Beitrag zu Chancen, Risiken und Ökonomie der Koevolution neuer Medien und Gesellschaft

Vor ein paar Monaten hatte ich eine Rezension zu Gisela Schmalz “No Economy” geschrieben, zu der ich von Frau Schmalz sogar ein anerkennendes Feedback per Email erhielt. Am 4. Februar lief nun eine interessante Sendung “Die Welt ist flach. Chancen und Risiken der digitalen Veränderung” auf 3Sat, bei der der Moderator Gert Scobel mit Gisela Schmalz (FH Köln), Frank Schirrmacher (FAZ) und Constanze Kurz (Chaos Computer Club) diskutiert.

Die Sendung gibt es nun als Podcast zum Download:

http://podfiles.zdf.de/podcast/3sat_podcasts/100204_internet_scobel_p.mp3

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Zukunft des Journalismus: öffentliche Umlagefinanzierung versus Wandel der Geschäftsmodelle

In diesem Beitrag will ich kurz ein paar Fundstellen notieren, die ich nach dem erneuten Lesen in dem Blog Amy’s Welt von Anna-Maria Müller in Erinnerung behalten und zu meinen Überlegungen in Beziehung setzen möchte. Nachdem ich nun in Amy’s Welt immer mehr interessante Gedanken und Hinweise finde, muss es einfach raus: Ich bin beeindruckt! Ich denke, zu einem treuen Leser zu werden. mehr »

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Exklusion versus Inklusion. Notizen zu Steinfelds “Piraten und Papier”, SZ Nr.134, S.9

Thomas Steinfeld greift im SZ-Feuilleton vom 15.06.2009 den Wahlerfolg der Piraten-Partei auf, die bei den EU-Parlamentswahlen 7,1% der Stimmen in Schweden bekommen hat. Angesichts eines Trends zur Kostenlosigkeit wertvoller Informationen,  der scheinbar von den Piraten und privatwirtschaftlich subventionierten Stiftungen verkörpert wird, macht sich Steinfeld Sorgen um die ökonomische Lebensfähigkeit einer  Öffentlichkeit, die von Zeitungen und Informationsproduzenten organisiert wird, die durch das Urheberrecht geschützt sind. Steinfelds Artikel verweist aber noch auf einen anderen Aspekt: Auf den Gegensatz zwischen dem Prinzip der Exklusion, welches die etablierten Institutionen der räsonierenden Öffentlichkeit konstituiert, und dem Prinzip der Inklusion, welches sich in einer Öffentlichkeit ausbreitet, die durch das Internet geprägt ist. Ich denke, dass sich erst hieraus ein Antwort auf Steinfelds Frage ergibt, was das Neue jenseits der bloßen Ablehnung des Althergebrachten sein könnte.

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Journalisten sind auch nur User. Warum also nutzergenerierte Inhalte nur als kostenlos verfügbare Kollektivgüter betrachten?

Seit Jahren läuft eine begeisterte Diskussion, bei der dem Web aufgrund seiner gelungenen Öffnung für nutzergenerierte Inhalte als kostenloser Ressource sozialrevolutionäres Potential zugeschrieben wird. Häufig fällt das Stichwort „Web 2.0“. Die Begeisterung für Dienste und Informationen als kollektive Güter geht aber auch mit handfesten ökonomischen Interessen einher. Gerade Medienunternehmen sind an preiswerten Ressourcen interessiert. Zwar herrscht auch hier Begeisterung für neue Möglichkeiten der Teilhabe, doch beim Geld hört die Freundschaft plötzlich auf. Warum? Im folgenden Rezensionsessay gehe ich dieser Frage nach. Dreh- und Angelpunkt ist dabei  „User generated content“ (UCG), den Medienunternehmen als Erlösquelle zu schätzen lernen. Eine entsprechende Erörterung dieses Ansatzes findet sich in der Diplomarbeit von Philipp Sebastian Rogge, die im Juni 2007 als Arbeitspapier des Instituts für Rundfunkökonomie an der Universität zu Köln unter dem Titel “Nutzergenerierte Inhalte als Erlösquelle für Medienunternehmen[1] publiziert worden ist.  Ich versuche zu zeigen, inwiefern dieser Ansatz bestehende Marktstrukturen konserviert, das Nachdenken über mögliche Erlösquellen im Zusammenhang mit Informationsgütern auf Werbung reduziert und die Produktion von Informationen als entgeltlichem Wertschöpfungsprozess außer Acht gelassen wird. Enthusiasten, Sozialrevolutionäre und Medienwirte vereint dabei, dass  es an Ideen mangelt, wo und in welchen Kontexten Information Nutzen stiftet und ihr (pekuniärer) Wert ermittelt werden kann.

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Literaturhinweise zur Frage, warum Wikis funktionieren, Blogs nicht

Johan Schloemann weist in der SZ vom 3. Juni 2009 auf drei Autoren hin, die  dem Wiki-Prinzip  den Ritterschlag erteilen: David Runicman, lehrender Politologe aus Cambrigde und “Großneffe von Runciman, dem berühmten Historiker”, der im London Review of Books sein Rezensionsessay über “The Wikipedia Revolution” von Andrew Lih veröffentlicht hat. Und Cass R. Sunstein,  “Kollege des späteren US-Präsidenten [Obama] an der Chicago Law School”, mit einem eigenen, sogar schon auf Deutsch übersetzem Buch “Infotopia. Wie viele Köpfe Wissen produzieren.”  All diese Autoren bejahen die Frage, ob Wikipedia funktioniert, und leiten zu der Frage über, warum. Zumindest tun sie dies nun auch für die Zielgruppe all jener wie “Lehrer in Schule und Universität”, die davon noch aus der SZ erfahren müssen. mehr »

