leute, die ihr Abi gemacht haben, weil sie nicht wussten, wie es weiter gehen soll nach dem Realabschluss. Und dann haben sie nach dem Abi ein Studium in Germanistik und Päda begonnen, weil sie gerne lesen und mal was mit Kindern machen möchten. So das leider häufig in der Realität angetroffene Klischee. Ich vermisse – ohne zu sagen, dass das speziell ein Problem meiner Generation ist – so ein wenig die persönliche Geschichte, das persönliche Ziel, die Narration, die sich wirklich “abhebt” – nicht im nur im CV-Sinne sondern so als Biographie.
Das ist eine noch ziemlich ungare Idee, die ich schon länger mit mir rumtrage. Evtl. finde ich ja da noch mal einen produktiveren Zugang. Deine Hinweise auf Bio-Fiction und Business-Fiction helfen. Wenn ich da an eine große Notebook-Marke denke, da kann man schön sehen wie mächtig so eine “Legende” werden kann…
Liebe Amy,
warum dieser Hang zum unbedingten “abheben” seiner persönlichen Geschichte? Und welche versteckten Erwartungen hast du an die “persönlichen” Geschichten? Kann es auch eine Geschichte sein wie in der folgenden Vita: Schule-Depression-Studium-Depression, Hobbys: keine, außer Sitcom gucken Sprachen: keine besonders gut, persönliche Merkmale: neige zum Langweiler in den meisten Lebenslagen
Da vermutet man doch gleich einen provozierenden und kreativen Kopf dahinter?
Da die meisten Bio-Fiction Schreiber genau wissen was von Ihnen erwartet wird, im Sinne von, welche “persönlichen Geschichten” die “Lebenswegentscheider” hören wollen, fehlt Ihnen meistens das Felix-Krull-Moment (das nimmt man mir nicht ab, das kann ich nicht darstellen) oder es beschleicht Sie schlicht die Langeweile diese stereotypischen Storys zu vertreten.
Die Frage ist:
#1 Wie ist es zu dieser Nachfrage nach adäquater und tabellarisch darstellbarer Lebensgeschichte gekommen?
#2 Wie ist Adäquatheit bzw. “Angemessenheit” definiert und vor allem WER definiert sie?
Retroperspektive Bio Fiction erscheint mir in erster Linie eine Verteidigung gegen Bedrohungen der eigenen Lebenschancen durch “Lebenswegentscheider”, die nach dem Prinzip der “habituellen Ähnlichkeit” mit ihresgleichen oder mit den idealisierten Bildern auswählen, die ihnen eingetrichtert worden sind. (vgl hier und hier; zu den “idealisierten Bildern” siehe nur die Personalmanagementliteratur und die hier zur Norm erhobenen, um wissenschaftliche Legitimation bemühten Modelle der Personalauswahl mit den “Assessment Centern” als deren Gipfeln, die sogar von Leuten wie Hesse & Schrader für politisch und ethisch unverantwortbar gehalten werden und die deshalb in ihren Ratgebern hier offen zur Lüge, d.h. zur Bio Fiction aufrufen)
In Frankreich z.B. funktioniert das so nicht aufgrund der Concours. (Frag z.B. mal Eilert) Aber auch dort ist das kulturelle und soziale Kapital am Wirken – nicht in Form der Lebensgeschichte, aber in Form des Kompetenzvorsprungs, wobei auch dies wiederum in Vorteil durch Zugang zu prestigeträchtigen Eliteschulen (“Science Po”) umgemünzt wird – und zwar gerade mittels der Concours.
