Bleek, Wilhelm: Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland. München 2001

[Florian Dieckmann 2006]

Exzerpt

Bleeks historischer Abriß der neueren Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland seit 1945 lässt sich in drei Phasen einteilen: die Phase der Neugründung des Faches und seiner frühen Lehr- und Forschungsgebiete bis 1960, die Phase der hohen Erwartungen, der Expansion, der Selbstüberschätzung und der schweren Krise des Faches zwischen 1960 und 1975 und die Phase der um Konsolidierung bemühten Professionalisierung ab 1975. Interessanter ist jedoch die Einteilung in Themenstränge, als da wären: die Herausbildung von Schulen, ihre historische Bedingtheit und ihre Verwandlung in Netzwerke der „scientific community“, die thematischen und theoretischen Schwerpunkte dieser Schulen und die Fortentwicklung dieser Schwerpunkte im Rahmen der Professionalisierung. Bleek unterscheidet bei dieser Fortentwicklung vor allem drei strukturgebende Momente: Die Übernahme sozialwissenschaftler Methoden, die Entwicklung von Bindestrich-Politikwissenschaften, die sich an der amerikanischen Politikfeldanalyse orientieren und den Bereich der Politikberatung, der eng mit den aus der Idee der Politikfeldanalyse hervorgegangenen Bindestrich-Politikwissenschaften zusammenhängt.

Nach 1945 wurde die Politikwissenschaft im Bereich der Philosophie angesiedelt und war aufgrund der Herkunft der Gründer stark geschichts- und rechtswissenschaftlich orientiert. Die Namensgebung geht auf Gert von Eynern zurück (siehe Bleek 2001, S.301). Erklärungen für das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und das Dritte Reich waren die dominanten zeitgeschichtlichen Themen. Daneben etablierten sich die systemvergleichende Auseinandersetzung mit dem Ostblock, die Theorie und Empirie der Demokratie. Im Bereich der Theorie und Empirie der Demokratie setzte sich bspw. Fraenkel mit mit seiner repräsentativ-pluralistischen Demokratiekonzeption durch. Leibholz entwickelte die These von der Parteienstaatsdemokratie. Parteien, Verbände und öffentliche Meinung wurden zu zentralen Themen der bei der Beantwortung der Frage nach dem gesellschaftlichen Meinungs- und Willensbildungsprozeß. Daneben dominierte die Wahlforschung und die Parlamentarismusforschung bzw. die Frage nach dem „parlamentarischen Regierungssystem“. Aus diesem Bereich ist dann bspw. die Zeitschrift für Parlamentsfragen hervorgegangen. Parteien wurden bezogen auf ihre Rechtsstellung, ihren Aufbau, ihre Funktion und ihre Kontrolle hin untersucht. Interessengruppen wurden Bleek zufolge erst ein Thema, weil bspw. Fraenkel sich „gegen die traditionelle deutsche Verbandsprüderie und für die Anerkennung der Interessengruppen als intermediäre Organisationen zur Bündelung von gesellschaftlichen Interessen und ihrer Vermittlung“ einsetzte. (Bleek 2001, S.297) Das politische System als ganzes untersuchten dann federführend Eschenburg und Ellwein. Weil die Politikwissenschaft im Bereich der Geisteswissenschaften angesiedelt worden war, etablierte sich die Geschichte der politischen Ideen erst spät als eigenständiger Bereich. Die ideengeschichtliche Fundierung des Fachs wurde besonders von der Freiburger Schule vorangetrieben, aber auch Fraenkel plädierte für eine wertorientierte, normative Politologie. (Bleek 2001, S.299) Dies ist auch der Ursprung der verbreiteten Sammelwerke, in denen Klassiker der politischen Theorie vorgestellt werden. Von Anfang an kam es in der Politikwissenschaft zu der begrifflichen Grundsatzdebatte, ob es um ein „auf die empirische Forschung ausgerichtetes Verständnis von Politik als Erwerb, Gebrauch und Verbrauch von Macht“ gehen sollte, oder ob ein ein „mehr normativer Begriff von Politik als ‚guter Ordnung’“ angebracht sei. (siehe Bleek 2001, S.303).

