Mentzer, Alf; Sonnenschein, Ulrich (Hg.): Die Welt der Geschichten. Kunst und Technik des Erzählens.
3. Dezember 2007 | Rubrik: Vermischtes | Tags: Erzählung | 276 mal gelesen
[Exzerpt]
Vorwort
Erzählen ist nicht auf die schöne Natur beschränkt (9). „In der restlichen Welt haben die Erzählungen eine Funktion. [...] Erzählungen finden überall dort statt, wo aus zeitlich vertrauten Ereignissen eine sinnvolle Einheit geformt werden muss. [...] Immer ist Bedeutung in Strukturen des Erzählens gebunden. Das Erzählen schafft Bedeutung. [...] In allen Bereichen [...] hat nur, was sich in Geschichten packen lässt, Sinn, Ordnung, Grenzen, Anfang und Ende.“ (9f) Aus letzterem folgt, dass Erzählungen notwendige Bedingungen für Mitteilung und Verständnis sind.
Auch Identität wird durch Erzählung gestiftet, geformt und bewahrt: „Jede Erzählung lebt durch ihren kulturellen oder gesellschaftlichen Hintergrund. In ihr werden kulturelle Deutungsmuster realisiert, tradiert und transformiert.“ (10) Dies gilt, so die Autoren, sowohl für das Individuum, als auch für die kulturelle oder politische Einheit.
Dabei vergleichen die Autoren das Selbstbewusstsein der Gesellschaft mit dem Selbstbewusstsein des Individuums. Erst in der „rekapitulierenden Rückschau“ werden dem Dasein eine „biographische Geschichte“ verliehen. Erinnern vollziehe sich in Geschichten. Die Stabilität des Selbstverhältnisses hänge von der Konsistenz der Ich-Erzählung ab. „In der Selbstpräsentation entsteht das wahrnehmbare Ich. Und der eigene Erfolg [...] hängt in großem Maße davon ab, wie diese Ich-Erzählung strukturiert und aufgebaut ist.
Aus dieser Argumentation folgern die Autoren: „Wer sich und seine Umwelt verstehen will, der muss die narrativen Elemente und Gesetzmäßigkeiten kennen, mittels deren Individuen, Gruppen, Parteien, Gesellschaften sich präsentieren, der muss über narrative Kompetenz verfügen.“ (11) Das heiße, „das Gemachtsein von Geschichten zu durchschauen“ ebenso wie „Lebens-Geschichten“ verfertigen zu können.
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[...] Personen vorziehen und „das Gemachtsein von Geschichten” nicht zu durchschauen“ (siehe Mentzer/Sonnenschein 2007, S.11). Statt sich mit den Widersprüchen zwischen den scheinbar schlichten Erwartungshaltungen der [...]