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Donsbach vergleicht Krise des Journalismus mit Politikverdrossenheit

Passend zu meiner Bemerkung an anderer Stelle, Zeitungen in der althergebrachten Form gingen mit den Parteien in ihrer althergebrachten Form unter, finde ich heute morgen auf den Seiten von HoriCon den Hinweis auf den Artikel “Journalismus in der Vertrauenskrise” im Schweiz Magazin. Darin wird das neue Buch “Entzauberung eines Berufs” von Wolfgang Donsbach u.a. vorgestellt, in dem Donsbach und seine Co-Autoren eine telefonische Repräsentativbefragung zur öffentlichen Wahrnehmung des Journalismus in Deutschland vorstellen, wobei die Entzauberung des Journalismus mit der Politikverdrossenheit verglichen wird. mehr »

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Wozu Zeitung? Eine ratlose Elite auf der Suche.

Wozu Zeitung?“ titelt die Beilage der Süddeutschen Zeitung am 8.5.2009. Wieder einmal ist eine Elite ratlos: Diesmal die der so genannten „Presse“, also der werbefinanzierte Teil der Informationswirtschaft, deren Produkte sich an wenig differenzierte Massenpublika statt an Nischenpublika richten. Sie weiß nicht, wie sie ihr Geschäftsmodell, das namensgebend auf Druckerpressen und physischen Papierdistributionssytemen beruht, in eine Informationsgesellschaft hinüberretten soll, die sich durch das Internet verändert. mehr »

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SZ thematisiert Effekt der Finanzkrise auf Web2.0-Unternehmen

Bezogen auf einen Kommentar von Alexander Dill eine interessante Fundsache.

“Von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt hat sich in den vergangen Jahren eine neue Blase gebildet, kleiner zwar als die erste, aber nicht weniger spektakulär. Und dem Schlagwort Web2.0″ (SZ Nr.93, 23.04.2009, S.24)

Dill vermutete, vieles im Web2.0 ginge nun mit der Blase an den Finanzkrise baden. Die Süddeutsche Zeitung titelt heute  “Neue Seiten, alte Fehler” und berichtet, dass Risikokapitalgeber kein Interesse mehr an Gründern hätten, die mit Begriffen wie “Web 2.0″ hantieren (Zitat Earlybird). Viele Web2.0-Gründungen verschwänden nun, da mit der Wirtschaftskrise eine Flaute im Internetwerbebudget begonnen habe und “große Investoren wie etwa Pensionsfonds an der Börse einiges verloren haben”, sodass nun weniger Geld in Wagniskapitalfonds fließe.

Web 2.0 wird in dem Artikel auf die Idee reduziert, die Nutzer für die Inhalte selbst sorgen zu lassen. Erfolgsbeispiel des Artikels ist ein ehemaliger Sächsischer Olympia-Athlet, dessen Plattform bereits zum Zeitpunkt der Finanzierung 3500 Nutzer gewinnen konnte und die sich als “modernes Sportmagazin”, nicht aber als Community und schon gar nicht als “kostenpflichtiger Premiumdienst” verstehe. Paradoxerweise  aber soll die Haupteinnahmequelle Werbung sein. Bezogen auf Dills Kommentar ist interessant zu lesen, dass Google Youtube für 1,7 Milliarden $ gekauft, das Videoportal jedoch bislang keinen Gewinn erwirtschaftet haben soll. Microsoft sollen 1,6% von Facebook 240 Mio € Wert gewesen sein.

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Geschützt: Kilian, Thomas; Hass, Bertold; Walsh, Gianfranco: Grundlagen des Web 2.0.

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Nachtrag zu Jessens traurigen Strebern: Oskar Piegsa begeistert sich für Mercedes Bunz

(Randnotiz) Die Diskussion der Polemik von Jens Jessens, zu der ich auch einen kleinen Beitrag verfasst habe, reißt nicht ab. Ich bin mit Oskar Piegsa einer Meinung, dass die gehäuften Suchen nach Jessens Artikel bei Google darauf hindeuten, dass es sich um ein beliebtes Aufsatzthema handelt. Soweit Piegsas Aufhänger, mal wieder auf Jessens Artikel zurückzukommen. Dann verweist er auf einen Artikel von Mercedes Bunz, der seiner Meinung nach “als Prothese für den Missing Link”  zwischen Jessens Text und Fusts Reaktion heran gezogen werden kann (”Erhörte Gebete: Kapitalismus, Popkultur, Internet”, De:Bug 131, April 2009, S.19–22)”. mehr »

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Subversion heute. Fusts’ Reaktion auf Jessens traurige Streber.

Manchmal wiederhole ich spaßeshalber Suchen bei Google, durch die andere hier her gelangt sind. Auf diese Weise lernt man die digitale Nachbarschaft kennen. So zum Beispiel einen Text von Boris Fust, Autor eines Romans über Generation Praktika, der wie ich mit einem Kommentar auf den Beitrag “Die traurigen Streber” von Jens Jessen in der Zeit reagiert hat. Fust vermutet, dass Jessen und Co. bloß sich selbst und ihre Generation zum Maßstab der Jüngeren erheben, ansonsten aber keine Ahnung haben. Dann skizziert er seine Variante der Subversion, deren Wirkungsmechanismen er zwar nicht zu beweisen versucht, von der man aber nicht behaupten kann, nicht schon einmal davon gehört zu haben. Dabei gelingt Fust ein Wurf, der sich inhaltlich bewahrheiten könnte. Hier ein Auszug: mehr »