Ab den 60er Jahren kam es dann zu einer regelrechten Explosion der Zahl der Institute und Lehrenden der Politikwissenschaft. Gemäß eines von Lepsius angeregten Plans sollte jede Universität mindestens drei Professuren mit fünf wissenschaftlichen Assistenten und nichtwissenschaftlichen Mitarbeitern erhalten. Dieser in weiten Teilen umgesetzten Expansion folgte die inhaltliche Ausdifferenzierung. Die Zahl der Professoren stieg deutschlandweit von 63 im Jahr 1970 auf ca. 300 im Jahr 2001. (siehe Bleek 2001, S.313). Die Entwicklung stagnierte jedoch in den 80er Jahren, sodass viele Privatdozenten der 70er Jahre keinen Ruf mehr erhalten haben. Zu den neuen Lehr- und Forschungsgebieten gehörte die Aufarbeitung der Geschichte des Dritten Reichs durch die Pioniere dieses Bereichs am Münchner Institut für Zeitgeschichte und die zunächst aufgrund der besonderen außenpolitischen Situation der BRD verzögerte Analyse der Internationalen Politik. Aus der Analyse der Internationalen Politik entwickelten sich weitere Teilgebiete, darunter die Entwicklungsforschung (die auf die Entwicklungshilfe fokussierte und in der Studentenbewegung als Nord-Süd-Konflikt politisiert wurde, sowie die Regionenforschung – wobei unter Region hier die „suprastaatlichen Gemeinsamkeiten und Kooperationen von Staaten einer geographischen Region, oft eines Kontinents oder Subkontinents, verstanden“ werden. (vgl. Bleek 2001, S.331). Hinzu kam der Teilbereich der Europaforschung als einer Entwicklung der vergleichenden Verfassungslehre und Politikanalyse. Auch die Friedens- und Konfliktforschung entwickelte sich hier als ein Teilbereich, kumulierte in der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung, die dann im Rahmen der „konservativen Wende 1982“ 1983 aufgelöst wurde. In Fragen der Sicherheits-, Rüstungs- bzw. Abrüstungspolitik entwickelte sich seit 1965 das Forschungsinstitut für Internationale Politik und Sicherheit der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Seither ist Forschung und Politikberatung auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen zu einer wesentlichen Aufgaben der politischen Stiftungen geworden, so Bleek (siehe S.335)

Zu den akademischen Schulen schreibt Bleek: „Aus soziologischer Sicht sind wissenschaftliche Schulen […] wechelseitige protektive Sozialsysteme zwischen akademischen Lehrern und Schülern […], wobei erstere von der Verbreitung ihres Gedankengebäudes, letztere durch die Förderung der eigenen Berufskarriere profitieren.“ (Bleek 2001, S.336) Das Auftauchen akademischer Schulen begründet Bleek mit dem Umstand, dass viele Institute zumeist nur einzigen Lehrstuhl hatten, dessen Inhaber dann als Gründungsfigur einer Schule fungierte. Die Berliner Politologie z.B. konnte somit nie eine „Schule“ ausbilden, weil hier immer schon mehrere Professuren vorhanden waren. Zudem löste sich das Phänomen der akademischen Schulen mit der allgemeinen Expansion des Fachs auf. „Nachdem die akademische Existenz nicht mehr erkämpft werden musste, ist auch in der Politikwissenschaft das ortsgebundene Phänomen der Schulen zugunsten der modernen, weil ortsübergreifenden Erscheinungsweisen von akademischen Netzwerken und scientific communities zurückgetreten. (Bleek 2001, S.346; siehe Bleek zu den Schulen und ihrem Personal in der Politikwissenschaft S. 336-346)

