Das kreative Ich auf der Suche nach Anerkennung. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 1)

Der folgende Beitrag ist eine Erörterung Jean-Claude Kaufmanns Buch „Die Erfindung des Ich: Eine Theorie der Identität„, in der ich Kaufmanns Argumentation zusammenfasse und bezogen auf einige mir interessant erscheinende Themenbereiche diskutiere.

  1. Anmerkungen zur Einführung
  2. Psychologie und Institutionen
  3. Sozialisation und freier Wille
  4. Reflexion versus Selbsterzählung
  5. Verlust des Miteinanders
  6. Ringen mit der existentiellen Schwäche

1. Anmerkungen zur Einführung
Wer mehr über Kaufmann erfahren will, wird bei Wikipedia fündig. Bei einer ersten flüchtigen Suche bei Google stößt man unter anderem auf die Rezension von Heidi-Melanie Maier. Sie versucht, zwischen Kaufmanns soziologischen Betrachtungen der Paarbeziehung und dem vorliegenden Buch eine Brücke zu schlagen. Jedoch sollte man sich von Kaufmanns Oeuvre nicht irritieren lassen. Die romantische Liebesbeziehung ist zwar ein Schauplatz der Identitätskonstruktion im Sinne Kaufmanns, dient Kaufmann im vorliegenden Buch aber nur gelegentlich als Beispiel. Zu den von Kaufmann betrachteten Schauplätzen zählen Extremsportarten, Drogen, Religion und soziale Unruhen ebenso, wie insbesondere der nach institutionell geordneten Bahnen strebende Teil der Gesellschaft.

Eine andere Rezension stammt von Dagmar Hoffmann, die man als OpenAccess-Dokument via Google Scholars findet. Hoffmann würdigt Kaufmanns gut lesbaren Stil, seinen Mut zum Theorieentwurf und ist dankbar für die von Kaufmann offen gelassenen Enden, die zum kreativen Denken einladen. Allerdings erfahre, „wer die deutschsprachige Diskussion um Identität, Identitätskonstruktionen und Identitätsbildung kennt, nur wenig Neues“, so Hoffmann im Duktus der Eingeweihten. Doch sie fügt hinzu, Kaufmann werde vermutlich breiter und über die Fachkreise hinaus rezipiert, weil Kaufmann nicht nur auf bessere Lesbarkeit wert lege, sondern auch weniger Vorwissen abverlange. Er werde daher bei Studierenden „großen Gefallen“ finden – so auch bei mir.

Ursprünglich habe ich das Ziel verfolgt, eine zusammenhängende Darstellung aller drei Teile zu schreiben und hieran eigene Schlussfolgerungen und Fragestellungen anzuschließen. Infolge immer neuer Unterbrechungen der Arbeit an der Lektüre habe ich mich dazu entschlossen, die Erörterung in mehrere kleinere Lieferungen zu unterteilen. Ich sehe dies als Strategie, Zwischenergebnisse zu sichern und zur Diskussion zu stellen.

In der vorliegenden ersten Lieferung befasse ich mich mit dem ersten und zweiten Teil des Buchs. In diesen beiden Teilen erläutert Kaufmann zunächst Identität aus Sicht der Institutionen einerseits und aus Sicht der Psychologie andererseits, erläutert die wechselseitige Abhängigkeit von Sozialisation und freiem Willen sowie das Verhältnis von Reflexion und Selbsterzählung, verdeutlicht die Bedeutung der sozialen Gruppe als Rahmen der Identitätskonstruktion des Individuums und geht dann auf die problematische Suche des Individuums nach einem Gefühl der Existenz angesichts der spezifischen Lebensbedingungen der Moderne ein. Kaufmanns Theorie bietet hier zunächst eine sehr präzise Anleitung, das eigene Selbst und das Wesen des Selbst des jeweils Anderen als vorübergehendes Produkt eines fortwährenden Prozesses der Sinnkonstruktion zu betrachten. Identität ist ein Prozess, weshalb Kaufmann anstelle des Begriffs der Identität den seines Erachtens präziseren Begriff des Identitätsprozesses bevorzugt. (siehe Kaufmann 2005, S.123, Anm.1) Diesem Prozess können wir uns nicht verweigern, denn durch die „Widersprüche des Sozialen“ in der Moderne sind wir fortwährend zur Sinnkonstruktion gezwungen. Kaufmann erscheint dabei als eine Art Ratgeber, gibt dem Leser jedoch nur indirekt Strategien an die Hand. Das lässt Raum, eigene Gedanken zu entwickeln.