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Orientierungslos in der Informationsgesellschaft

“Ein Leben ohne Fernseher ist in der Regel ein glücklicheres, besser informierteres, menschlicheres”, schreibt Rahim Taghizadegan in seinem bemerkenswerten Essay “Information statt Deformation” am 12.03.2008. Laut Taghizadegan macht es keinen Sinn, fernzusehen, Zeitungen oder Blogs zu lesen, solange wir für die vermittelten Inhalte keine Verwendung haben. Wofür aber haben wir Verwendung? Im folgenden versuche ich, Taghizadegans Gedankengang in eigenen Worten nachzuvollziehen und durch eine kritische Würdigung zu ergänzen, indem ich seine Gedanken mit dem Bereich der politischen Kommunikation in Verbindung bringe. mehr »

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Im Web wird doch mehr gelesen als geschrieben

Unter dem Titel “Was von der Zukunft geblieben ist” vergleicht Thomas Roessing die sieben Thesen von Margot Berghaus, die sie 1997 in ihrem Aufsatz “Was macht Multimedia mit Menschen, machen Menschen mit Multimedia?” aufgestellt hat. Für mich ist hier vor allem interessant zu lesen, in welchem Verhältnis lesen und schreiben, d.h. Konsumtion und Produktion von Inhalt stehen.

Angesichts der Entwicklungen in dem Bereich, der mit demSchlagwort Web 2.0 assoziiert wird, scheint Berghaus‘ These aus dem Jahr 1997 durchaus zutreffend zu sein: „Das traditionelle Massenmedienmodell gilt nicht mehr: „‘Sender‘, ‚Medium‘ und ‚Empfänger‘ (‚Publikum‘) werden demontiert“ (Berghaus 1997: 77). „Mitmach-Web“ und Web 2.0 sind in aller Munde, der Rezipient scheint endgültig den Schritt zum Kommunikator getan zu haben: Blogs, Wikipedia, Medienplattformen wie Youtube und Produktbewertungsseiten leben vom Engagement der Nutzer, User-Generated-Content ist zentrales Merkmal des Phänomens hinter dem Schlagwort Web 2.0 (Kilian/Hass/Walsh 2008). Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass nicht nur das Schlagwort einen Entwicklungssprung vorgaukelt, der sich in Wirklichkeit lediglich als eine kontinuierliche Entwicklung darstellt. Auch die Bedeutung der von Nutzern bereitgestellten Inhalte wirkt wie durch die Lupe der YouTube-Euphorie vergrößert. Nur ein geringer Teil der Nutzer der Web 2.0-Plattformen trägt selbst etwas bei: sieben Prozent bei Videoportalen, 25 Prozent bei Weblogs, sechs Prozent bei Wikipedia (laut ARD/ZDF-Onlinestudie, Gscheidle/Fisch 2007: 401), der Löwenanteil der Nutzer besteht weiterhin aus klassischen Nur-Rezipienten, „Lurkern“ im Jargon des Internet.

Ich habe hierzu zwei Gedanken. Erstens erkenne ich auch hier die ökonomische Frage, was Nutzer davon haben, Inhalte zu produzieren, um sie als Kollektivgüter zur Verfügung zu stellen. Dies habe ich bereits unter der Überschrift “Kein Geld im Web2.0 aufgrund mangelnder Marktinnovation?” angesprochen. Deshalb empfinde ich es als Bestätigung meiner dortigen Überlegung, wenn Roessig in seinem Fazit schreibt:

In zehn Jahren hat sich im World Wide Web vieles geändert, manches rasant, anderes nur allmählich. Das Web hat die Medienlandschaft gewandelt aber nicht revolutioniert, es hat aus Rezipienten Kommunikatoren gemacht, wenn auch nicht in dem Ausmaß, das der Hype um Web 2.0 nahe legt.

Zweitens aber muss man einräumen, dass es doch recht viel ist, wenn 25 von 100 Weblog-Autoren nicht nur einen fremden Inhalt wiedergeben, sondern etwas selbst produziertes zur Verfügung stellen. Zum Vergleich: Wieviel Prozent der Tageszeitung oder des Fernsehprogramms stammen denn von den Lesern/Zuschauern?

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Wimmer, Jeffrey: Gegenöffentlichkeit 2.0: Formen, Nutzung und Wirkung kritischer Öffentlichkeiten im Social Web.

In: Zerfaß/Welker/Schmidt (Hg.): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Bd.2, Köln 2008, S.210-230 [1392]

Wimmer begreift den klassischen Begriff “Gegenöffentlichkeit” als “öffentlichkeitswirksame Aktionen der neuen sozialen Bewegungen” (S.210). Er definiert ihn ferner als “gegen eine hegemoniale Öffentlichkeit gerichtete Teilöffentlichkeit, die um einen spezifischen gesellschaftlichen Diskurs oder Standpunkt herum strukturiert ist” (S.213). Solche Gegenöffentlichkeiten sieht er aufgrund des politökonomischen Wandels, des gesellschaftlichen Wandels und mit ihm verbundenen Möglichkeiten für politische Kollektivakteure sowie aufgrund des medientechnischen Wandels im Aufwind. Für Ausschlaggebend hält er aber nicht die Technik, sondern die Integration der neuen Medien in die “politische Praxis der Aktivisten”. Er stellt dann die Frage, inwiefern das Social Web “neuartige Formen von Gegenöffentlichkeit” erlaubt. Wimmer unterscheidet drei Formen von Öffentlichkeiten, gestaffelt nach gesellschaftlicher Makro-, Meso- und Mikroebene:

