Wolf, Anneke: Diaristen im Internet. Vom schriftlichen Umgang mit Teilöffentlichkeiten. Nr.1372
31. März 2008 | Rubrik: Identität und Erzählung | Tags: Öffentlichkeit, Schreiben, Tagebuch, Weblog | 893 mal gelesen
Wolf, Anneke: Diaristen im Internet. Vom schriftlichen Umgang mit
Teilöffentlichkeiten. In: kommunikation@gesellschaft, Jg. 3, 2002,
Beitrag 6 http://www.uni-frankfurt.de/fb03/K.G/B6_2002_Wolf.pdf
Anlass
In der Auseinandersetzung mit der Ausstellung zu Tagebüchern im Kommunikationsmuseum in Frankfurt a.M. habe ich begonnen, mich in die hier empfohlenen Texte einzulesen, die als Link zur Verfügng stehen. Darunter ist auch der Text von Wolf.
Inhalt
Wolf leitet mit Bemerkungen zum Verhältnis von Intimität und Öffentlichkeit ein und aus. Sie verweist hierbei auf Richard Sennetts Buch über die “Tyrannei der Intimität”. Wolf zufolge beklagt Sennett die abnehmende Fähigkeit der Bürger, in inszenierten sozialen Rollen zu agieren, wodurch Ihnen ein Agieren in der Öffentlichkeit weniger möglich ist als einstmals, weshalb sie der Passivität ausgeliefert sind. (16)
Wolf behauptet angesichts ihrer Untersuchung von Weblogs, dass es sehr wohl eine Unterscheidung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit durch die Autoren dieser Online-Tagebücher gibt, die jedoch weniger offensichtlich ist, als ein in der Vergangenheit wurzelndes Leitideal von Sennett. (17) Äußerst interessant finde ich Wolfs Feststellung, dass “die Ausgestaltung des Tagebuchs sich nach der Art der Interaktion richtet, die um das Dokument [herum] stattfindet”, d.h., dass es “öffentlich und verhandelbar” ist und eher “ein Dokument Vieler als des eines Einzelnen” ist.
(vgl. 17)
Wolf weist auf die Besonderheit des Online-Tagebuchs hin, die darin besteht, dass hier zumeist die eigene Person thematisiert wird. Dabei ergeben sich bereits aus den zur Realisierung eines Online-Tagebuchs notwendigen technischen, schriftlichen und anderen, zum Teil sozialen und kulturellen Kompetenzen Kriterien, wer solche Personen sind.
Wolfs Schwerpunkt ihrer Betrachtung liegt im Bereich der Betrachtung des Verhältnises der Autoren zur Öffentlichkeit bzw. zu den von Ihnen angesprochenen und konstituierten Teilöffentlichkeiten. So haben “lesende Gäste” für die Autoren eine “verpflichtende Wirkung” im Hinblick auf bestimmte Qualitäten wie Kontinuität oder Textqualität. Gerade deshalb sind die Inhalte der Online-Tagebücher eine Frage der Interaktion bzw. in gewissem Sinne Verhandlungssache. “Gerade Kritik und Beschimpfungen führen zu Überlegungen, welche Dinge thematisiert werden können und was besser nicht öffentlich gemacht werden soll. ” (6)
Die Gefahren liegen hierbei im “sozialen Nahbereich”, bspw. der Arbeitswelt. (vgl. hier die Diskussion über die Sagbarkeit bzw. die Öffentlichkeitsfähigkeit bestimmter Informationen über einen selbst oder eigene Absichten und Verhaltensweisen angesichts der Notwendigkeit, in Bewerbungssituationen konsistente und konfliktarme Biographien erzählen
zu können)
Im Umgang mit der Öffentlichkeit entwickeln Diaristen im Internet formale und inhaltliche Strategien. In Bezug auf das Formale weist Wolf darauf hin, dass Weblogs mit schriftsprachlichen Mitteln (wie Smileys, Pausen, Partikeln etc.) Mündlichkeit simulieren und somit Nähe suggerieren, während sie sich zugleich des Dialogs mit einer Öffentlichkeit bewusst sind. Weblogs sind Wolf zufolge also Simulationen eines persönlichen Dialogs mit vielen Einzelnen.
Neben diesem formalen Kniff verfolgen Autoren inhaltliche Strategien. Wolf zählt hier neben der Vermündlichung das Erklären, die Anlehnung an bekannte Kommunkationsverläufe und das sich Beziehen auf gemeinsame Wissensbestände (bspw. unterstellte gemeinsame Erlebnisräume, angenommene gemeinsame Normen, medienvermittelte Internetdiskurse)
Die jeweils unterschiedlichen Leserkreise bzw. Teilöffentlichkeiten werden demzufolge unter Verwendung voneinander unabhängiger, im Einzelfall miteinander geteilter Wissensbestände und Normengefüge angesprochen.
Einer tatsächlichen Intimität widersprechen die Inhalte. Denn die Auswahl der Themen richtet sich Wolf zufolge nach ihrer Vermittelbarkeit. (11) Wolf folgert hieraus auf eine Spielart des Weblogs als einer privat inszenierten “Daily-Soap”, in der der Autor mit der Herausgabe intimer Informationen spielt und somit sein Publikum über einen längeren Zeitraum an sich teilhaben lässt und an das Weblog als Publikum bindet.
(12)
Die Autoren von Weblogs konstituieren Wolf zufolge sehr wohl Öffentlichkeiten, auch wenn die Möglichkkeit einer Konstitution von Gemeinschaft im Internet von anderen Autoren bezweifelt wird (siehe 13) Dies geschieht durch die Konsruktion von Gemeinschaften mittels des Verweisens auf die Weblogs der Gruppenmitglieder, wodurch Themen thematisiert werden und die Existenz einer Gemeinschaft dokumentiert werden kann (siehe 13f) Darüberhinaus sind Online-Kontakte Wegbereiter für Offline-Kontakte (vgl. die Wirkung der Internetseiten der Studierenden des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Leipzig.)
Klicken Sie hier, um diesen Artikel weiter zu empfehlen:
[...] Internet auseinandersetzen. Sehr interessant hier Anneke Wolf: Diaristen im Internet . (siehe hier meine Exzerptnotizen) Wolf analysiert unter anderem das Verhältnis der Autoren von Weblogs zu den antizipierten und [...]