Das Verlangen nach einer Lebensgeschichte, die sich “abhebt”, ist ein Versuch Auswahlen zu begründen und zu legitimieren angesichts einer Gesellschaft, der es gelungen ist, soziale Ungleichheit in nie dagewesener Form zu minimieren. Tragisch und Ärgerlich daran ist, dass das erstrebenswerte Ideal fairer Lebenschancen und gleichwertiger Leben für alle aufgegeben wird zugunsten eines Konzepts der Selbstaufwertung mittels der Abwertung des anderen. Dies ist, wie Kaufmann genial zeigt, eine Verlegenheitslösung des Individuums in Folge des Identitätsprozesses im Kontext der Individualisierung. Das Verlangen nach der Lebensgeschichte, die sich “abhebt”, ist das Verlangen nach Anerkennung angesichts des strukturellen Defizits nach Anerkennung. (siehe Kaufmann, J.-C.: Die Erfindung des Ich. Konstanz 2005, S.197ff)
Die Frage an Amy lautet: Könnte sie, könnte eine andere AutobiographIn, die zufällig über adäquate Lebenserzählungsmaterialien verfügt, glücklich damit sein zu erfahren, dass sie am Ende einfach nur ein Mensch ist, wie alle anderen auch? Und vor allem: Könnte Sie Lebenschancen erhalten, wenn sie sich – politisch gerade zu revolutionär* – zu ihrer Gewöhnlichkeit bekannte? In einer sozialen Umwelt, die die Differenz wieder für erstrebenswert erklärt hat und Gleichheit als Wert nicht mehr anerkennen möchte, findet der, der gleich ist wie andere, keine besondere Anerkennung.
Blöd nur, dass Menschen der nivellierten Mittelschichtsgesellschaft Anfang/Mitte/Ende 20 in Deutschland meist eher gleich sind. Also muss man nach dem Abi was außergewöhnliches veranstalten, muss von Papis Geld in New York armen Kindern helfen oder sich irgendwie sonst “abheben”. Und wem dazu die Mittel fehlen, der kann sich ja immer noch eine Geschichte ausdenken. Denn: Wer soll das alles schon kontrollieren? Aber das ändert sich ja. Bald haben wir wieder genug Ungleichheit, dass wir wieder mehr Heldengeschichten von Menschen erzählen können, die wider alle Widrigkeiten durch Fleiß und Genie “aufgestiegen” sind. Was beklagst Du Dich da, Thomas? Findest Du in Deiner Geschichte nicht genug Stoff für eine rührende Heldengeschichte? Es bleibt dann allerdings die Frage, welche Ausgangsposition political correct ist. Früher, nach ein paar Jahren sozialer Emanzipation, durfte man Arbeiterkind gewesen sein. Aber darf man heute einfach nur ein Couch-Potato gewesen sein?
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*Der Revolutionär unserer Zeit ist insofern u.U., wer von sich sagt, er sei einfach nur ein Typ wie jeder andere auch und der willens ist, damit zu leben, ohne es deshalb jemandem Recht machen zu wollen. Wer indes um eine eigene Lebensgeschichte bemüht ist, die sich nach den anerkannten Regeln darum bemüht, sich “abzuheben”, der muss sich den Verdacht gefallen lassen, in Wahrheit ein Konformist zu sein.
Hi ihr beiden,
– ich vermeide mal Bourdieu, ist ja bekannt –
@Rolf:
Ich glaub das ist ein Missverständnis: Mit persönlicher Geschichte meine ich eben nicht das “und nach Jahren der Job- & Obdachlosigkeit stieg sie wie Phoenix aus der Asche und ist heute die umsatzstärkste Unternehmerin im Ort.” mit so einem Tellerwäscher zum Millionär-Pathos, das einfach der Illusion einer Just World unterliegt.
Ich meine damit eher die persönliche Motivation, etwas, dass einem selbst wichtig ist, auch zu erreichen. Es ist dabei mehr als Carpe Diem – sondern mehr so etwas wie: Ich entscheide was mir wichtig ist und verfolge das auch. Leider ist in Assessment Centern u.ä. diese persönliche Geschichte eines jeden Menschen schlecht nachzuvollziehen, weil Assessment Center ja eben die Bedingungen schaffen, die uns nicht unbedingt in natürliche Interaktion versetzen.
Naiv zu glauben, man könnte den vermeintlich perfekten Kandidaten beim Kaffeetrinken heraus finden. Bis dahin hätte man aber sicher spannende Geschichten gehört – jeder hat ja seine persönliche. Ich bin nicht der Meinung, dass sowas tabellarisch darstellbar ist. Die immer wieder verlangte, lückenlose Aneinanderreihung von Okkupationen im Ausbildungs- oder Berufssinne ist wirklich häufig nur ein Ausdruck dessen, was man zu erreichen versucht – spiegelt das aber selten direkt wider. Das finde ich nämlich gerade spannend: Die Geschichte die jemand darüber zu erzählen hat, was ihn / sie motiviert und was er / sie erreichen möchte – und wie.
