Wimmer, Jeffrey: Gegenöffentlichkeit 2.0: Formen, Nutzung und Wirkung kritischer Öffentlichkeiten im Social Web.
13. September 2008 | Rubrik: Politik, Medien und Kommunikation | Tags: Öffentlichkeit, Politik, Medien und Kommunikation | 777 mal gelesen
Wimmer begreift den klassischen Begriff “Gegenöffentlichkeit” als “öffentlichkeitswirksame Aktionen der neuen sozialen Bewegungen” (S.210). Er definiert ihn ferner als “gegen eine hegemoniale Öffentlichkeit gerichtete Teilöffentlichkeit, die um einen spezifischen gesellschaftlichen Diskurs oder Standpunkt herum strukturiert ist” (S.213). Solche Gegenöffentlichkeiten sieht er aufgrund des politökonomischen Wandels, des gesellschaftlichen Wandels und mit ihm verbundenen Möglichkeiten für politische Kollektivakteure sowie aufgrund des medientechnischen Wandels im Aufwind. Für Ausschlaggebend hält er aber nicht die Technik, sondern die Integration der neuen Medien in die “politische Praxis der Aktivisten”. Er stellt dann die Frage, inwiefern das Social Web “neuartige Formen von Gegenöffentlichkeit” erlaubt. Wimmer unterscheidet drei Formen von Öffentlichkeiten, gestaffelt nach gesellschaftlicher Makro-, Meso- und Mikroebene:
- kritische, sich mithilfe alternativer Medien Gehör verschaffende Teilöffentlichkeiten mit marginalisierten Positionen
- politische Lern- und Erfahrungszusammenhänge innerhalb alternativer Organisationszusammenhänge
- “(zum Großteil individuellen) Medienaktivismus gerade im Bereich der neuen Medien
Zu den “Interaktivitätsdimensionen” der neuen Medien zählt er hierbei die Verwendung von Logos, Enhüllungswebseiten, Koordinations- und Kommunikationszentren, elektronische Kettenbriefe u.ä. (S.216f) Auf der Basis einschlägig bekannter Beispiele unterscheidet Wimmer
- alternative Informationsquellen
- alternative Nachrichtendienste
- alternative Publikations- und Diskursplattformen
Die so geschaffenen Angebote schaffen durch die Wissensvermittlung einen gesellschaftlichen Nutzen auch jenseits der politischen Absichten. Zudem weist Wimmer auf die Interdependenz alternativer und etablierter Medien durch die gegenseitige Übernahme von Inhalten hin. Zudem übernehmen etablierte Medien die von den alternativen Medien entwickelten Interaktionsformen – bspw. mit dem Ziel der Verbesserung der Leser-Blatt-Bindung.
“Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung und den traditionellen Massenmedien ist die Zahl der aktiv Partizipierenden immer noch sehr gering. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Blogosphäre kein temporäres Phänomen ist, das als Modeerscheinung bald wieder verschwinden wird, sondern sich als ein fester Bestandteil alternativer Kommunikationswege erweist.” (S.220)
Wimmer weist darauf hin, dass es auch bei den alternativen Medien eine Entwicklung der Ausgestaltung des Zugangs und der Teilhabemöglichkeit gibt, mit der sich auch die Produktion und Selektion von Nachrichten verändert. (siehe S.221) Da die alternativen Öffentlichkeiten auf den beobachtbaren Plattformen Informationen verbreiten, die sich komplementär zu der Berichterstattung der etablierten Medien verhält, sieht Wimmer “Anpassungsprozesse alternativer Medien an die Strukturen etablierter Medien” gegeben.
“Auch gilt für den Online-Bereich, dass trotz eines großen Engagements alternativer Medienmacher und dem sich gewandelten Verhältnis zur Kommerzialität eine (andauernde) Abhängigkeit alternativer Öffentlichkeiten von öffentlichen Geldern festzustellen ist” (S.222)
Zur Wirkung von Gegenöffentlichkeiten zählt Wimmer
- inter media agenda setting,
- massenmediale Resonanz,
- journalistische Kommunikationspraxis,
- Mobilisierung alternativer Medienmachern, Bewegungsakteuren und Publikum
Er weist hier darauf hin, dass “die Online-Angebote gegenöffentlicher Akteure [...] nicht automatisch deren Medienresonanz” vergrößern (vgl. S.223)
Wimmer zufolge belegt die Empirie seine theoretische Annahme, dass das Social Web vorrangig der “Vernetzung der Bewegungsteilnehmer” und der “Formierung einer gemeinsamen kollektiven Identität” dient. Die “rechtlichen, ökonomischen und organisatorischen Einschränkungen, denen partizipatorische Gegenöffentlichkeiten unterliegen”, lassen sich durch die “Möglichkeiten neuer Medien [...] z.T. auflösen, da z.B. Online-Kommunikaitonsnetzwerke themenzentrierte Gegenöffentlichkeiten und eigenständige Diskurse entfalten können”. (S.224) Diese werden jedoch “durch den Konkurrenzdruck kommerzieller Organisationen oder durch rigide rechtliche Vorgaben in ihrer Autonomie bedroht.” (ebd.)
Zwei letzte Bemerkungen Wimmers erscheinen mir besonders erwähnenswert:
Erstens bleiben in dieser Art der Betrachtung all jene Gegenöffentlichkeiten unbeachtet, die sich zwar der I&K-Technologien bedienen, diese jedoch nicht öffentlich, sondern lediglich interpersonal einsetzen. (ebd.)
Zweitens weist Wimmer auf das Innovationspotential der “Online-Gegenöffentlichkeiten” für die “etablierte Politik” hin. So zeige sich das Demokratiepotential “in durch Gegenöffentlichkeiten initiierter gesellschaftlicher Solidarisierung, in den Partizipationsmöglichkeiten am eigentlich exklusiven massenmedialen System und in alternativer Kommunikationspraxis gerade auf lokaler Ebene.” (S.225)
“Allerdings ist abschließend festzustellen, dass die neuen Technologien bisher nichts an den grundlegenden ökonomischen Faktoren geändert haben, die den etablierten Medienkonzernen ihre marktbeherrschende Stellung ermöglichen” (S.226)
Vergleiche zu diesem letzten Punkt meinen Text “Kein Geld im Web2.0 aufgrund mangelnder Marktinnovation?“
Klicken Sie hier, um diesen Artikel weiter zu empfehlen:
[...] und der Politik verschreibt – scheint mir nach genauerem Hinsehen vor allem Wimmers Text über Gegenöffentlichkeit und Wittes Text zum “Social Web” in der Politikberichterstattung originell. Der Rest [...]