Zum Konkurrenzproblem beim internetgestützten Dauerpublizieren

Meine Auseinandersetzung mit dem Manifest der Hardbloggingscientists hat mir ein Kommentar von Christian Spannagel beschert. Das freut mich sehr, denn es lässt mich hoffen, dass dieses “Bloggen” hier mittelfristig Sinn macht. Christian plädiert für den “öffentlichen Wissenschaftler“. Allerdings sehe ich weiterhin das Problem, Ideen preiszugeben und stelle deshalb die Frage, warum ich darauf vertrauen können soll, mir mit der Preisgabe von Ideen nicht zu schaden. Wohlgemerkt: Preisgabe von Erkenntnissen und erarbeiteten Fragmenten gerne, Preisgabe von Ideen und Konzepten lieber nicht!

Christian verweist in seinem Blog auf einen themenverwandten Beitrag von Marc Scheloske. Es ist interessant zu lesen, dass auch ihm meine Sorge bekannt ist:

Wissenswerkstatt | Weshalb dem “öffentlichen Wissenschaftler” die Zukunft gehört » Ermutigungen zum bloggenden Wissenschaftsdialog
Und wenn andere diese Anregungen aufgreifen? Bitteschön, sollen Sie doch erstmal was Anständiges daraus machen und wer sagt, daß ich nicht selbst von der (Weiter-)Arbeit der Kollegen profitiere? Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit zur Kooperation?

Soll das heißen, dass ich auf eine gewisse Trägheit des anonymen gegenübers vertrauen soll? Die Haltung “work hard, play hard” ist ja nicht gerade neu. Dennoch denke ich, dass man abwägen muss, welche Ideen so bedeutend sind, dass man sie wenigstens für eine gewisse Zeit besser für sich behält und über welche Ideen man gefahrlos plaudern kann. Ich denke, es gibt Momente, in denen es berechtigt ist, sich von der Sorge zu entlasten, andere könnten “was Anständiges daraus machen”, während man selbst nicht zu Potte kommt.

In Anbetracht dieses Themas ist mir heute morgen noch ein ganz anderer Verdacht gekommen. Nehmen wir an, dass vor allem das Wissen um bestimmte Zusammenhänge wertvoll ist, um damit später einmal Geld zu verdienen oder sich wenigstens profilieren zu können, und das man dieses Wissen um Zusammenhänge oder wenigstens die Ahnung um solche Zusammenhänge als Ideen bezeichnet, dann könnte es ja sein, dass hier ein Schlüssel zu einem Phänomen liegt, das ich an der Universität beobachtet habe: Leute an der Uni reden nach meinem Empfinden nur sehr wenig über Zusammenhäng, die sie selbst entdeckt haben.

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Jana Hochbergs Weblog und das Manifest der “Hard Blogging Scientists”

Durch Jana Hochberg und Ihr Weblog http://gophi.blogspot.com bin ich auf das Projekt Hardblogginscientists aufmerksam geworden. Jana platziert auf Ihrer Seite den Button des Projekts und bekennt sich damit zu dem dort veröffentlichten “Manifest V0.2″ der Hardblogginscientists:

I am a hard bloggin’ scientist.

This means in particular:
1.
I believe that science is about freedom of speech.
2. I can identify myself with the science I do.
3. I am able to communicate my thoughts and ideas to the public.
4. I use a blog as a research tool. That means in particular, that I
- express my thoughts,
- get in contact with others,
- have a sketch of my process online,
- get feedback and new ideas from others.
5. I trust myself.
6. I surf a lot and I read a lot.
7. I blog once in a day/week/month.
8. I give comments once in a day/week/month on other blogs.
9. I am self-aware and critical.
10. I refer to the people who done the work first.
11. I give love and respect to the people.

Ich finde dieses Manifest attraktiv, frage mich aber, wer und was sich dahinter verbirgt. Hierzu gibt die “Info” Auskunft. Man erfährt, dass es ursprünglich um Weblogs als Werkzeuge einer wissenschaftlichen Grasswurzelbewegung gegangen ist, dass es nun aber auf den zugehörigen Seiten um Werkzeuge für Wissenschaft und Didaktik im Allgemeinen geht. Das eigentliche Weblog wird zur Zeit von Steffen Büffel betrieben und es scheint in Anbetracht der bunt (bebilderten) und ein wenig zusammengewürfelt wirkenden Beiträge, als werde dies nicht explizit zur Verbreitung der in dem Manifest gefassten Idee gepflegt.

Ein paar Gedanken zum Manifest der Hard Blogging Scientists:

Ich glaube auch, dass Wissenschaft etwas mit Meinungs- und Redefreiheit zu tun hat und das gerade das Internet die Möglichkeit bietet, sich wissenschafltich frei zu entfalten. Auch kann ich mich mit der Wissenschaft identifizieren, die ich selbst betreibe. (Soviel zu Punkt 1: “I believe that science is about freedom of speech.” und Punkt 2: “I can identify myself with the science I do”)