Das mit dem “Abheben” ist also keineswegs so gemeint, dass man das xy seltenste begehrteste Praktikum mit Harvardabschluss und der ersten Buchveröffentlichung im Alter von 19 Jahren kombinieren muss. Vielmehr geht es zumindest mir um das Erkennen der eigenen Entscheidungsgrundlagen.
Zum Thema “einfach Mensch sein”: Ja es gibt sozialen Konformismuszwang – heute, wie vor 100, wie vor 1000 Jahren. Das ist nichts Neues in menschlichen Gesellschaften. So als Sozialpsychologin & -anthropologin fällt es mir aber generell schwer zu glauben, dass nicht jeder Biographie eine besondere Kombination von, nennen wir es möglichst neutral, “Umständen” zu Grunde liegt. Im Rahmen von sozialen Erwartungen aber auch biographischen Zwängen (was auf Makroebene u.a. in sozialen Milieus zu ähnlichen biographischen Strukturen führt) können auf Mikroebene eben doch oft individuelle Erklärungen gefunden werden. Die Motive mögen in Milieus ähnlich sein (Stichwort Konformismus) – die Erklärungen dazu variieren teilweise aber erfrischend. Zum Stichwort “einfach Mensch sein”: Was ist gewöhnlich, was normal (der Norm entsprechend)? Jeder Mensch ist bemüht, Sinn zu schaffen. So sind wir konstruiert – dieses Sinn machen ist für mich spannender als jede Auflistung von Lebensablaufstationen.
Wenn Du schreibst, dass Du gerade die Geschichte spannend findest “die jemand darüber zu erzählen hat, was ihn / sie motiviert und was er / sie erreichen möchte – und wie”, dann finde ich daran vor allem eines interessant: den Abgrund, der sich auftut, wenn die jeweilige Geschichte nicht anerkannt wird, wenn die erzählte Motivation nicht interessant und ausreichend erscheint. Ich finde die Erschöpfung spannend, die auch ich schon oft gespürt habe in einer Welt, die immer zu meine Energie, meine Motivation befragt bzw. in Frage stellt.
In diesem Moment der Befragung der Motivation kommt zu existentieller Not noch die psychische Not hinzu. In der Folge grassiert die Depression. Wie man bei Alain Ehrenberg (“Das erschöpfte Selbst“) und ähnlich auch in den Sozialstudien des Studentenwerks oder auch in Studien der HIS nachlesen kann, ist die Depression gerade in Folge des Wandels der Arbeitswelt und seiner Ansprüche an die selbstkontrollierte Motivation des Individuums seit Anfang der 80er Jahre auf dem Vormarsch (mit Anteilen von mehr als 15% der Bevölkerung)
Sie ist also in Folge der Überhöhung genau der Frage auf dem Vormarsch, die Du spannend findest und mit der Du exakt unserer Sozialisation entsprichst.
Die Folge der Depression ist die Handlungsunfähigkeit. Wie Ehrenberg zeigt, steigt der Absatz genau der Anti-Depressiva, die die Handlungsfähigkeit wieder herstellen, weil die Handlungsfähigkeit des Individuums das entscheidende Moment für das Funktionieren der Gesellschaft ist. In London soll man das Anti-Depressivum Prozac schon im Grundwasser nachweisen können.
Interessant ist für mich nicht die Frage, was Menschen motiviert, sondern die Frage, wie man es bewerkstelligen kann, Menschen in Frieden zu lassen und so anzuerkennen, wie sie leben, ohne ständig den Finger in die Wunde zu legen, ob sie so leben wollten. Denn warum soll ich mich denn um den kümmern, der motiviert ist? Warum braucht ausgerechnet der, der in seinen Projekten Sinn und Erfüllung findet, Anerkennung?
Es ist verrückt. Erst wird ein Bildungs- und Berufssystem aufgezogen, dass das Individuum nötigt, sich ständig zu verbessern, anzupassen, fortzubilden, sich selbst zu kontrollieren, weil es sich ansonsten in seiner Existenz bedroht fühlen muss. Und dann wird der Zugang zu den entsprechenden Institutionen verknappt und die Darstellung der Motivation, der Lebensziele und der vorhandenen oder nicht vorhandenen Pläne zu deren Erreichung zum Auswahlkriterium erhoben.