Die gesellschaftspolitischen Debatten der 60er Jahre schlugen auch auf die Diskussion des Selbstverständnisses des Fachs über: „lehrenden Politikprofessoren warf man vor, dass sie sich bei ihrer Lehre und Forschung beispielsweise über Parteien, Verbände, Parlament, Regierung, Wahlen und dergleichen mehr auf die Beschreibung von Oberflächenphänomenen beschränken und die Analyse der zentralen Fragen des politischen Systems, insbesondere seiner sozioökonomischen Bedingtheit vernachlässigen würden.“ (Bleek 2001, S.351) Mit dieser Kritik war jedoch nicht die Frage nach einer Betriebswirtschaft des politischen Bereichs, sondern die Frage nach Abhängigkeit der aktuellen Politik vom Kapitalismus gemeint. Zudem wurde die Forderung nach der Umsetzung der kritischen Theorie der Frankfurter Schule laut, die vor allem Neuerungen im theoretisch-methodologischen Grundlagendiskurs aufgeworfen hatte (vgl. Bleek 2001, S.351f). Zu den in diesem Zusammenhang wiederentdeckten Autoren gehörte u.a. Otto Kirchheimer. Zudem nahmen hier einige den Ausgangspunkt ihrer wissenschaftlichen Karriere, wie Grebing, Euchner, Massing, Narr, Hirsch und Offe, denen es darum ging, „ihren Gegenstand nicht nur inhaltlich darzustellen, sondern gleichermaßen theoretisch zu durchdringen“ mit dem Ziel, „dem normativen Anspruch der freiheitlichen und pluralistischen Demokratie die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit der Bundesrepublik als kapitalistisch strukturierte Ordnung gegenüberzustellen“, wobei der „Realisierung von neuen, wirklichkeitsadäquateren Formen demokratischer Emanzipation“ unter die Arme gegriffen werden sollte (vgl. Bleek 2001, S.353f). Autoren wie Habermas und Offe befassten sich insbesondere mit den Legitimationskrisen des Spätkapitalismus, schlugen vor, mit dem Wohlfahrtsstaat wenn nicht schon Legitimation, so doch Massenloyalität zu produzieren, befassten sich mit den Durchsetzungsproblemen schwacher Interessen und prognostizierten das Durchlavieren der politischen Herrschaft von Krise zu Krise.

Die Krise der Politikwissenschaft gründete in mehreren Komponenten. Die gesellschaftspolitischen Unruhen der 60er Jahre führten, grob zusammengefasst, zu einer gesellschaftspolitischen Selbstüberschätzung der Fachbereiche, zu einem Imageproblem der Absolventen und zu entsprechend schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die Hoffnung der Gründer der Disziplin, der Rechtswissenschaft im Bereich der Verwaltungslaufbahnen Konkurrenz zu machen, erfüllte sich nicht. Aus fachlichen Debatten wurden „pseudopolitische“ Grabenkämpfe (siehe Bleek 2001, S.358). Zudem war die Politikwissenschaft zwischen den drei metatheoretischen Grundmodellen einer normativ-ontologischen Theorie, die um eine „ideengeschichtlich begründete Herausarbeitung von klassischen Ordnungsvorstellungen“ bemüht ist, einer empirisch-analytischen Theorie, die „Wissenschaft als die Herausarbeitung von allgemeingültigen Sätzen durch die empirische Überprüfung der Wirklichkeit verstehen will“ und einer dialektisch-kritischen Theorie als Sammelbecken aller gesellschaftskritischen Bemühungen zerrissen. Helmut Schmidt soll dann 1968 die Lage so zusammengefasst haben: „Wir haben zuviel Soziologen und Politologen. Wir brauchen mehr Studenten, die sich für anständige Berufe entscheiden, die der Gesellschaft auch nützen.“ (Bleek 2001, S.365)

Bereits in den 70er Jahren diskutierte man die Möglichkeiten, die Politikwissenschaft zu professionalisieren, um sie berufspraktisch verwenden zu können.