Punkt 3 (“I am able to communicate my thoughts and ideas to the public”) bereitet mir allerdings Schwierigkeiten, denn ich bin zwar technisch in der Lage, meine Gedanken und Ideen öffentlich kund zu tun, bin diesbezüglich aber aus mehreren Gründen ängstlich. in Joan Bolkers “Writing Your Dissertation in Fifteen Minutes a Day” las ich, dass Schreiben – gerade wissenschaftliches Schreiben – Mut voraussetzt (siehe hier das Zitat nach Cynthia Ozick). Um so mehr verlangt es wohl davon, das Geschriebene jemandem zu lesen zu geben und darüber hinaus noch einmal mehr, dies während des sich in Entwürfen fortschreibenden Prozesses, des sich im Vorläufigen bewegenden Schreibens zu tun. Soll ich mich der teutonischen Kritik aussetzen, noch ehe meine eigentliche Arbeit getan ist? Was für Heldentaten verlangen die “Hard Blogging Scientists” da von mir, frage ich mich! Kann es sein, dass diser Punkt 3 die Namenswahl der “Hard Blogging Scientists” überhaupt erst begründet – nämlich, dass es hart ist, erstens, überhaupt und regelmäßig zu schreiben und sich dann auch sogleich einer nicht näher bestimmten Öffentlichkeit auszusetzen?

An dieser Stelle glaube ich, durch Jana Hochberg einen mögliche Lösung kennen gelernt zu haben, mich nicht der teutonischen Kritik aussetzen zu müssen und dennoch öffentliche Beiträge über meine Forschungsarbeit in meinem Weblog zu veröffenltichen. Jana schlägt vor, über die eigene wissenschaftliche Arbeit zu berichten – also nicht, sie abzubilden. Dies verstehe ich auch als eine Möglichkeit, Bolkers Vorschlag umzusetzen, ein Forschungstagebuch zu führen. Es eröffnet sich auf diese Weise gegebenfalls die Möglichkeit, sich selbst zu finden und über die eigene Arbeit mit anderen ins Gespräch zu kommen, ohne vor- oder frühzeitig preisgeben zu müssen, was man erarbeitet.

In Punkt 4 (” I use a blog as a research tool”) stimme ich dann wieder mit dem Manifest überein, denn ich sehe mein Weblog als Forschungsinstrument. Hier kann ich – öffentlich oder allein für mich – meine Gedanken zum Ausdruck bringen und potentiell mit anderen hierüber ins Gespräch komme, um so Feedback zu erhalten und auf neue Ideen zu kommen. Eine Skizze meines Projekts online zu bringen – daran arbeite ich noch. Aber, hat Jana eine solche Skizze auf Ihren Seiten? Ich muss nachsehen…

Punkt 5 (“I trust myself”) des Manifests löst bei mir die Frage aus, warum dies zu einem Teil des Manifests geworden ist. Enthält dies eine Warnung, dass das von mir zu Punkt 3 aufgezeigte Problem auf Dauer das Selbstvertrauen überfordern könnte?

Die Punkte 6 bis 8 enthalten meines Erachtens eine unglückliche Vermischung dessen, was man im Rahmen des wissenschaftlichen Arbeitens so tut – nämlich lesen und schreiben – und dem streckenweise wenig zielführenden herumsurfen auf irgendwelchen Internetseiten. Genau genommen scheint mir, dass die Punkte 6 bis 11 das zu forcieren hoffen, was sich die wissenschaftliche Grasswurzelbewegung der Hard Blogging Scientists durch die Nutzung des Internets und hier der Weblogs wünscht: Austausch. Soll der Austausch schriftlich auf der Basis von Weblogs funktionieren, ist es zwingend notwendig, regelmäßig anderer Leute Texte zu lesen und zu kommentieren, dabei Rücksicht zu nehmen und sich selbstkritisch zurückzunehmen, die Urheberschaft anzuerkennen und anderen Autoren Anerkennung, Respekt und Liebe zu zollen. Das dies essentielle Mechanismen sind und das gerade sie für die jungen, zumeist brotlosen und marginalisierten Wissenschaftler essentiell sind, habe ich bereits unter dem Titel “Ökonomische Probleme der Informations- und Wissensarbeit infolge milieuspezifischer Paradigmen im Denken und Handeln der Informations- und Wissenarbeiter” angesprochen.

Diesen letzten Absatz meiner Gedanken zum Manifest meine ich aber eigentlich ganz positiv und keineswegs ablehnend oder abwertend. Der Charme der Idee, das Internet als eine Plattform für Wissenschaft zu begreifen, die nicht allein an der Hochschule stattfindet, wirft ein Schlaglicht auf das entscheidende Problem bereits innerhalb der Hochschule und um so mehr außerhalb der Hochschule auf: Miteinander einen Verhaltenskodex zu vereinbaren, der er es ermöglicht, sich unbefangen mit anderen austauschen zu können. Deshalb halte ich die Parallelen des Manifests und des sachsonischen Wissenschaftsstils, wie ihn Johan Galtung beschreibt, für unverkennbar. Und ich möchte hinzufügen und betonen: Auch ich möchte mich unbefangen mit anderen austauschen können. Deshalb unterstütze ich dieses Manifest.

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LUHMANN, Niklas: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. 2. erw. Aufl. Stuttgart 1973.

Exzerpt

1. Das Bezugsproblem: Soziale Komplexität
2. Bestände und Ereignisse
3. Vertrautheit und Vertrauen
4. Vertrauen als Reduktion von Komplexität
5. Überzogene Information und Sanktionsmöglichkeiten
6. Persönliches Vertrauen
7. Medien der Kommunikation und Systemvertrauen
8. Taktische Konzeption: Vertrauen als Chance und als Fessel
9. Vertrauen in Vertrauen
10. Vertrauen und Misstrauen
11. Vertrauensbereitschaft
12. Rationalität von Vertrauen und Misstrauen

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