  1. kritische, sich mithilfe alternativer Medien Gehör verschaffende Teilöffentlichkeiten mit marginalisierten Positionen
  2. politische Lern- und Erfahrungszusammenhänge innerhalb alternativer Organisationszusammenhänge
  3. “(zum Großteil individuellen) Medienaktivismus gerade im Bereich der neuen Medien

Zu den “Interaktivitätsdimensionen” der neuen Medien zählt er hierbei die Verwendung von Logos, Enhüllungswebseiten, Koordinations- und Kommunikationszentren, elektronische Kettenbriefe u.ä. (S.216f) Auf der Basis einschlägig bekannter Beispiele unterscheidet Wimmer

  • alternative Informationsquellen
  • alternative Nachrichtendienste
  • alternative Publikations- und Diskursplattformen

Die so geschaffenen Angebote schaffen durch die Wissensvermittlung einen gesellschaftlichen Nutzen auch jenseits der politischen Absichten. Zudem weist Wimmer auf die Interdependenz alternativer und etablierter Medien durch die gegenseitige Übernahme von Inhalten hin. Zudem übernehmen etablierte Medien die von den alternativen Medien entwickelten Interaktionsformen – bspw. mit dem Ziel der Verbesserung der Leser-Blatt-Bindung.

“Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung und den traditionellen Massenmedien ist die Zahl der aktiv Partizipierenden immer noch sehr gering. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Blogosphäre kein temporäres Phänomen ist, das als Modeerscheinung bald wieder verschwinden wird, sondern sich als ein fester Bestandteil alternativer Kommunikationswege erweist.” (S.220)

Wimmer weist darauf hin, dass es auch bei den alternativen Medien eine Entwicklung der Ausgestaltung des Zugangs und der Teilhabemöglichkeit gibt, mit der sich auch die Produktion und Selektion von Nachrichten verändert. (siehe S.221) Da die alternativen Öffentlichkeiten auf den beobachtbaren Plattformen Informationen verbreiten, die sich komplementär zu der Berichterstattung der etablierten Medien verhält, sieht Wimmer “Anpassungsprozesse alternativer Medien an die Strukturen etablierter Medien” gegeben.

“Auch gilt für den Online-Bereich, dass trotz eines großen Engagements alternativer Medienmacher und dem sich gewandelten Verhältnis zur Kommerzialität eine (andauernde) Abhängigkeit alternativer Öffentlichkeiten von öffentlichen Geldern festzustellen ist” (S.222)

Zur Wirkung von Gegenöffentlichkeiten zählt Wimmer

  1. inter media agenda setting,
  2. massenmediale Resonanz,
  3. journalistische Kommunikationspraxis,
  4. Mobilisierung alternativer Medienmachern, Bewegungsakteuren und Publikum

Er weist hier darauf hin, dass “die Online-Angebote gegenöffentlicher Akteure [...] nicht automatisch deren Medienresonanz” vergrößern (vgl. S.223)

Wimmer zufolge belegt die Empirie seine theoretische Annahme, dass das Social Web vorrangig der “Vernetzung der Bewegungsteilnehmer” und der “Formierung einer gemeinsamen kollektiven Identität” dient. Die “rechtlichen, ökonomischen und organisatorischen Einschränkungen, denen partizipatorische Gegenöffentlichkeiten unterliegen”, lassen sich durch die “Möglichkeiten neuer Medien [...] z.T. auflösen, da z.B. Online-Kommunikaitonsnetzwerke themenzentrierte Gegenöffentlichkeiten und eigenständige Diskurse entfalten können”. (S.224) Diese werden jedoch “durch den Konkurrenzdruck kommerzieller Organisationen oder durch rigide rechtliche Vorgaben in ihrer Autonomie bedroht.” (ebd.)

Zwei letzte Bemerkungen Wimmers erscheinen mir besonders erwähnenswert:

Erstens bleiben in dieser Art der Betrachtung all jene Gegenöffentlichkeiten unbeachtet, die sich zwar der I&K-Technologien bedienen, diese jedoch nicht öffentlich, sondern lediglich interpersonal einsetzen. (ebd.)

Zweitens weist Wimmer auf das Innovationspotential der “Online-Gegenöffentlichkeiten” für die “etablierte Politik” hin. So zeige sich das Demokratiepotential “in durch Gegenöffentlichkeiten initiierter gesellschaftlicher Solidarisierung, in den Partizipationsmöglichkeiten am eigentlich exklusiven massenmedialen System und in alternativer Kommunikationspraxis gerade auf lokaler Ebene.” (S.225)

“Allerdings ist abschließend festzustellen, dass die neuen Technologien bisher nichts an den grundlegenden ökonomischen Faktoren geändert haben, die den etablierten Medienkonzernen ihre marktbeherrschende Stellung ermöglichen” (S.226)

Vergleiche zu diesem letzten Punkt meinen Text “Kein Geld im Web2.0 aufgrund mangelnder Marktinnovation?

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Notizen zu Thomas Leifs Buch “Beraten und verkauft. McKinsey & Co. – der große Bluff der Unternehmensberater”

Auf die Fährte von Thomas Leifs Buch “Beraten und verkauft” bin ich bei der Lektüre einer Kritik des Hamburger Programms der SPD gestoßen. Genau genommen: Durch die Lektüre der Kritik zum Programm im Hessenreport Nr.40 – dem Informationsorgan der SPD in deren Bezirk Hessen-Süd. Denn darin äußert sich der Vorsitzende der Grundsatzprogrammkommission der SPD Hessen-Süd, Harald Lührmann (a). Ein Unternehmensberater. Weil ich Lührmanns Artikel im Hessenreport ausgezeichnet finde, will ich mehr über Lührmann erfahren. Dabei stoße ich im Internet auf Leifs Buch, in dem Lührmann im Interview Auskunft über seine Branche gibt (b). Lührmann berät u.a. Versorgungsunternehmen und scheint von den Erfahrungen zu zehren, die er als Kämmerer der Stadt Gießen und als Vorstandsvorsitzender der Kasseler Versorgungs- und Verkehrsbetriebe gesammelt hat (c). Gerade auf diesem Wege auf Leifs Buch aufmerksam geworden zu sein, ist nicht ohne Ironie. Denn Leif kritisiert insbesondere die Rolle von Beratern im Bereich der öffentlichen Hand und der Politik.