Da das Fach im Bereich der Geisteswissenschaften angesiedelt worden war, dominierten zunächst geschichtswissenschaftliche und hermeneutische Methoden, sowie rechtswissenschaftliche Fragen und insbesondere die Frage nach der guten Ordnung. Die Organisationsreformen Anfang der 70er Jahre überführten die Politikwissenschaft aus den philosophischen Fakultäten in sozialwissenschaftliche Fachbereiche. Das führte Bleek zufolge zwar zum Problem fachbereichsinterner Blockaden und Inzucht, stärkte aber die sozialwissenschaftliche Qualität der Politikwissenschaft. Die Theorien von Parson, Easton, Naschold, Oberndörfer, Habermas und Luhmann führten die Politikwissenschaft in den Bereich der Sozialwissenschaft. Da auch die Wirtschaftswissenschaft zu den Sozialwissenschaften zählt, gewannen auch ökonomische Ansätze, wie die von Schumpeter, Downs und damit der Rational-Choice-Ansatz an Bedeutung für die Politikwissenschaft. Auch der Sieg Poppers Kritik an dem „in den deutschen Geisteswissenschaften vorherrschenden spekulativen und ideologieträchtigen Denkens“ (Bleek 2001, S.378) machte die Politikwissenschaft seit Beginn der 80er Jahre zur Sozialwissenschaft, deren dominante Methode die „Überprüfung von Hypothesen anhand der Beobachtung, Erfahrung und Messung von sozialen, somit auch politischen Tatsachen“ ist, was in die Sozialstatistik mündet, aber auch in der Analyse politischer Kultur, politischer Sprache und Symbolik und in der Analyse des Funktionierens politischer Institutionen und Organisationen verwendet wird. (vgl. Bleek 2001, S.379) Pionier der kritisch-rationalen, empirischen Sozialwissenschaft war Wildenmann in Mannheim, laut Bleek ein Prototyp von Wissenschaftler und Organisator, der seine Forschung vor allem mit guten Kontakten in die politische High Society zu finanzieren und zu etablieren wusste. (siehe Bleek 2001, S.381) Auf Wildenmanns Initiative geht die Gründung des Zentrums für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA), das in der späteren Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Infrastruktureinrichtungen (GESIS) aufging, als auch die Gründung des European Council for Political Research (ECPR) als europäischen Fachverband zurück. Zu seinen Schülern gehörten Leute wie Helmut Kohl, Wilhelm Bürklin, Ursula Hoffmann-Lange, Max Kaase, Franz Lehner, Heribert Schatz, Erich Weede und Ulrich Widmaier (siehe Bleek 2001, 382)

Ein weiterer Professionalisierungsschub war die Übernahme der Politikfeldanalyse bzw. der Policy-Analyse amerikanischer Herkunft, der es im wesentlichen um den „Ablauf von politischen Problemlösungsprozessen in der Vielfalt staatlicher Tätigkeitsbereiche als einem Policy-Zyklus (policy cycle) geht“, wobei im Alltag der Politikfeldanalyse meist „empirische und praxisbezogene Arbeiten auf einzelnen Politikfeldern“ geleistet werden. (vgl. Bleek 2001, S.384) Die Politikfeldanalyse erklärt mit Abstand am besten, wie Politikwissenschaft derzeit strukturiert ist. Gleichzeitig macht die Diskussion der Politikfeldanalyse in der Politikwissenschaft auch deutlich, warum manche Politikwissenschaftler mit Politikfeldanalyse offensichtlich nichts am Hut haben wollen.

Die Konjunktur der Politikfeldanalyse in politikberatender Funktion begann Bleek zufolge mit der Ölkrise 1974. Bereits ganz zu Anfang der Politikfeldanalyse stand die Idee, für eine Anwendbarkeit politikfeldanalytischer Erkenntnisse als einer „aktiven Politik“ überhaupt erst einmal die Voraussetzungen im politisch-adminstrativen System zu schaffen. Hier traten in einer „Projektgruppe Regierungs- und Verwaltungsreform“ z.B. Renate Mayntz und Fritz W. Scharpf auf den Plan. (siehe Bleek 2001, S.384). Desweiteren wurde die Bildungspolitik bald zu dem herausragendsten Beispiel für politikfeldanalytische Arbeiten, gefolgt von der Umweltpolitik, der Sozialpolitik, wirtschaftlichen Politikfeldern, der Arbeitspolitik, der Medienpolitik, der Familienpolitik und so weiter und so fort. Gerade die Umweltpolitik thematisierte dabei kommunale Politik, wobei man vom Axiom kommunaler Selbstverwaltung abkam und auch auf lokaler Ebene „Phänomene der Macht, der Herrschaft und des Konfliktes sowie den Strukturen parteipolitischer Auseinandersetzung zwischen Regierung und Opposition“ entdeckte (siehe Bleek 2001, S.386) Die Sozialpolitik wurde von Politikwissenschaftlern wie Claus Offe und Manfred G. Schmidt geprägt, wobei man in diesem Gebiet von Beginn an mit den Nationalökonomen und Soziologen konkurriert. In den wirtschaftspolitischen Politikfeldern konkurriert die auf staatliche Handlungsräume ausgerichtete Politikwissenschaft mit der auf den Markt als Steuerungsinstrument ausgerichteten Wirtschaftswissenschaft. Dementsprechend dominieren in diesem Bereich nach wie vor die Nationalökonomen, so Bleek. (siehe S.387) Allein in der Arbeitspolitik konnte die Politikwissenschaft einen Stich machen – und das vor allem aufgrund der korporatistischen und tripartistischen Strukturen, die für Sozialwissenschaftler wie Scharpf, Offe, Schmid, Reissert, Heinze und Streeck Nachfrage schufen. (siehe Bleek 2001, S.388) Vielleicht einer der Gründe, warum in der Politikwissenschaft so sorgfältig darauf geachtet wird, welches Parteibuch man hat: Es geht, neben dem Kampf um die Möglichkeit, im Wettbewerb mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen überhaupt gehört zu werden, vor allem auch ums Geld.