Und die ach so kritischen “Krisenkinder” – insbesondere die, die über ausreichende kulturelles und soziales Kapital auch für alternative Verhaltensweisen verfügen – machen das Spiel einfach mit, weil man sie ansonsten bedroht. Bedroht mit dem Ausschluß von institutionellen Formen der Anerkennung, die unmittelbar mit Lebenschancen bzw. mit ökonomischen Ressourcen verbunden sind.
“Das Universum expandiert!”, dies ist die Antwort der Hauptfigur in Woddy Allen’s “Stadtneurotiker”, als er, erst 10 Jahre alt, von einem Psychiater gefragt wird warum er depressiv sei.
Die Antwort seiner anwesenden Mutter ist bezeichnend für eine gefährliche, aber im Kern sehr gesunde Haltung. Sie lautet: “Wir sind hier in Brooklyn und Brooklyn expandiert nicht.”
Diese Haltung kennt zwei Bezugspunkte, eine, um Amy’s Gedanken aufzugreifen, Makro- und eine Mikroebene. Entscheidend für die seelische Gesundheit oder das Abwenden von psychischer Not ist Brooklyn, die Mikroebene. Warum? Weil meiner Erfahrung nach nur wenn meine Vorstellungen zu Leben und produktiv zu Sein mit denen meiner unmittelbaren Umgebung übereinstimmen ich überhaupt Handlungsfähig sein kann. Sonst artet alles in Rechfertigungsarbeit aus die sehr anstrengend ist. (Besonders wenn man sich vor sich selbst rechtfertigt) Das entscheidende bei der Mikroebene ist das ich sie unmittelbar auch beeinflussen kann; dies ist nicht leicht, aber relativ einfach. Bei der Makroebene ist weder das noch der Fall.
Ich vermute die Projektionsentwürfe für eine “richtige” Lebensführung kommt aus der Makroebene und war, wie Amy schon angemerkt schon immer da; Konformismus
Das Dilemma in einer vernetzten Welt ist einerseits, das die Unterscheidung zwischen beiden Ebenen zunehmend schwerer fällt und andererseits dadurch die Makroebene, meiner Ansicht nach viel Macht, im Sinne von Aufmerksamkeitserhaschung und Themenbesetzung, ausüben kann.
Wenn Florian schreibt:
“den Abgrund, der sich auftut, wenn die jeweilige Geschichte nicht anerkannt wird, wenn die erzählte Motivation nicht interessant und ausreichend erscheint. Ich finde die Erschöpfung spannend, die auch ich schon oft gespürt habe in einer Welt, die immer zu meine Energie, meine Motivation befragt bzw. in Frage stellt.”
Hier stellt sich für mich, in diesem Zusammenhang, immer die Frage wer stellt dich und deine Geschichte in Frage. Woody würde sagen; das Universum stellt mich, der ich nicht expandieren kann in Frage, meine Mama nicht. (Die stellt eher meinen Verstand in Frage, eines augenscheinlichen nicht expandierenden Brooklyns)
Dies führt dann wiederum zur Suche nach den Personen/Vorstellungen/Konzepten die zu meinem Mikro-System gehören, also meine Lebens- und Handlungsfähigkeit unmittelbar beeinflussen. Und wie kann ich mit Handlungsfähigkeit zerstörenden Phänomenen umgehen?
Abschottung von der Makroebene ist aber nicht Sinn der Übung. Es wäre auch unmöglich (besteht in weiten Teilen aus Tatsachen (physikalisch und sozial) die sich nur sehr schwer von der mikroebene steuern lassen) und auch ungesund (geschlossene Mikrosysteme neigen zur Unfreiheit für den Einzelnen (siehe zu Sekten, Diaspora’s) und kollabieren über kurz oder lang).
Darum ist die Haltung von Woodys Mama gefährlich.
Ihr relevanter Bezugspunkt ist nur die Mikroebene.
Welche Wege gibt es nun aus diesem Dilemma?
John Boyd “Patterns of Conflict”