Berater: “Wetterleuchten für die Krise der Gesellschaft”

Leifs Buch ist für mich eine Entdeckung, weil Leif die Branche der Unternehmens- und Politikberater auf wohltuende Weise hinterfragt. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet es treffend als eine “Abrechnung mit der Beraterbranche” (Klappentext). Leif kritisiert die breite gesellschaftliche Wirkung einer Branche, die agiert, ohne durch die allgemeine Öffentlichkeit kontrolliert werden zu können, und die ihre Ideologie und wirtschaftswissenschaftlich standardisierten Verhaltensmuster (1) in Serie verkauft, wobei es in vielen Fällen allein um die Legitimation weit reichender Entscheidungen in Politik und Wirtschaft geht – mit gesellschaftlich zweifelhafter Wirkung und bei gleichzeitiger Verwässerung der Zurechenbarkeit von Verantwortung in Form eines “Schattenmanagements”. Zu den Marketinginstrumenten der Berater zählen hierbei bürgerliche Distinktion in Verhalten, Auftreten und Dresscode, insbesondere aber Rekrutierungsverfahren und die in Stellenanzeigen und redaktionellen Beiträgen von Zeitungen und Zeitschriften postulierte Definition des Elitären. Mit ihrer Hilfe konstruieren die Berater den unüberprüfbaren Nimbus des Expertentums, dessen vorgebliche Wahrhaftigkeit dann die Legitimität ihres Denkens und Handelns suggeriert.

Berater – “Götter, Helden und Dämonen einer Erfolgsgesellschaft”

Leif beschreibt im ersten Teil seines Buchs den Beratermarkt der Unternehmensberater, im zweiten das Verhältnis von Beratern, Politik und öffentlicher Hand. Im dritten Teil berichtet er über Fallbeispiele der Reform von staatlichen Einrichtungen mit Hilfe von Beratern, darunter die Bundeswehr, die Bundesagentur für Arbeit und die Hartz IV-Reformen. Im ersten Teil finde ich vor allem Leifs einführende Analyse der Branche interessant (2), der er detaillierte Beschreibungen von McKinsey, Roland Berger und der Boston Consulting Group hinzufügt – vermischt mit einigen Interviews, darunter dem Lührmanns. Themen, die in diesem ersten Teil besonders verfangen, sind die Konstruktionsweise üblicher Beratungsprodukte (3), die mangelnde sprachliche Präzision der Berater (4), die in und von Beratungsunternehmen praktizierte Misstrauenskultur (5), die Mechanismen zur Schaffung immer neuen Beratungsbedarfs in Form einer Mischung aus Kontaktpflege, der Inszenierung von Innovations- und Anpassungszwängen sowie dem Schüren von Ängsten (6) sowie die Konstruktion des Leistungsversprechens der Unternehmensberatungen mittels einer beispiellos aufwendigen Öffentlichkeitsarbeit und ihrem ebenso aufwendigen Personalmarketing (7). Gerade Leifs Zusammenschau der Stilblüten des Personalmarketings dürften Balsam für die Seelen aller sein, denen die überbordende Leistungs-, Elite- und Karriereorientierung der Universitäten und Karriereblättchen auf den Geist geht. Zum einen in Form des kritischen Erfahrungsberichts von Julia Friedrichs über das von ihr erlebte Recruiting bei McKinsey. Zum anderen in Form der Hinweise Leifs, dass ein nicht unerheblicher Teil redaktioneller Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften – gerade wenn sie Unternehmensberatungen betreffen – von diesen selbst im Zuge ihrer Öffentlichkeitsarbeit produziert oder in Auftrag gegeben worden sind (8).

Politik mit den Mitteln der PR: “Rezipienten [...] Informationen zur Einordnung der Berichterstattung vorenthalten”

Im zweiten Teil, der auf die Beratung der öffentlichen Hand und der Politik fokussiert, seziert Leif anhand von Fallbeispielen Ungereimtheiten, mangelnde Qualität und personelle Verquickungen, die nicht zuletzt auch den Bundesrechnungshof auf den Plan gerufen haben. Im Fokus stehen hier Themen wie korrupte Praktiken der Auftragsvergabe, Mängel der Leistungserstellung und Leistungskontrolle, unmittelbare politische Einflussnahme und so weiter. Daran schließt Leif eine Beschreibung der Rolle von Beratern im Bereich der Politikberatung, des Politikmanagements (9) und der Nähe von Medien und Politikberatung an (10). Die Beschreibung der Politikberatung finde ich besonders interessant, denn Leif bietet hier eine Skizze des Marktes für Dienstleistungen auf dem Feld der partikularen Interessenvertretung und den hier agierenden Anbietern in Berlin (11). Zudem thematisiert er hier das medienwirtschaftlich induzierte Verschwinden investigativen Journalismus zugunsten einer Verschmelzung der Distributionsapparate der Medienhäuser mit den sie kostenlos mit Presseartikeln beliefernden Öffentlichkeitsabteilungen der Interessenvertreter (12). Wie partikulare Interessen in dem so bereiteten Feld agieren, zeigt Leif dann anhand einer ganzen Reihe politischer PR-Kampagnen wie „Deutschland packt’s an“, „BürgerKonvent“, „Konvent für Deutschland“, „Marke Deutschland“, „Du bist Deutschland“ oder „Aktionsgemeinschaft Deutschland“, deren prominentester Vertreter die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)“ ist. Am Beispiel der letzteren geht Leif ins Detail.

