Berlin | Provinz. Notizen zu „Echtleben“ von Katja Kullmann

Katja Kullmann, in Berlin lebend und nach eigener Aussage Tochter eines Versicherungskaufmanns aus der Nähe von Frankfurt am Main, beschreibt in ihrem neuen Buch „Echtleben“ Berlin als eine „Erfindung“, die „forterzählt“ wird und dabei jedes „aufgeweckte“ Kind der Mittelschicht zwischen 15 und 45 anzieht. Kullmann vermutet, dass ein nicht geringer Teil dieser Leute teils oder ganz vom Geld der Eltern lebt, sodass ein bestimmtes „Berlin“ eine von Eltern subventionierte Fiktion ist. Das hierfür notwendige Geld wird dabei von den Eltern in traditionellen, scheinbar wenig schillernden Berufen in der ebenso wenig interessanten Provinz erworben. Provinziell ist dabei alles, was nicht Berlin ist.

„Tatsächlich wäre es, gut zwanzig Jahre nach der Wende, interessant, einmal zu ermitteln, wie viele der aufsehenerregenden Galerien, Shops und Special-Interest-Magazine in Berlin auch heute noch von rheinischen Rechtsanwalts-Papas, westfälischen Fleischer-Dynastien und fränkischen Oberstudienräte-Haushalten am Laufen gehalten werden. Es ist die akademisch abgebildete westdeutsche Mittelschicht, die das schillernde ‚Berlin‘ erfindet, definiert, forterzählt und bis heute dominiert, jenes ‚Berlin‘, von dem wir so oft und gern lesen und auf dessen kulturellen Gehalt wir so stolz sind – weil es Deutschland ein junges, abenteuerlustiges, symphatisches Gesicht leiht. […] Groß ist die Faszination fürs stilistisch Bizarre, pittoresk Soziale und intellektuell Monströse beim zugezogenen ‚Berlin‘-Personal. Eines Tages ’nach Berlin zu gehen‘ ist das inländische Go West! eines jeden aufgeweckten Lieschen Müller zwischen 15 und 45 – if you can make it there, you’ll make it anywhere'“ (Kullmann 2011, S.87)

Damit beschreibt Kullmann unübersehbar sich selbst. Sie selbst fällt wohl in die Kategorie „intellektuell monströs“. Es bleibt allerdings unklar, ob nicht auch ihre Lebensweise ein elterliches Zuschußgeschäft ist. Auf den Seiten 113 fortfolgende erzählt Kullmann als eine Art Gegenbild zu „Berlin“ von Maike – einer ehemaligen Kommilitonin – ihrem Mann Franz und deren zwei Kindern. Weil die Tätigkeit von Maike und Franz als „freie Onlinetexter“ nicht genug einbringt, sind beide von Frankfurt am Main nicht nach Berlin, sondern in ein von den Eltern geerbtes, „spitzgiebeliges“ Einfamilienhaus mit „zu kleinen Zimmern“ im Odenwald gezogen. Kullmann interpretiert diese Entscheidung Maikes als Kapitulation, als Rückfall in eine zu Studienzeiten verachtete Lebensweise, der man gemeinsam entfliehen wollte.

Kullmanns tendenzielle Abwertung des Verhaltens des Paares erscheint inkonsistent, handelt es sich doch im Grunde nur um eine andere Variante der Nutzung der von der Elterngeneration erwirtschafteten Ressourcen. Der Unterschied liegt allein in der Erfindung und Forterzählung der eigenen Person im Kontext eines Ortes – hier Berlin, dort der Odenwald. Es wäre ein leichtes und noch dazu tatsächlich mal etwas neues, das Leben von Maike und Franz als die eigentlich spannende und zukunftsträchtige Geschichte zu erzählen.

Wenn Maike ihre Berliner Freundin Katja um die „coolen Sachen“ beneidet, die Katja „immer noch“ macht, dann ist es ein Fehlschluß zu glauben, Maike mache nichts cooles. Der Trick der Suggestion einer Art Coolness-Gefälle besteht lediglich in der Erzählkulisse „Berlin“, in deren Kontext sich Existenzkampf einerseits und Selbstverwirklung andererseits scheinbar mondäner erzählen lässt, als im Odenwald. Kullmann kann ihrer Linie doch nur treu bleiben, weil Maike sich bei der Interpretation ihres eigenen Lebens vom mondänen Schein des Lebens ihrer Freundin Katja blenden lässt. Man ist indes bei der Lektüre nicht sicher, ob Kullmann nun auf die Odenwälder herabschaut oder neidisch ist. Und ich bin mir nicht sicher, wer sich hier eher weiter entwickelt und die größeren Potentiale zur Entfaltung gebracht hat: Die allem Anschein nach kinderlose, tendenziell in den Ressentiments ihrer Studienzeit verharrende Katja Kullmann oder ihre Erdbeergelees kochende Freundin Maike. Ferner darf man sich die Frage stellen, ob nicht die Entscheidung von Maike und Franz bedeutend smarter ist, als die Entscheidung der nach Berlin Geflohenen, erscheint die Odenwälder Ressourcennutzung doch wesentlich produktiver, als die der reinen Konsumtion, wie sie, liest man Kullmann, für die nach zweifelhafter Selbstverwirklichung in Berlin Suchenden typisch zu sein scheint.

Als das Faszinierende an Kullmanns Beschreibung bleibt bei alledem der Kontrast der Kulissen im Kopf: Berlin|Provinz. Wie Kullmann selbst feststellt, wohnen die meisten Deutschen noch immer und wohl auch in Zukunft in der Provinz. Die Frage ist, wie sich die vielfältigen Provinzen heute und in Zukunft als spannende Orte erfinden und erzählen lassen, um als würdige Kulissen derer zu funktionieren, die sich dadurch auszeichnen, eben nicht in Berlin zu wohnen. Hierzu gibt es mindestens zwei Ansätze: Die Dekonstruktion der Kulisse „Berlin“ und die Konstruktion eines attraktiven Erzählmusters „Provinz“. Kullmann liefert bereits reichlich Stoff zur Dekonstruktion Berlins. Und auch zur Konstruktion eines neuen Erzählmusters der Provinz definiert Kullmann bereits die Arbeitsaufgabe im Detail: Es geht darum, Provinz als Lebensraum in den Verfügungsbereich „junger Erwachsener“ zu stellen und dabei Hinweise zu geben, wie erstrebenswerte Dimensionen der Kultur der Metropole auch in der Provinz hergestellt und gelebt werden können: Wie die negativen Aspekte sozialer Kontrolle relativieren, dem tendenziell Unfreien den Esprit des Freien entgegenstellen, politische oder religiöse Bevormundung zurückweisen und von alteingesessenen Familien profitieren, statt sich von deren Mattheit lähmen zu lassen? (vgl. Kullmann 2011, S.118f)

Kullmann, Katja: Echtleben: Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben. Frankfurt am Main (Eichborn) 2011

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