In der zweiten Lieferung werde ich mich dann mit dem dritten Teil befassen, in dem Kaufmann seine Überlegungen auf die Gesellschaft überträgt, auf ihre Milieus und Phänomene. Unter der Überschrift des in der Politikwissenschaft klassisch gewordenen Dreiklangs „Voice, Exit and Loyality“ seziert Kaufmann dort individuelle und kollektive Verhaltensmuster, die quer durch alle Schichten in unterschiedlicher Form und Ausprägung zu Tage treten. Diese können letztlich auf die von Kaufmann betrachteten Identitätsprozesse sowie auf deren Probleme zurückgeführt werden.

Die dritte Lieferung wird dann ein Essay sein, in dem ich versuchen will, meine Auseinandersetzung mit Kaufmanns Theorie zu reflektieren, eine Reihe an Schlußfolgerungen anzubieten und gegebenfalls offene Fragen festzuhalten.

2. Psychologie und Institutionen

Die Begriffsgeschichte beginnt Kaufmann mit der Feststellung David Humes, die Identität sei eine durch die Zeit erzeugte Illusion, besitze aber keine bleibende Substanz. Den unter uns Menschen verbreiteten Irrtum, unsere individuelle Identität sei etwas Substantielles, gewissermaßen Unveränderliches, führt Kaufmann auf das moderne Rechts- und Verwaltungswesen zurück, das als Grundlage des Rechtssystems die Auswahl einiger auf Papier festgehaltener Kriterien erforderlich macht, wobei Identität als Institution innerhalb eines Institutionensystems dient. Davon unabhängig existiere Identität auch als ein temporäres, also veränderliches soziales und psychologisches Phänomen. Kaufmann greift hier auf Sigmund Freud und George Herbert Mead zurück, denen zufolge das Individuum „identisch“ sei, indem es bestimmte Denkmuster immer und immer wieder benutze, wobei diese Denkmuster, die darin enthaltenen Bilder und Vorstellungen, auch durch die soziale Umgebung des Individuums und den hier vonstatten gehenden Interaktionen mitbestimmt werden.

3. Sozialisation und freier Wille

Kaufmann weist auf die Existenz eines „schwachen Konsens“ hin zwischen jenen, die von der Vormachtstellung der Determination des Individuums durch dessen Sozialisation überzeugt sind und jenen, die von der Fähigkeit des Individuums zu freiem Willen und Kreativität eingenommen sind. Konsens ist, dass Identität eine Konstruktion des Subjekts ist, die im Kontext der objektiven Gegebenheiten der Realität und unter den Augen der jeweils Anderen stattfindet. Kaufmann schlägt sich dabei auf die Seite derer, die die Möglichkeit und Vorherrschaft eines freien Willens des Individuums mit dessen Kreativität begründen. Denn die „Widersprüche des Sozialen“ machen es unmöglich, sich bloß der Sozialisation zu überlassen. Im Gegenteil zwingen sie das Individuum, sich als Subjekt zu konstituieren, indem das Individuum versucht, sich in Form von Identität wieder einen einheitlichen Sinn zu bilden. Diese Identität ist dabei durch die „Fähigkeit subjektiver Kreativität“ mitbestimmt, weil sie das Ergebnis der „Anstrengungen des Individuums“ ist, „seinem Leben Sinn zu geben“ und „eine permanente Erfindung“ ist, „die aus nicht erfundenem Material geschmiedet wird.“ (siehe Kaufmann 2005, S.106) Es handle sich um ein „Schließen und Festlegen des Lebenssinns […] wodurch das Individuum seine Existenz als Person spürt.“ (Kaufmann 2005, S.115)