Zur Ehrenrettung der Berater

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass mir weder die eingangs erwähnten flankierenden Bemerkungen Harald Lührmanns zum Hamburger Programm der SPD, noch sein Interview in Leifs Buch Grund zur Sorge geben. Bezogen auf diese Texte kann ich sagen: Im Gegenteil. Aber mein Wunsch, deshalb auf Lührmann Rücksicht zu nehmen, gemahnt mich, in Lührmann erkennen zu wollen, was zur Ehrenrettung von Unternehmensberatern gesagt werden sollte und dies am Ende als Kommentar zu Leifs Buch zu Bedenken zu geben, wobei ich wiederum Leif keineswegs widersprechen möchte.

Wenn – wie am Beispiel Lührmanns zu sehen – ein ehemaliger Mitarbeiter öffentlicher Institutionen heute sein Geld mit Beratung in diesen und ähnlichen Bereichen verdient und er zugleich in ehrenamtlicher Funktion politische Prozesse anleitet und mitgestaltet, so deutet dies auf die Existenz eines Wissens- und Erfahrungsschatz hin, den als Ressource zu nutzen naheliegend und sowohl aus dem Blickwinkel des betreffenden Individuums als auch gesellschaftlich sinnvoll ist.

Ich denke also, dass Leifs Kritik der Beraterbranche zwar in jeder Hinsicht notwendig und berechtigt ist, dass man aber zu harsch urteilte, wenn man darauf hin die gesamte Branche der Berater verdammte, statt sie unter eine dringend notwendige und von Leif im Grunde geforderte Beobachtung zu stellen. Denn das Prinzip der Beratung auf der Basis eines Wissens- und Erfahrungsvorsprungs ist, wie mir gerade Lührmann zeigt, im Grunde legitim und sinnvoll. Kritiken investigativer Journalisten wie die Thomas Leifs muss man deshalb als notwendige Korrekturen verstehen, statt sie sich zur Begründung einer Fundamentalopposition gegen diese oder jene zurecht zu legen. Entsprechende Hinweise gibt auch Leif, wenn er auf die vom Bundesrechnungshof vorgeschlagenen “Zwanzig Schritte für den sinnvollen Einsatz von externen Beratern” hinweist. (13)

Nachtrag vom 17.10.2008

Thomas Bartsch berichtet am 20.11.2006, dass Teile Leifs Buch von Werner Rügemeier stammen sollen, woraus sich ein Rechtsstreit ergeben hat. Weiter weist Bartsch auf einen blinden Fleck hin, weil Leif die Politikberatung durch die Bertelsmann-Stiftung unberührt gelassen hat. Interessant daran ist, dass Leifs Buch von Bertelsmann verlegt worden ist.


Thomas Leif: Beraten und verkauft. McKinsey & Co. – der große Bluff der Unternehmensberater. 1. Aufl, akt. u. erweit. Taschenbuchaufl. München (Goldmann) 2008 (zuerst: Bertelsmann Verlag, 2006)
(a) Lührmann, Harald: Die Partei und das Grundsatzprogramm. In: HessenReport. Informationsorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschalnds Bezirk Hessen-Süd. Juli 2007, S.5-17
(b) “Der Bluff-Anteil lieft vielleicht bei dreißig Prozent”. Interview mit Dr. Harald Lührmann, Ex-Berater bei Accenture. In: Leif 2008, S.245-269
(c) siehe Lührmann 2007, S.17

(1) siehe z.B. Leif 2008, S.23; 47ff u.a.
(2) Leif 2008, S.31-63
(3) z.B. Leif 2008,S.47ff
(4) z.B. Leif 2008,S.57ff
(5) z.B. Leif 2008,S.59ff
(6) z.B. Leif 2008,S.31f,43ff, 60ff
(7) siehe Leif 2008, S.49f
(8) siehe hierzu “bestellte Wahrheiten dominieren die Berichterstattung”, Leif 2008, S.61f; wobei der hier skizzierte Mechanismus auf S.334ff näher beschrieben wird.
(9) Leif 2008, S.320ff
(10) Leif 2008, S.346ff
(11) siehe Leif 2008, S.323ff und z.B. Leifs Verweis auf Falk, Svenja: Der Beratungsmarkt auf der Bundesebene. 2004
(12) vgl. siehe Leif 2008, S.326ff; siehe hierzu wiederum “bestellte Wahrheiten dominieren die Berichterstattung”, Leif 2008, S.61f; vgl. zur Politik der Verlage z.B. Schumacher, Hajo: Die ewig netten Herren. In: Leif/Speth (Hg.): Die fünfte Gewalt. Lobbyismus in Deutschland. Bonn (BpB) 2006, S.80
(13) Leif 2008, S.294ff

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Kein Geld im Web2.0 aufgrund mangelnder Marktinnovation?

