Wenn sich Studierende für das Falsche engagieren
7. August 2008 | Rubrik: Vermischtes | Tags: Leipzig | 729 mal gelesen
An meiner Heimatuniversität, der Universität Leipzig, verleiht ein Förderverein seit Jahren einen Preis für “besonderes Engagement für die Interessen der Universität” und glänzt Jahr für Jahr durch seine peinliche Preisverleihungspolitik. Erstens wird an dieser Universität mit 30.000 Studierenden nur ein einziger solcher Preis an höchstens ein oder zwei Personen verliehen (in Zahlen: 1 oder 2). Zweitens sind das nicht selten Personen, die mit Fördervereinsmitgliedern in Gremien zusammenarbeiten oder sich irgendwie anders lieb Kind gemacht haben. Drittens ist man bei der Preisverleihung sehr darum bemüht, die Preisträger bei der Preisverleihung lieber keine Rede halten zu lassen, aus Angst, sich Kritik anhören zu müssen. Für jedermann, der an der Universität Leipzig wirklich engagiert ist, ist das Problem leicht zu erkennen: das unübersehbar vielfältige Engagement der Studierenden in vielfältigen Bereichen in und um die Hochschule passt nicht zu dem, was sich die Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e.V. unter “besonderem Engagement für die Interessen der Universität” so vorstellt. Die Ironie bei alledem: Der Natonek-Preis trägt den Namen eines Studierendenvertreters, der sich in der NS- und SED-Zeit durch Zivilcourage und oppositionelles Verhalten ausgezeichnet hat.
Nun ist es auch im Jahr 2008 wieder soweit, den Preisverleihern den Spiegel vorzuhalten. Zeit für einen “Offenen Brief” der Studentinnen und Studenten des Fachschaftsrats Politikwissenschaft am Institut für Politikwissenschaft an den Förderverein, den man mit Genuß lesen sollte. Hier ein ein Auszug:
“Sehr geehrte Damen und Herren,
wir [...] begrüßen die Ausrufung eines Preises für “besonderes Engagement für die Interessen der Universität” wie der Verein es seit 1996 tut. Dass Wolfgang Natonek mit seinem Namen für diese Leistung als Vorbild und Namenspate für genannte Leistung steht, ist nur allzu klar nachvollziehbar. [...] Natonek versuchte die einseitige, besitzergreifende Politik der SED vom Forschungs- und Lehrbetrieb der Universität fernzuhalten. [...] Mit der Politik der Preisverleihung der letzten Jahre aber geht es unseres Erachtens nicht mehr um dieses ehrenamtliche Engagement [...] Wenn eine Preisverleihung “leider” (Jahresbericht 2005), und ohne Angabe von Gründen von der Immatrikulationsfeier wegverlegt wird, wenn die Auszeichnung herausragenden ehrenamtlichen Engagements an die Bedingung guter Noten geknüpft wird, ja gar behauptet wird, dass man in einem Jahr den Preis nicht vergeben hätte können, weil nicht hinreichend Bewerber die quantitative und qualitative Voraussetzung” (Jahresbericht 2006) mitbringen, dann wirft dieser Preis einen Schatten auf den Namen Wolfgang Natoneks. Noten oder inneruniversitäre Stellung, waren für seine Handlung gerade nicht entscheidend, sondern eine Fürsprache im Sinne einer vom SED-Regime unbedingten Universität. [...] Die 2006 vom Förderverein geäußerte Annahme, dass es kein hinreichendes Engagement – sowohl in quantitativer, als auch in qualitativer Hinsicht – für die Interessen der Universität von Seiten der Studierendenschaft gegeben hätte, trifft in Anbetracht der kritischen Begleitung des Bachelor/Master-Prozesses, der Novellierung des Sächsischen Hochschulgesetzes und des kontinuierlichen ehrenamtlichen Engagements in den Instituten schlichtweg nicht zu. [...] So aber hat der Preis den Anschein einer konformistischen – weil notengebundenen – Würdigung der Fähigkeit sein Curriculum nicht nur notentechnisch auszubessern, sondern auch noch die soziale Kompetenz klug in seine Vita zu integrieren. Es wird das selbstunternehmerische Dogma “erst die Arbeit, dann das Engagement” propagiert, weil eben nur die Verknüpfung zum Erfolg führt. [...] Wir würden uns wünschen, dass der nächste Natonek-Preisträger – wenn sich nicht wieder an einer Universität mit fast dreißigtausend Studierenden keine hinreichend qualifizierten Engagierten finden lassen – diese Problematik einmal anspricht und zwar auf der Immatrikulations-Feier.”
(fett: eigene Hervorhebung)
Ich denke, die KommilitonInnen haben in wunderbarer Weise Recht.
Das Wunderbare und Unterhaltsame an diesem jährlich missglückendem Versuch dieses Fördervereins, einen Preis für studentisches Engagement zu verleihen, ist die Selbstentlarvung der in Wahrheit farblosen Preisverleiher im Kontrast zu der fulminanten Leistungsfähigkeit und Pluralität der engagierten Studierendenschaft. Die Studierendenschaft sollte sich im Gegenzug ihrerseits überlegen, einen Preis für “herausragende Vorbilder im Bereich des öffentlichen Lebens” zu vergeben. Mit Rücksicht auf die besondere Qualität der Leipziger Gesellschaftskultur in – und außerhalb der Universität – insbesondere in deren höheren Sphären – könnte der Preis in den ersten zehn Jahren ja “der toteste Fisch”, “ruhender Mikadostab” oder so ähnlich genannt werden.
An der Diskussion des Offenen Briefs im Internetforum der Studierenden der Politiwissenschaft habe ich mich mit dem Hinweis beteiligt, die Universität tue gut daran, “nicht nur ein oder zwei Leute zu ehren, die einem selbstgefälligen Kommittee zufällig untergekommen sind, weil sie in ihrer Position durch Prominenz für das Kommittee am leichtesten zu finden waren”. Eine Vervollständigung dieser meiner etwas verknappten Formel durch einen weiteren Diskutanten folgte prompt. Sie bringt sehr schön zum Ausdruck, was ich beschönigender Weise eigentlich zu sagen vermeiden wollte:
Florian, Du irrst ein wenig! Auch wenn sicher der eine oder die andere den Preis durch Engagement verdient haben bzw. durch ihre Arbeit bekannt geworden sind: Ein nicht geringer Teil der Natonek-Gepriesenen hat sich selbst vorgeschlagen oder wurde von Ihnen oder Ihr sehr nah stehenden Personen vorgeschlagen. Man kann, wenn man damit nicht den wenigen “verdienten” PreisträgerInnen unrecht tun würde, durchaus behaupten, dass der Preis für die beste Klüngelei und Kungelei verbunden mit ein wenig Schleimerei verliehen wird, aber nicht an diejenigen, die den Ausschreibungsbedingungen “entsprechen”. Selbiges kann man im übrigen fast in gleicher Form auch vom “Litt-Preis” sagen, dem anderen Preis der Freunde und Förderer der Uni Leipzig. Aber so etwas sollte man dann doch lieber nicht zu laut sagen…
(Anmerkung: Der Theodor-Litt Preis wird an der Universität Leipzig für “besonderes Engagement in der Lehr” vergeben)
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