Identität ist dabei ein sich selbst verstärkender Prozess. Denn die „Widersprüche des Sozialen“ nehmen ausgerechnet mit dem Bedeutungszuwachs der Identität zu, weil Identität zugleich auch Bedingung des Handelns wird. Auch das Handeln setzt die Auswahl aus den jeweils möglichen Optionen voraus. Eben diese Entscheidung für eine bestimmte Handlung benötige die Identität als Bezugspunkt, weil die „Unvollständigkeit und Widersprüchlichkeit der durch Sozialisation erworbenen Ansichten und Gewohnheiten“ eine Anpassung und Verknüpfung der Orientierungsfragmente erfordert, die dem Individuum aus seiner Sozialisation verbleiben. Deshalb, so Kaufmann, werde die Fixierung eines Selbstbildes „zu einem unumgänglichen Vorgang, um den Körper zum Handeln zu bewegen“. (siehe Kaufmann 2005, S.183f) Durch dieses Nebeneinander des „gesellschaftlich Unbewußten“ und der „subjektiven Selbstregulierung“ tritt das Individuum nun ständig in neue Sozialisationserfahrungen ein, die sich untereinander notwendigerweise auch widersprechen. Je weiter sich die Identitäten vermehren, desto häufiger werden Laufbahnen und biographische Identitäten durch Entscheidungen unterbrochen, mit denen das Individuum auf die Widersprüche des Sozialen reagieren muss. Und je häufiger dies geschieht, desto heterogener wird folglich der Bestand kreativ konstruierter Identitäten und der in ihnen gespeicherten Schemata. Diese „innere Vielfalt“ führt dazu, immer mehr Wahlen treffen zu müssen. (siehe Kaufmann 2005, S.195)

Auch wenn Kaufmann die Fähigkeit zur identitären Kreativität betont und damit die Möglichkeit des freien Willens begründet, lässt er zwei Einschränkungen betreffs seiner Unabhängigkeit gelten. Zum einen kommt die Kreativität und die Initiativkraft des Subjekts nicht an Gegebenheiten der realen Umwelt vorbei. Das Subjekt kann nur aus Ihnen auswählen. Die Initiativkraft des modernen Individuums formt sich im wesentlichen in dieser Entscheidungsarbeit. (siehe Kaufmann 2005, S.85f) Zum anderen aber übersteigt die Zahl zu beurteilender sozialer Widersprüche die Entscheidungskapazität des Individuums, sodass Teile der Identität notgedrungen immer auch zufälligen Determinationen durch die soziale Umwelt unterliegt, die nicht mehr durch das Subjekt beherrschbar sind. Immerhin, diese soziale Umwelt ist geprägt durch dauerhafte kollektive Glaubensüberzeugungen und individuelle Handlungen, die ihrerseits subjektive Produkte kreativer Individuen sind. Freier Wille und Sozialisation stehen also Kaufmann zufolge mindestens in einer historischen Wechselbeziehung.

4. Reflexion versus Selbsterzählung

Interessanterweise ist das Individuum durch seine Fähigkeit der Kreativität bei der Identitätskonstruktion in einen Widerspruch verzettelt. Dieser besteht darin, einerseits die eigene Person und den gesamten Alltag zum Untersuchungsgegenstand zu machen und auch noch die „kleinsten Gewissheiten“ zu hinterfragen, gleichzeitig aber auch darauf angewiesen zu sein, angesichts dieser allgemeinen Reflexivität die „Logik der Selbstkonstruktion“ stabil halten und sich den Glauben an „sinnstiftende Lebenslinien“ bewahren zu müssen, um nicht zu verzweifeln.

