Notizen zu Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst

Ehrenberg, Alain: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt a.M. 2004

[Exzerpt]

Ehrenberg geht in seiner Untersuchung der Geschichte der Depression auf die 1980er und 1990er Jahre ein, wobei er die „Störung der Stimmung“ und die „Störung des Handelns“ unterscheidet. Ehrenberg geht in seinem Buch u.a. auf die Produktion von Psychopharmaka und – damit verbunden – auf die wirtschaftliche und politische Dimension der Depression ein.

Die Depression der 1980er Jahre hängt laut Ehrenberg mit der Suche nach eigener Authentizität und dem Bedürfnis zusammen, wahrgenommen werden zu wollen.

Das Jahrzehnt der 1990er Jahre „bringt auch in anderer Hinsicht Neuerungen: Es handelt sich nicht lediglich darum, man selbst zu werden, sich auf die Suche nach seiner Authentizität zu machen, man muss auch selbstständig sein und sich dabei auf seine eigenen Antriebe stützen.“ (197) In der Fussnote vermerkt Ehrenberg hierzu noch: „Selbstdarstellung ist auf jeden Fall anspruchsvolle Arbeit und erfordert besondere Kompetenzen“ (vgl. hierzu „Thomä, Dieter: Erzähle Dich selbst„)

Charakteristisch für die Depression ist nun nicht mehr die Störung der Stimmung, sondern die Störung des Handelns. Die Therapien zielen daher darauf ab, das Handeln wieder herzustellen und auf diese Weise die Stimmung zu heben:

„Die Therapien wollen das Individuum wieder handlungsfähig machen und dadurch seine Stimmung verbessern. Die Unsicherheit der Identität und das gehemmte Handeln sind […] die beiden Gesichter der Depression am Ende des 20. Jahrhunderts. Die Depression verkörpert also nicht nur die Leidenschaft, man selbst zu sein und die Probleme, die damit einhergehen, sondern auch die Forderung nach Initiative und die Schwierigkeit, ihr nachzukommen. Wie das Handeln beginnen?“ (199, siehe hierzu auch Jean-Claude Kaufmanns „Die Erfindung des Ich.„)

Diese Forderung nach Initiative unterstreicht Ehrenberg, indem er darauf hinweist, dass sich diese Forderung nach Initiative an Menschen richtet, die in ihrer Sozialisation bislang auf Gehorsam und Gefolgschaft eingestimmt worden sind:

„Jeder muss selbstständig sein, muss seine Affekte mobilisieren, statt äußeren Regeln zu entsprechen. Diese Normativität impliziert ein anderes Innenleben, einen anderen Körper, als die Norm der Disziplin in forderte.“ (199) Und an anderer Stelle: Die „Individualisierung [erzeugt] neuen Druck auf das Individuum, das sich nun dort auskennen muss, wo es früher nur gehorchte.“ (217)

Ehrenberg beschreibt die Ursachen dieser Individualisierung, zu denen unter anderem ein Wandel der Arbeitsorganisation zählt. So hat die Wirtschaftswissenschaft der 80er Jahre die Emanzipationsbewegung der 70er Jahre umgenutzt. Die Kosten externer Kontrolle können gespart werden, weil das nach den Werten der Selbstentfaltung und Eigenverantwortung strebende Individuum sich selbst kontrolliert.

Das Individuum wird so zum einzigen Ursprung und Verantwortlichem des Handelns. Die Forderung nach mehr Engagement in der Arbeitswelt geht einher mit größerer Verunsicherung. Denn zugleich wird in der Schule noch immer Selektion nach den alten Mechanismen der Unterordnung und Anpassung praktiziert.

„Es geht nicht mehr um Gehorsam, Disziplin und Konformität mit der Moral, sondern um Flexibilität, Veränderung, schnelle Reaktion und dergleichen. Selbstbeherrschung, psychische und affektive Flexibilität: Jeder muss sich beständig an eine Welt anpassen, die eben ihre Beständigkeit verliert“ (222)

Siehe auch:

Elisabeth von Thadden: Der Souverän dankt ab.
Die Seele kann nicht mehr. Der Soziologe Alain Ehrenberg analysiert, wie im 20. Jahrhundert die Erschöpfung zur Massenerkrankung wurde

Eine Zusammenstellung weiterer Rezensionen hier: http://www.single-generation.de/frankreich/alain_ehrenberg.htm

3 Gedanken zu „Notizen zu Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst

  1. Florian Dieckmann Beitragsautor

    Hier mit Händen greifbar: Der empfundene Widerspruch zwischen der Suche nach Authentizität in der Selbsterzählung und der Notwendigkeit der passgenauen Fiktion einer solchen Selbsterzählung in dem Moment, da beruflich (An-)Passung verlangt wird. Dieser Widerspruch ist auflösbar, wenn jede Selbsterzählung aufgrund ihrer Selektivität als Fiktion begriffen wird und das Bedürfnis nach Authentizität sich vom Anspruch auf Wahrheit der Selbsterzählung abgrenzt, die nach Dieter Thomä nicht möglich ist.

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