“Die traurigen Streber” lesen zu viel Die Zeit

Heute, den 28.08.2008, titelt Die Zeit “Jugend ohne Charakter! Karrieredruck und Zukunftsangst haben eine angepasste Generation hervorgebracht” und bringt auf S.43f eine “Polemik”, flankiert von einer Art “Kulturgeschichte” des “Heranwachsens”. Das finde ich kurios. Denn an anderer Stelle habe ich dargelegt, warum von einer Mitschuld der diesen Artikel publizierenden Verlagsgruppe ausgegangen werden kann. Ich halte es für müßig, sich im Detail mit den einzelnen Anspielungen und Thesen dieser “Polemik” auseinanderzusetzen. Zu entdecken gilt es nicht den Inhalt der Polemik, sondern inwiefern die herausgebende Verlagsgruppe an dem hier thematisierten gesellschaftlichen Phänomen im Rahmen der Bearbeitung ihres Marktsegments der 20 bis 30-jährigen beteiligt ist. Statt Details der Polemik zu analysieren, finde ich es sinnvoller, im Folgenden über das Konstruktionsprinzip und das vermutliche Kalkül eines solchen Artikels nachzudenken.

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Es handelt sich meines Erachtens um die Inszenierung eines zielgruppenspezifischen Medienereignisses mit dem Ziel, ein Aufmerksamkeit heischendes Thema auf die Agenda zu setzen, das sich crossmedial innerhalb der Verlagsgruppe nutzen lässt. Dass es sich um Inszenierung handelt, lässt sich schon daran erkennen, dass es im Grunde keinen besonderen Anlass für diesen Artikel gibt, weshalb er auch ohne Aufhänger auskommen muss. Stattdessen lässt sich der Zeitpunkt des Artikels mit Marketingplanung begründen. Gerade im September lassen sich viele Jugendliche und junge Erwachsene, die auf der Suche nach einem Studienplatz sind, sowie Studierende und Absolvierende, die sich auf das kommende Semester oder den ersten Job vorbereiten, als Käufer von Publikationen der betreffenden Verlagsgruppe ansprechen. Dabei profitiert das Feuillton der Zeit meines Erachtens von einer Stimmung, die von anderen Periodika der gleichen Verlagsgruppe mit erzeugt wird. Wirklich interessant wäre es, nun quantitativ die in den kommenden Wochen betriebene Promotion der Zeit in der Zielgruppe zu beobachten und deren inhaltliche Bezugnahmen zu analysieren.

Wenn ein Autor wie Jens Jessen so eine Polemik schreibt, dann stelle ich mir das so vor: Die Zeit hat bestimmt eine Datenbank, die einem Redakteur zu einem bestimmten Thema Stichworte liefert: “Kollegen, die diese Stichwort verwendeten, hatten auch mit folgenden Stichworten Erfolg….” Diese Stichworte sind dann vielleicht sogar danach gewichtet, wieviel Aufmerksamkeit sie je Zielgruppe so auf sich ziehen. Über die Stichworte gelangen Autoren wie Jessen dann zu Artikeln der Verlagsgruppe, die sie kostenlos wiederverwenden können. Auf dieser Grundlage lässt sich dann entlang einer simplen These schnell eine solche Polemik zusammenstöpseln, die sich wie ein Lexikonartikel der Klischees über Jugend seit dem 19. Jahrhundert liest: “Kritik und Protest”, “Leichtfertigkeit und Bedenkenlosigkeit” der Jugend sind verschwunden, der “erbarmungslose Leistungs- und Anpassungsdruck, den alle empfinden” entmutigt eine “ganze Generation”. Das ist weder originell, noch unbedingt wahr. Das es nicht originell ist, ist ärgerlich, weil ich mich frage, warum ich mir diesen Käse kaufe und warum meine Generation (und jünger) genötigt wird, sich im Vertrauen auf die Qualitätsmarke “Die Zeit” einen solchen Zerrspiegel vorhalten lassen zu müssen. Was hier fehlt, ist eine tatsächlich relevante Analyse und eine instruktive Kritik. Jessens Artikel ist uninteressant. Er beweint mit uns ein allgemein anerkanntes Problem, leistet aber keine wirkliche Analyse, die Zusammenhänge oder alternative Verhaltensweisen aufzeigt. Dass Jessens “Polemik” zudem auch nicht unbedingt wahr ist, ist toll – zumindest für Die Zeit – weil man dann auch eine mutmachende Alternative erzählen kann – im nächsten Heft. Das hat schon fast etwas von Vorabendserien und ist ein ziemlich durchsichtiges Konzept. Zudem darf man gespannt sein, wes Geistes Kind die Autoren sind, die in ihren Entgegnungen die “Jugend ohne Charakter” und “traurigen Streber” gedanklich abholen wollen.

Und spätestens in diesem Punkt verrät sich auch die redaktionelle Strategie. Denn der letzte Satz unter Jessens “Polemik” kündigt bereits an, dass der “Campus”-Chefredakteur Manuel J. Hartung eine Entgegnung schreiben wird. Wie jetzt, fragt man sich. Hat der Hartung kurz vor Redaktionsschluß den Jessen zur Seite genommen und gesagt: “Warte nur Jessen, Dir werd’ ich’s zeigen?” Ich denke nicht. Jessen hat Hartungs Linie bereits in den letzten beiden Absätzen seiner “Polemik” anmoderiert. Zudem erscheint es wahrscheinlich, dass “Zeit Campus” das Thema dankbar aufgreifen wird. Wie Hartungs Artikel ausfallen wird, weissagt Phillip Mattheis, Mitarbeiter der Beilage der Süddeutschen Zeitung “jetzt”. Für meinen Geschmack ein Volltreffer:

Nächste Woche wird Manuel J. Hartung, der Chefredakteur von ZEIT Campus, eine Replik auf Jens Jessen schreiben. Darin wird dann irgendwas von Klimawandel und bewusstem Konsum stehen, dass die Wahlbeteiligung unter Jugendlichen gar nicht so niedrig ist und sich total viele im Internet gegen den Überwachungsstaat engagieren. Der Text wird stinklangweilig sein. Warum? (Quelle: Das Leben als Kokosnuss)

In Sachen “Inszenierung von Medienereignissen” ist Mattheis Einlassung ein gutes Zeichen für Die Zeit, denn es lässt hoffen, dass die Branche aufspringt und das Thema es auf die große Agenda schafft. Mattheis beantwortet seine am Schluß gestellte rhetorische Frage mit dem Hinweis auf Hartungs Lebenslauf. Das erscheint mir zu kurz gegriffen. Wenn Hartung verhindert gewesen wäre, hätte jemand anders diese Entgegnung gleichen Inhalts geschrieben. Denn angesichts der Literaturlage gibt es keinen Grund anzunehmen, dass es sich bei all diesen Texten um etwas anderes handelt, als um die Exekution eines Konzepts des Redaktionsmanagements, dem eine bestimmte Dramaturgie zugrundeliegt, die sich zwischen der sozialpsychologischen Disposition der Adressaten und den ideologischen und personalwirtschaftlichen Interessen der Werbekunden aufspannt.

Liebe Streber, lest weniger Die Zeit, dann seit ihr auch nicht mehr so traurig.

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