Die Folge dieses Widerspruchs ist Kaufmann zufolge, dass der Reflexion eine Richtung gegeben wird, indem nur solche Informationen gesammelt und internalisiert werden, die im Kontext der „Schablone“ der eigenen Identitätskonstruktion nicht zu unstimmig sind. Passend dazu habe es sich in den letzten Jahren durchgesetzt, Identität als eine Erzählung zu betrachten. Identität als Erzählung ist keine Erfindung, sondern eine Übertragung der Realität in die Form verknüpfter Ereignisse, die es ermöglicht, die Ereignisse zu lesen und dem auf sie bezogenen Handeln Sinn zu verleihen. Sie ermöglicht es, die Vorstellung von der Unveränderlichkeit durch die Logik der Verkettung zu ersetzen. Statt auf einen fixierten und totalitären Lebenssinn festgelegt zu sein, werde der Lebenssinn entlang eines roten Fadens veränderlich gehalten.

Nimmt man diese Argumente – die Gleichzeitigkeit von freiem Willen, unabwendbarer sozialer Determination, gerichteter Reflexivität und die Betrachtung der Identität als nachlaufender Erzählung – zusammen, so wird erklärlich, warum Identität zuweilen Substanz zu besitzen scheint, man also den Eindruck gewinnt, es existiere „ein Ich außerhalb der Kontingenzen und diversen Kontexte, die es neu formulieren“ (Kaufmann 2005, S.164). Denn das Individuum neigt dazu, nur bestimmte Informationen zu sammeln und das Geschehene auch unter Missachtung aller objektiv stattgefundenen Brüche zu einer sinnvollen Geschichte zu arrangieren, in der die Logik seiner Identitätskonstruktion und die sinnstiftenden Lebenslinien bewahrt bleiben.

Damit verfügt das Individuum über zwei widerstreitende Modi: Es kann sein, dass die nachlaufende Identitätskonstruktion der „reflexiven Subjektivität“ widerspricht und das Handelnde Subjekt im Moment des Versuchs, das Soziale zu beherrschen, sich von seiner Identität als Erzählung unterscheidet. Allerdings kann das nur dann der Fall sein, wenn das Individuum Informationen gesammelt und internalisiert hat, die sich partout nicht mit der bisherigen Selbsterzählung vertragen. (vgl. Kaufmann 2005, S.159) Die Möglichkeit hierzu ist gegeben. Denn die Selbstfestlegung in der Schablone der Identität „erfolgt […] nur momentweise“, während die Identität in anderen Momenten die „Entwicklung einer neuen […] Identitätsschablone“ vorbereitet. (siehe Kaufmann 2005, S.114)

5. Verlust des Miteinanders

Für die Identitätskonstruktion ist der Zugang und die Zugehörigkeit zu den Anderen – der Gruppe – von entscheidender Bedeutung. Jedoch ist in Folge der Moderne eben dieser Zugang und diese Zugehörigkeit zu den Anderen problematisch geworden, so Kaufmann. In den „holistischen Gesellschaften fand das Individuum noch Halt in der Übereinstimmung von internalisierten Geboten“ und „äußeren Zwängen“, die infolge einer einheitlicheren, gleichförmigeren Sozialisationserfahrung weniger widersprüchlich gewesen sein mögen. „Das Handeln des Einzelnen wurde gesellschaftlich strukturiert und in Gang gesetzt.“ (Kaufmann 2005, S.182) „Heute aber […] muss jeder selbstständig sein, statt äußeren Regeln zu entsprechen. Die Individualisierung erzeugt nun Druck auf das Individuum, das sich dort auskennen muss, wo es früher nur gehorchte.“ (siehe Ehrenberg 2004, S.199)