Der Vormarsch der Bindestrichpolitikwissenschaften führte Bleek zufolge mit zur Spaltung der Politikwissenschaft, die sich 1983 mit dem Zerfall der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) in die DVPW und die von eher konservativ und traditionell eingestellten Kollegen neu gegründete Deutsche Gesellschaft für Politikwissenschaft (DGfP). Die Fachkollegen waren besorgt, die Policy-Analyse verliere die Grundfragen der Disziplin, wie Macht, Herrschaft und Legitimität aus den Augen (siehe Bleek 2001, S.390) Bleek fügt hinzu, dass die Nachbarfächer heute „mehrheitlich die politikwissenschaftlichen Beiträge zur Politikfeldforschung als Erweiterung ihrer eigenen Perspektiven einschätzen“. (Bleek 2001, S.391)

Eng mit der Politikfeldforschung ist dann auch die Politikberatung als dem dritten wesentlichen Aspekt der Professionalisierung verbunden, denn Politikfeldanalye ist ein Ausgangspunkt für Politikberatung. Die Nachfrage nach einer politikwissenschaftlichen Politikberatung haben die politischen Krisen der 60er und 70er Jahre begründet. Als die wirtschaftswissenschaftlich und systemtheoretisch begründete Planungseuphorie Ende der 70er Jahre ausnüchterte, verlegte sich die Politikfeldanalyse von der Forschung auf der konzeptionellen Inputseite auf die Implementations- und Evaluationsforschung und stabilisierte so die Nachfrage. Weil die Politikberatung von Politikwissenschaftlern allein nicht mehr zu leisten war und ist, kam es zur Privatisierung und Diversifizierung der Politikberatung, was man heute unter dem Begriff „ThinkTanks“ diskutiert. Neben den kommerziellen Instituten, wie Infas (Bonn), Infratest (München), Prognos (Basel, Köln), Noelle-Neumanns Institut für Demoskopie (Allensbach am Bodensee) und Sinus (Heidelberg, München), sind auch die politischen Stiftungen zu nennen, darunter die Friedrich-Ebert-, Konrad-Adenauer- und Friedrich-Naumann-Stiftung, die eigene Institute betreiben oder betrieben haben. Die Heinrich-Böll-, Hanns-Seidel- und Rosa-Luxemburg-Stiftung können sich Bleek zufolge keinen eigenen Institute leisten. Desweiteren nennt Bleek noch das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und das Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung unter der Ägide von Mayntz, Scharpf und Streeck. Den Berlinern geht es um „Entwicklungstendenzen, Anpassungsprobleme und Innovationschancen moderner demokratischer Gesellschaften“, den Kölnern um eine „empirisch fundierte Theorie der Steuerbarkeit gesellschaftlicher Entwicklung“ unter Berücksichtigung von „Europäisierung, Internationalisierung und Globalisierung“. (siehe Bleek 2001, S.396ff) Einer gesellschaftlichen Bedeutung ähnlich der amerikanischer ThinkTanks steht Bleek zufolge den deutschen Kollegen jedoch die deutsche politische Kultur im Wege. Und Bleek fügt skeptisch hinzu: „Ein nüchterner Blick auf die Realität der Politikberatung durch Gutachten und Kommissionen offenbart, dass es der praktischen Politik bei den entsprechenden Aufträgen oft mehr darum geht, Zeit zu gewinnen und eine kontroverse Entscheidung hinauszuschieben. Zugleich dienen die Produkte der Politikberatung im politischen Entscheidungskreislauf weniger der Anregung und Vorbereitung politischer Initiativen weniger der Anregung und Vorbereitung politischer Initiativen, als vielmehr der nachträglichen Rechtfertigung schon getroffener Entscheidungen und vollzogener Handlungen.“ (Bleek 2001, S.399) Auch tut sich Politikberatung ob der unterschiedlichen Produktionszeiten von Wissenschaft und Politik schwer: Hier das Bedürfnis nach Muße zur Arbeit und Reflektion, da der Erwartungsdruck von Interessen, Entscheidern und öffentlicher Meinung.