Ich behaupte, dass man als einzelner Anbieter von Informationen und Wissensarbeit ohne Investitionen, die die Möglichkeit eines durchschnittlichen Angestellten nicht überschreiten, im Internet bis heute in der Regel nicht ausreichend Geld verdienen kann, um hiervon zu leben. Dies liegt meines Erachtens aber nicht in der Natur der denkbaren Produkte oder Märkte begründet, sondern in dem Fehlen geeigneter Marktplätze, die dank der Minimierung der Transaktionskosten entsprechend funktionstüchtige Märkte überhaupt erst ermöglichen, die jedermann zugänglich sind und deren geringe Markteintrittsbarrieren jedermann mit geeigneter Qualifikation reale Einkommenschancen eröffnen. Deshalb frage ich, wer über die Entwicklung von Märkten und Marktplätzen für Informationen und Wissen im Internet und über die Lösung ihrer philosophischen und technischen Probleme nachdenkt und unter welchen Aspekten dieses Nachdenken betrachtet werden muss.

Web2.0: inkrementelle oder grundlegende Innovationen?

Ich halte es für notwendig, diese Frage zu stellen, denn ich befürchte, dass in der Diskussion über all das, was an Internetanwendungen unter den Stichworten Wikis, Weblogs oder Web2.0 diskutiert wird, die zur Entwicklung potentialträchtiger Märkte für Informations- und Wissensarbeit notwendigen Konzepte nicht erkannt und nicht thematisiert werden, sodass zu wenig an der Entwicklung entsprechender Marktplätze gearbeitet wird.

Dies kommt bereits darin zum Ausdruck, dass sich ein großer Teil der Diskussion des Internets überwiegend um bestehende Formate wie Weblogs und Wikis dreht. Funktionstüchtige Informations- und Wissensmärkte werden zwar attraktiv sein, wenn sie jedermann ebenso leicht zugänglich sind, wie Weblogs und Wikis. Doch sie lassen sich meines Erachtens nicht durch ein bloßes Umfunktionieren dieser bestehenden Formate schaffen. Dies gelingt nur da und auch dort nur in begrenztem Maße, wo diese Formate kongruent zu Funktionsprinzipien bestimmter Branchen sind – wie beispielsweise im Bereich der Werbung und der Öffentlichkeitsarbeit. Der Einsatz jener Formate in diesen Branchen ist daher keine grundlegende Innovation, sondern doch eher inkrementell.

Funktionstüchtige Informations- und Wissensmärkte verlangen stattdessen die Entwicklung leistungsfähigerer Formate, die sich an den Wertschöpfungsketten und Transaktionsformen der jeweiligen Branche orientieren. Die Entwicklung solch neuer Formate setzt aber voraus, dass die Informations- und Wissensarbeiter der betreffenden Branchen über die eigenen Wertschöpfungsketten und Transaktionsformen im Hinblick auf die Innovation neuer Formate nachdenken.

Drei mögliche Gründe für einen Mangel an Marktinnovationen

Ich denke, es gibt mindestens drei Gründe, warum Diskutanten, die über Wikis, Weblogs oder Web2.0 diskutieren, sich schwer tun, über Märkte, Marktplätze und die hierfür zukünftig notwendigen Formate nachzudenken: Im Milieu der betreffenden Gruppe der Informations- und Wissensarbeiter vagabundieren Paradigmen, die weder zur grundlegenden Innovation, noch die Schaffung von Märkten anregen.

Erstens handelt es sich bei den internetaffinen Informations- und Wissensarbeitern in Deutschland um Zöglinge eines akademischen Systems, dessen empirische Forschung sich auf Forschungsfragen bezieht, die sich aus der retroperspektiven Auseinandersetzung mit als gültig geltenden Theorien befasst. (siehe zur Erläuterung bspw. Galtung 1985) Diese Wissenschaft zeichnet sich nicht durch experimentelle Ideen aus, sondern durch die lückenlose Begründung und Rechtfertigung vorsichtiger Ideen im Kontext bestehender Denkschulen. (siehe hierzu Kuhn 1970) Wikis und Weblogs sind beispielsweise als Formate nicht hierzulande entstanden, aber sie werden hier inkrementell entlang der Ideen bestehender Denkschulen weiterentwickelt. Die Suche nach neuen Formaten steht also erstens im Widerspruch zu einer spezifischen Kultur der Innovation.

Zweitens aber bieten die bestehenden Denkschulen einen sehr fruchtbaren Boden, die aus dem Ausland importierten Formate entlang der fundierten Ideen der bestehenden Denkschulen weiterzuentwickeln, während die Entwicklung neuer, experimenteller Formate ungleich schwerer wäre, weil ebenfalls Ideen bestehender Denkschulen wohlbegründete Vorbehalte gegenüber denkbaren Szenarien anmelden. Zu diesen Ideen zählt beispielsweise das Postulat der allgemeinen Zugänglichkeit von Informationen und Wissen als Kollektivgütern (Wikis in allen Bereichen der Bildung, der Pädagogik und des Wissensmanagements) oder das Postulat der freien Meinungsäußerung als demokratischer Tugend oder als Teil der Marktkommunikation (Weblogs in Politik und Marketing). Auf der Seite der vermeidenden Ansätze sind dann die Modelle der klassischen Medienwirtschaft oder auch Paradigmen der Informationswirtschaft zu sehen.