Zugang und Zugehörigkeit zu den Anderen spielt nicht nur für das Bedürfnis nach Sozialisation eine Rolle, sondern auch für das Bedürfnis nach Selbstwahrnehmung im Kontext einer Gruppe. Das Individuum ist vielfach auf die Verfügbarkeit einer kollektiven Identität angewiesen, weil es sie als Rahmen der eigenen Identitätskonstruktion braucht. Denn „dem Individuum […] fällt es schwer, bedeutsame Inhalte bereit zu stellen, wenn es nicht in Zugehörigkeiten eingebunden ist“. Das Individuum ist deshalb gezwungen, „in der Gruppe zu bleiben, die seinem Leben einen besonderen Sinn verleiht“. Die Gruppe entlastet das Individuum bei der Sinnsuche, indem es „kollektive Gewissheiten“ bereit hält. Das heute ausgeprägte Bedürfnis nach kollektiven Identitäten ist insofern überhaupt erst durch die Moderne verursacht worden, so Kaufmann. Denn zuvor war die Zugehörigkeit nicht in Frage gestellt. (vgl. Kaufmann 2005, S.145ff)

Die Verknüpfung des individuellen Identitätsprozesses mit dem Sozialen nimmt Kaufmann zum Anlass, in seiner Theorie die Neuformulierung des Sozialen durch die Identität zu erkennen. Weil in Folge der Moderne das Verhältnis zwischen dem einzelnen Individuum und den Anderen problematisch wird, läuft es Gefahr, emotional destabilisiert zu werden, mit der Folge, Orientierung und Handlungsfähigkeit zu verlieren. In seiner reinsten Form ist das Problem im Falle von Isolation beobachtbar. Identität als Gefühl werde dann problematisch, weil Isolation die „identifikatorischen Stützen“ schwächt. Sinnhaftigkeit zeigt sich nämlich „am häufigsten in Verbindung mit Zugehörigkeiten“, also zum Beispiel im Kontext von Gruppen oder durch Teilnahme an deren Projekten. Ist das Individuum jedoch auf sich allein gestellt, ist es mit sich selbst konfrontiert und hat Schwierigkeiten, sich als Person zu spüren. Im Mittelpunkt der Destabilisierung durch Isolation steht dabei der Mangel an Anerkennung. Das Individuum reagiert hierauf mit der Bereitschaft, die eigene Selbstachtung aufzugeben, um zu versuchen, durch Anpassung wider das eigene Selbst einen Zugewinn an Anerkennung durch Andere zu erreichen.

Kaufmann weist an dieser Stelle darauf hin, dass der Mangel an Anerkennung ein allgemeines Phänomen unserer Zeit ist, wobei der von ihm beschriebene Mechanismus gesellschaftstheoretische Erklärungskraft gewinnt. Kaufmann führt den allgemeinen Mangel an Anerkennung auf die zur Zeit weit verbreitete „Ideologie der persönlichen Verantwortung und des persönlichen Erfolgs“ zurück. „Je weiter sich die Vorstellung vom zwischenmenschlichen Konkurrenzkampf entwickelt, desto überzeugter sind die Individuen von ihrer persönlichen Verantwortung. Der Misserfolg wird immer weniger auf das Schicksal der Geburt oder eine kollektive Verantwortung geschoben. Wenn das Ego den Eindruck hat, versagt zu haben, nichts besonderes zu sein, dann sucht es den Fehler bei sich selbst und nicht anderswo.“ Zur existentiellen Not kommen nun also noch die „psychisch noch unerträglicheren Schuldgefühle“ hinzu. Die „Autonomisierung des Subjekts“ und seine „zunehmende Verantwortung“ haben einen „Abgrund an potentiellen Frustrationen“ gegraben. (vgl. Kaufmann 2005, S.197)

Infolgedessen grassiert die Depression. „Mit den mangelnden Projekten, der mangelnden Motivaiton und der mangelnden Kommunikation ist der Depressive das genaue Negativ zu den Normen unserer Sozialisation. Sobald das Individuum überfordert ist, seinem Leben weiterhin selbst Sinn zu verleihen, im die Erzählung seiner eigenen Geschichte nicht mehr gelingt, kann es seinem Handeln auch keinen Rahmen mehr geben. (siehe Kaufmann 2005, S.202f)

