LUHMANN, Niklas: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. 2. erw. Aufl. Stuttgart 1973.

Exzerpt

1. Das Bezugsproblem: Soziale Komplexität
2. Bestände und Ereignisse
3. Vertrautheit und Vertrauen
4. Vertrauen als Reduktion von Komplexität
5. Überzogene Information und Sanktionsmöglichkeiten
6. Persönliches Vertrauen
7. Medien der Kommunikation und Systemvertrauen
8. Taktische Konzeption: Vertrauen als Chance und als Fessel
9. Vertrauen in Vertrauen
10. Vertrauen und Misstrauen
11. Vertrauensbereitschaft
12. Rationalität von Vertrauen und Misstrauen

1. Das Bezugsproblem: Soziale Komplexität

Luhmann definiert Vertrauen als „Zutrauen zu eigenen Erwartungen“ (1), die die Komplexität der Vielfalt an Möglichkeiten in der Welt vermitteln. „Zutrauen“ ist eine „Komponente“ des „Horizontes“ des täglichen Lebens, wird aber selbst nicht zum „Erlebnisthema“.

Gedanklich besteht die Möglichkeit, die Angst einer Existenz zu durchdenken. Hierbei unterscheidet Luhmann die funktionale von der existenzphilosophischen Forschung, deren Unterscheidbarkeit in ihrem jeweiligen Verhältnis zum Substanzprinzip angelegt ist. Funktionale Analysen benötigen dabei keine „sicheren Gründe“, sondern beziehen sich auf Probleme, die aus der „Frage nach der Erhaltung des Bestandes“ resultieren. „Bestand ebenso wie Identität werden dabei nicht mehr als Wesenskern oder als Invarianz begriffen, sondern als Beziehung zwischen variablen Größen, zwischen System und Umwelt. Sowohl Probleme als auch Problemlösungen erhalten in dieser Forschungsperspektive […] Sinn nicht durch einen vorausgesetzten invarianten Wesenskern, sondern durch ihre besondere Stellung in einem Gefüge anderer Möglichkeiten.“ (2)

Damit bietet die funktionale Analyse ein großes Potential für die Komplexität durch ihre Offenheit gegenüber Vielfalt.

Erkenntnistheoretisch ist „Komplexität […] das letzterreichbare sachliche Bezugsproblem der funktionalen Forschung“, denn „die Welt als Ganzes […] ist nur unter dem Gesichtspunkt der äußersten Komplexität ein mögliches Problem. Sie ist kein System, weil sie keine Grenzen hat. […] Einzig in ihrer Relation zum Identischen-in-der-Welt gibt die Welt als solche ein Problem auf, und zwar durch ihre raum-zeitlich sich entfaltende Komplexität, durch ihre unübersehbare Fülle ihrer Wirklichkeiten und ihrer Möglichkeiten, die eine sichere Einstellung des einzelnen auf die Welt ausschließt. Unfassbare Komplexität ist die Innenansicht der Welt, der Problemaspekt, den sie Systemen darbietet, die sich in der Welt erhalten wollen.“ (3)

Komplexität umschließt sowohl physische als auch soziale Probleme.

Generell ist die Bereitschaft, Vertrauen zu erweisen, von der psychischen Struktur abhängig und liegt in sozialen Beziehungen. Die Bildung sozialer Beziehungen geschieht in „Interaktionsfeldern“, die sowohl von physischer als auch von sozialer Systembildung beeinflusst werden.

Dies veranlasst Luhmann, den Begriff der Komplexität möglichst abstrakt zu fassen als „Zahl der Möglichkeiten, die durch Systembildung ermöglicht werden“ (4)

So sind in der Welt mehr Möglichkeiten denkbar, als in der Welt Wirklichkeit werden können. Das aber überfordert die Beziehung des Systems zur Welt, weil es sich kontinuierlich möglicher Gefährdungen ausgesetzt sehen kann. (siehe 5)

Die Möglichkeitenvielfalt führt dazu, dass Systeme sich auf eine „selektiv konstituierte Umwelt“ einlassen und dann an „etwaigen Diskrepanzen zwischen Umwelt und Welt“ zerbrechen.

„Dem Menschen allein wird jedoch die Komplexität der Welt selbst und damit auch die Selektivität seiner Umwelt bewusst und dadurch Bezugsproblem seiner Selbsterhaltung. Er kann […] sein Nichtwissen thematisch erfassen und sich selbst erkennen als jemanden, der entscheiden muß.“ (5)

Luhmann weiter: „Beides, Weltentwurf und eigene Identität, wird ihm zum Bestandteil seiner eigenen Systemstruktur und zur Verhaltensgrundlage dadurch, dass er andere Menschen erlebt, die jeweils aktuell erleben, was für ihn nur Möglichkeit ist, ihm also Welt vermitteln, und die zugleich ihn als Objekt identifizieren, so dass er ihre Sichtweise übernehmen und sich selbst identifizieren kann.“ (5)

Dieses „andere erleben als ich“ kann mich verunsichern, da die Welt nicht nur zeitlich und sachlich, sondern auch sozial in seiner Vielfalt potenziert wird.