Während deshalb die Begeisterung über die neuen Möglichkeiten der Realisierung der alten Ideen dominiert, wie man es schön am Beispiel der Wikipedia und Weblogs beobachten kann, wird indes das Problem der Beschaffung solcher Informationen vernachlässigt, die nicht als Kollektivgut beschafft werden können, weil die auf einen Einzelnen entfallenden Kosten der Beschaffung nicht durch dessen individuellen Nutzen an solchen Gütern gedeckt werden können (siehe hierzu z.B. Mancur Olson u.a.) . Hier besteht die Lösung vielleicht noch darin, dass die Kosten der Beschaffung aus einer anderen Erlösquelle gedeckt werden können. Dies gilt beispielsweise für den Journalismus, der entweder über Aufmerksamkeitsdividenden Werbung verkauft oder aber selbst als Werbung gekauft ist. Jede andere Art der beruflichen Informations- und Wissensarbeit, die nicht als Kollektivgut beschafft oder subventioniert werden kann,  wird auf diese Art von der vorherrschenden Diskussion vernachlässigt. Die Umfunktionierung vorgefundener Formate kommt hier nicht weiter, weil ihre Strukturen oder die mit ihnen realisierbaren Strukturen und Transaktionsformen nicht den Wertschöpfungsketten und Transaktionsformen der jeweiligen Branchen entsprechen. Über die Entwicklung leistungsfähigerer Formate wird unter Umständen aber auch nicht nachgedacht, weil dem unter Umständen medien- und informationswirtschaftliche Paradigmen zur Marktfähigkeit bestimmter Informationsgüter entgegenstehen, die es – beispielsweise auf der Grundlage der Transaktionskostentheorie – zu hinterfragen gelten könnte.

Dieser zweite Punkt verweist drittens auf die Frage nach der Ökonomie als dem blinden Fleck der akademischen Ausbildung der Informations- und Wissensarbeiter. Akademisch gebildete Informations- und Wissensarbeiter treten für die Qualität der von ihnen erarbeiteten Inhalte ein, sind jedoch nicht für die Analyse der Wertschöpfungsketten und Transaktionsformen sowie für die Erschließung und Entwicklung ihrer jeweiligen Teilmärkte ausgebildet. Dieser blinde Fleck resultiert meines Erachtens aus dem Umstand, dass das Bildungssystem sinnvoller Weise staatlich finanziert wird und sich nicht aus eigenen Einnahmen finanzieren muss. Geld ist also für die allein der Sache verpflichteten Bildungseinrichtung erstmal kein Thema. Dies erzeugt allerdings für die Zeit der akademischen Ausbildung die Illusion, es käme bei der Informations- und Wissensarbeit überhaupt nicht darauf an, mit der eigenen Arbeit auf einem Markt Geld verdienen zu können. Es erscheint mir bei aller Liebe zu den Idealen einer freien und unabhängigen Wissenschaft unverständlich, warum die Diskussion der jeweiligen Märkte, Marktmechanismen und Marktchancen der behandelten Konzepte und Methoden nicht Teil der akademischen Ausbildung ist, obwohl dies in jedem Fall sowohl methodische als auch wissenschaftliche Aspekte beinhaltet und letztlich für die Lebensfähigkeit des Einzelnen auf der Grundlage des von ihm erlernten von entscheidender Bedeutung ist. Marktkritische Ideologietraditionen und die prekäre Lebenssituationen der Ausbildungsphase verstärken dann zu allem Überfluß auch noch die unter weiten Teilen der Zöglinge des akademischen Systems verbreitete Aversion gegenüber dem Markt als Koordinationsmechanismus im Bereich von Information und Wissen.

Marktskepsis als Teufelskreis

Diese der Ausbildungssituation geschuldete Marktskepsis der Informations- und Wissensarbeiter mündet dann meines Erachtens in einen sich selbst verstärkenden Zirkel. Denn da es nach dem Stand meiner Beobachtungen derzeit keine Möglichkeit gibt, als einzelner Marktteilnehmer kleinteiliger Informations- und Wissensmärkte mit niedrigen Markteintrittsbarrieren und realen Verkaufschancen die positive Erfahrung zu sammeln, welchen Wert die eigene Informations- und Wissensarbeitsleistung hat, indem nennenswert und ausreichend Geld verdient werden kann, können die Anhänger der von mir erläuterten Paradigmen von sich selbst als Produzenten von Informationen und Wissen, von dem Wert ihrer Informations- und Wissensarbeit und von ihrer mittels dieser Arbeit geschaffenen Kaufkraft keine Vorstellung entwickeln. Anders ausgedrückt: Solange sie keine für ihre Zwecke funktionierenden Märkte auf der Grundlage von Geld als Tauschmedium haben, werden sie auch kein Vertrauen in solche Märkte fassen können.

Fazit

Ich denke, dass mindestens diese drei Gründe zur Folge haben, dass das Potential des Internets, sehr viel mehr Menschen ein Einkommen zu ermöglichen, derzeit ungenutzt bleibt, weil die Entwicklung funktionsfähiger Marktplätze im Milieu der Informations- und Wissensarbeiter sowie im Milieu der sich zuständig fühlenden Intellektuellen der Diskussion um Wikis, Weblogs und Web2.0 in den Bereich des nicht Sag- und Denkbaren fällt. Ich finde das erstaunlich, wenn man in Betracht zieht, dass diejenigen, die von solchen Märkten als potentielle Marktteilnehmer am meisten profitieren werden, weder in der etablierten Medienwirtschaft noch in der Hierarchie eines finanzschwachen akademischen Systems ausreichende Entfaltungmöglichkeiten haben.

Ich schlage also vor, beim Fahren die Handbremse zu lösen und jenseits der Faszination, Informationen und Wissen als kollektive Güter verfügbar zu machen, den Wert der eigenen Arbeit zu entdecken und deren Marktpotential zu erschließen, indem man sich von der Diskussion bestehender Formate abwendet und statt dessen über die Entwicklung neuer Formate entlang bestehender oder denkbarer Wertschöpfungsketten und Transaktionsformen der Informations- und Wissensarbeit nachdenkt.

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