Die Konsolidierung der Politikwissenschaft sieht Bleek auch im Zusammenhang mit der Internationalisierung der Politikwissenschaften – insbesondere durch den Einfluß der US-amerikanischen Politikwissenschaft. Bleek weist darauf hin, dass ein Studienaufenthalt in den USA zum verbreiteten Karrieremuster deutscher Politikwissenschaftler gehört, von dessen Erfahrung die Heimkehrer im allgemeinen schwärmen. Im Mittelpunkt der amerikanischen Politikwissenschaft „stehen noch immer die ‚politics’, verstanden als der politische Entscheidungsprozeß, auch wenn daneben seit einigen Jahrzehnten die ‚policies’, die politischen Tätigkeitsfelder, eine zunehmende Rolle spielen. ‚Polity’ hingegen, die normative Ordnung der Politik, ist in der amerikanischen Politikwissenschaft eher von nachgeordneter Bedeutung.“ (Bleek 2001, S.402) Im Mittelpunkt steht damit eine empirische Theoriebildung, „wie Politik gemacht wird“, und nicht die normative Interpretation von Politik. (siehe Bleek ebd.) Dass die amerikanische Politikwissenschaft quantitativ und qualitativ erfolgreicher ist, als die Deutsche, schreibt Bleek zwei strukturellen Faktoren zu: Erstens hat die Politikwissenschaft in den USA sowohl eine allgemein- als auch berufsbildende Funktion, zum anderen ist sie von Empirismus und Pragmatismus geprägt, was „die politikberatende Funktion des Faches gefördert“ hat. (siehe Bleek 2001, S.404). Außerdem bescheinigt Bleek natürlich auch die „althergebrachte Offenheit des amerikanischen Berufsmarktsystems“ als weiteren Faktor. (ebd.) Auch die amerikanische Politikwissenschaft ist gegenüber der politikberatungsorientierten Politikfeldanalyse nicht gänzlich unkritisch. Kritisiert werden der politikfeldspezifische Rückzug in „szientistische Fachverständnisse“ und die „tragische Illusion“ (sic!) „einer normativen Politik durch die moderne Sterilität einer empirischen und wertfreien Wissenschaft“. (vgl. Bleek 2001, S.406).

Die Internationalisierung ist nun an diese amerikanische Politikwissenschaft gekoppelt, weil die amerikanische Politikwissenschaft zum einen quantitative und qualitative einen immensen Output produziert und sie zudem auch die internationale Verbreitung ihrer Ideale betreibt – bspw. mittels der durch sie ins Leben gerufenen International Political Science Association (IPSA), der „im Jahr 2000 […] gut 40 nationale und regionale Organisationen mit ca. 35000 Politikwissenschaftlern“ angehören – 13000 davon Amerikaner. (vgl. Bleek 2001, S.407) Die Kongresse der IPSA werden jährlich von ca. 2000 Politikwissenschaftlern besucht. Außerdem ist die IPSA Herausgeber des International Political Science Review (IPSR). Aus Deutschland haben sich in der IPSA u.a. Klingemann und Sontheimer engagiert. Von Beyme war von 1982-1985 sogar ihr Präsident. Neben der IPSA spielt in Europa die u.a. von Wildenmann gegründete ECPR eine entscheidende Rolle bei der Internationalisierung. Trotz aller Internationalisierungsbemühungen führen die Politikwissenschaften jedoch zumeist nationale Eigenleben, was aus „verschiedenartigen Systemen und Erlebnissen“ resultiert (siehe Bleek 2001, S.411) Dominieren in den USA Präsidentschaft und Wahlprozesse, so ist es in Deutschland das Weimartrauma. (siehe ebd.) Die Unterschiede bringt Bleek mit Hilfe Johan Galtungs auch folgendermaßen auf den Punkt: „Während im angelsächsischen Bereich typischerweise gefragt wird: ‚Wie operationalisieren Sie das?’, im gallischen Bereich die Bitte lautet: ‚Können Sie das in gutem Französisch ausdrücken?’ und in Japan man sich erkundigt: ‚Wer ist Ihr Lehrer?’, lautet die typisch teutonische Frage: ‚Wie können Sie das stringent ableiten?’“ (Bleek 2001, S.411)

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