Aus dieser Potenzierung der Vielfalt entsteht mithin die Forderung nach Mechanismen der Reduktion von Komplexität. Luhmann nimmt dies zum Anlass, die wissenschaftlich-philosophische Reflektion des Problems der Intersubjektivität von Welt zu erörtern. So habe Hobbes das „Komplexitätsproblem als Sicherheitsproblem“ empfunden. Husserl und Schütz entwickelten eine „Theorie der intersubjektiv übereinstimmenden Typisierung der Erlebnismöglichkeiten“, die aufgrund der Unsicherheit der „unberechenbaren Komplexität […] in der Gegenwärtigkeit eines alter ego“ notwendig scheint. In Parsons Theorie der „zweiseitigen Offenheit […] aller Interaktionen“ wird die These vertreten, dass „Normbildung […] die Komplementarität der Rollenerwartungen sicher[…]stellt“ (vgl. 6) Letzeres findet dann in die Organisationstheorie eingang, wenn Normbildung als Alternative zu utilitaristischen Überlegungen in Betracht gezogen wird.

Luhmann schließt aus alledem das Fazit, dass ein Bedarf an Reduktion von sozialer Komplexität besteht. „Durch die Existenz eines alter ego wird die Umwelt des Menschen zur Welt der Menschheit. […] Er definiert das Bezugsproblem, im Hinblick auf welches Vertrauen funktional analysiert […] werden kann“ (7)

Daraus nimmt die Analyse einen mehrfachen Ausgang: Wo es Vertrauen gibt, gibt es mehrere Möglichkeiten des Erlebens, steigt die soziale Komplexität und damit die Zahl der mit der Struktur vereinbaren Möglichkeiten (siehe 7f)

2. Bestände und Ereignisse

Vertrauen beinhaltet ein besonderes Verhältnis zur Zeit, da wer vertraut Zeit vorwegnimmt. Luhmann sieht daher den Bedarf nach einer Theorie der Zeit. Im Mittelpunkt steht das Nacheinander von Ereignis und Reaktion des Systems. Zugleich beinhaltet Zeitlichkeit aber auch ein „Zusammenbestehen von Veränderung und Nichtveränderung“, das Grundlage der Sinnhaftigkeit der Systeme menschlichen Erlebens und Handelns ist.

Das gleichzeitige Erleben von a) Dauer trotz b) Wechsel bei gleichzeitiger c) Intersubjektivität des Erlebens konstitutiert die „objektive Zeit“. Die „Paradoxie“ von Dauer und Wechsel wird „durch den Zeitbegriff unterlaufen“ (9) Ausgeblendet wird der Unterschied zwischen a) Ereignis und b) Bestand.

„Das Ereignis hat seine zeitpunktbezogene Identität […] unabhängig von der Qualifikation als künftig, gegenwärtig oder vergangen, und der Sinn seiner Identität ist gerade diese Invarianz gegenüber dem Wechsel der Zeitqualitäten.“ Der Bestand hingegen dauert „unabhängig vom Wechsel der Zeitpunkte“ (vgl. 10)

Vertrauen kann nun nicht einfach als eine „Überwindung der Zeit“ verstanden werden. Da Bestandssicherung nur in der Gegenwart möglich ist, ist auch Vertrauen als Form von Sicherheit nur in der Gegenwart möglich. (siehe 10f) Denn weder unsichere Vergangenheit noch unsichere Zukunft können Vertrauen „erwecken“. „Grundlage allen Vertrauens ist vielmehr die Gegenwart als dauerndes Kontinuum im Wechsel der Ereignisse, als Gesamtheit der Bestände, an denen Ereignisse sich ereignen können. […] Zukunft überfordert das Vergegenwärtigungspotential des Menschen. […] Er muss also seine Zukunft laufend auf das Maß seiner Gegenwart zurückschneiden, um Komplexität zu reduzieren.“ (12)

Luhmann unterscheidet zur Veranschaulichung gegenwärtige Zukunft von zukünftigen Gegenwarten, wobei jede mögliche zukünftige Gegenwart jeweils andere gegenwärtige Zukünfte in sich bergen würde.

„Mit der Chance auf bewusste Selektion [entsteht] zugleich Unsicherheit und ein Bedarf für die Sicherung von Zusammenhängen zwischen gegenwärtigen und künftigen Gegenwarten“ (12f)

Vertrauensbildung und Vertrauensvergewisserung befasst sich deshalb mit „dem Zukunftshorizont der jeweils gegenwärtigen Gegenwart“, auf den alle gegenwärtigen Orientierungen bezogen werden müssen. „Daher steigt mit zunehmender Komplexität auch der Bedarf für Vergewisserung der Gegenwart“ (13) Diese Vergewisserung kommt einerseits mittels der Expression von Erlebnissen zum Zwecke der „Stabilisierung der Gegenwart in der Sicherheit ihrer Bestände“, andererseits als „instrumentelle Orientierung“ in Form des Willens zur Manipulation der Gegenwart zu einem bestimmten Zweck zum Ausdruck.