6. Ringen mit der existentiellen Schwäche

Der „Hunger nach Anerkennung“ ist Kaufmann zufolge auch deshalb „grenzenlos“ geworden, weil die Individuen aus der Verlegenheit ihrer Vereinzelung heraus das Problem der Anerkennung auf Kosten des Anderen zu lösen versuchen, statt mit ihm. Dies funktioniert, indem „der Mitmensch […] durch den Vergleich mit sich selbst zum idealen Instrument einer vorteilhaften Selbstbewertung“ wird, wobei „Argumente gefunden werden, ihn (heimlich oder weniger heimlich) abzuwerten“. Dies aber führt – in großem Maßstab betrieben – zu einer strukturellen Verknappung von Anerkennung. „Je notwendiger die Beweise der Anerkennung für das Ego werden, das sich selbst durch die Identitätsarbeit konstruieren muss, desto schwieriger wird es ihm, sie zu sammeln. Und folglich bedarf es noch mehr. […] In dem Maße, wie die Selbstachtung schwindet, vergrößert sich das Bedürfnis nach Anerkennung, bis es jedes Maß übersteigt. Es gibt nie genug davon.“ (Kaufmann 2005, S.199)

Neben der Abwertung des Anderen zählt Kaufmann noch andere Instrumente auf, um der „existentiellen Schwäche“ zu begegnen. So brächten beispielsweise Extremsportarten „die Existenz zum Glühen“ und erfüllten das Individuum mit einem Gefühl von Selbsterweiterung und Sinnschwall. Ganz ähnlich dienten Drogen dazu, das Existenzgefühl zu stimulieren. Die durch Drogen erzeugte Ekstase sei dabei als ein – im etymologischen Wortsinn zu verstehendes – „Verlassen des Ichs“ zu sehen; eine spirituelle Erfahrung, nicht mehr sein eigener Gott sein zu müssen. Mit der Institutionalisierung der Religion sei es dann möglich geworden, „auf gesellschaftlich organisierte Weise sinnstiftend“ zu sein. Solange ihre gesellschaftliche Organisation funktionierte, blieben die Drogen verbannt und verboten. Kaufmann weist darauf hin, dass Religion jedoch ein zweischneidiges Schwert ist. Einerseits vermag sie das Individuums von der Angst der Erschöpfung, es selbst sein zu müssen, zu entlasten und kann so zu „seelischer Ausgeglichenheit, Ruhe und Heiterkeit“ führen. Andererseits aber werde Religion da gefährlich, wo sie von der „teuflischen Vorstellung einer absoluten Totalität“ durchdrungen wird, die den Bedürfnissen der Identitätssuche nach Zweifellosigkeit entgegenkommt und die „desto beruhigender wirkt, je vereinfachender und ausschließlicher sie ist.“ (siehe Kaufmann 2005, S.137)

Aber gerade die organisierte Religion ist durch die Problematisierung des Verhältnisses zwischen dem einzelnen Individuum und den Anderen in Folge der Moderne und des Identitätsprozesses geschwächt. Infolge dessen kehren Drogen und Mystik zurück. Religion wird zu einer inneren Angelegenheit des Individuums; nicht zuletzt auch in Form einer Art Identitätsreligion. „Das mit sich selbst konfrontierte moderne Individuum verfügt nur über seine Gefühle. […] Es verehrt ein abstraktes Ich […] Deshalb sind Gefühle so wichtig für die Erfahrung von Identität. Denn zu viel Reflexivität schadet ihrem heiligen Charakter.“ (Kaufmann 2005, S.120) Spätestens im Moment persönlicher oder anderer Katastrophen müsse sich das Ego allein auf das „Energiereservoir“ eines Glaubens an seine Identitäten stützen, um sich bar jedes möglichen Anknüpfungspunktes in neue Abenteuer begeben zu können. (siehe Kaufmann 2005, S.205)

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Literatur