Hier sieht Luhmann dann die Möglichkeit, die System-Dimension einzuführen. Der Wille innerhalb der Gesellschaft, die Gegenwart anderer zu manipulieren, bedarf der Möglichkeit, trotz der vom Manipulator betriebenen expressiven Stabilisierung von Gegenwart unerkannt von den zu Manipulierenden zu bleiben. Dies wird in der Differenzierung durch soziale Organisation verwirklicht. „Vertrauen lässt sich nur dann erhalten, wenn es eine Form findet, in der es mit diesem Verdacht [manipuliert zu werden] leben kann und gegen ihn immun wird.“ (15)

Luhmann spricht hier auch von dem Dilemma von „Instrumentalität und Expressivität“. Dieses Dilemma ist in der Komplexität gegeben, wobei die Konstitution der objektiven Zeit „der Öffnung eines Spielraums der Variation“ dient, um Möglichkeiten aufzuschließen. „Die Zeit wird […] als grenzenlose und doch reduzierbare Komplexität konstituiert.“ (15)

Luhmann weiter:

„Alle Komplexität anderer Möglichkeiten wird durch […] Gegenwart auf erlebbare Komplexität reduziert […]. Die Bestände […] dienen der Erfassung und Reduktion [von] Komplexität. […] Sie leisten dies, indem sie die Welt auslegen, strukturieren und so vereinfachen, dass Ereignisse Informationswert gewinnen und mit menschlichem Handeln zu einem Prozeß selektiver Auswahl verschmolzen werden können.“ (16)

Vertrauen stärkt also „die Bestände gegenüber den Ereignissen und ermöglicht es daher, mit größerer Komplexität in bezug auf Ereignisse zu leben und zu handeln.“ (16)

Deshalb muss Vertrauen auch von Ereignisbeherrschung unterschieden werden. Medien der Ereignisbeherrschung sind dabei bspw. Geld, Macht und Wahrheit. Luhmann vertritt jedoch die These, dass Vertrauen als sozialer Mechanismus nicht durch Sachbeherrschung ausgeschlossen werden kann.

3. Vertrautheit und Vertrauen

Menschliche Absicht [Intention] begrenzt die menschliche Erlebnisfähigkeit [vgl. hierzu meine Überlegungen in Berlin zum Unterschied zwischen der intendierten und der nicht-intendierten Begegnung aufgrund der je unterschiedlichen Offenheit der Situation]

Jedoch, so Luhmann weiter, kann die „Grenze des jeweils Gemeinten“ nicht streng eingehalten werden, weil das Erleben eine „Selbstbeweglichkeit“ besitzt.

Diese Selbstbeweglichkeit erklärt sich wie folgt: Die Grenzziehung bedingt die Auseinandersetzung mit dem, wovon man etwas abgrenzt. „In solcher Bewegung des Erlebens konstituieren sich gegenständliche Identitäten, die das Erleben vom einen zum anderen überleiten, künftiges Erleben in Aussicht stellend und vergangenes bewahrend“ (18)

Das Erleben der Daseinsbedingungen wird dabei von „Sinn und Welt“ bestimmt, die „eine intersubjektive Leistung“ darstellen. „Sinn und Welt werden […] anonym konstituiert. Jedermann wird als dasselbe miterlebend vorausgesetzt in der Leerform eines anderen Ichs, als Man. Die Konstitutionsleistung […] wird in diffuser Übereinstimmung von allen erbracht. Insoweit ist daher auch kein besonderes Vertrauen in den Mitmenschen nötig. Wer nicht zustimmt, erschüttert die gemeinsame Weltsicht nicht, sondern schließt sich dadurch selbst aus der vernünftigen Menschheit aus. Dieser anonymen Form der Konstitution entsprechen als Kommunikationsmedien die Wahrheit und […] die Vertrautheit und Selbst-Verständlichkeit des Seienden.“ (18)

In der Vorstellung des Vertrauten stellt sich nicht die Frage, wer vertraut und wer in diesem Vertrauten Sinn sieht. Allerdings gibt es sehr wohl „Differenzen und Meinungsverschiedenheiten“ zwischen den Menschen in Bezug auf das Vertraute – was jedoch für den Einzelnen kein Problem ist.

Die Funktion des Vertrauten besteht darin, dass „mit der anonym und latent bleibenden Konstitution von Sinn und Welt […] das volle Potential der an sich gegebenen Erlebnismöglichkeiten, die extreme Komplexität der Welt, dem Bewusstsein entzogen wird.“ (19) Die Komplexität existiert dann als „unheimliche“ jenseits des Vertrauten.

Eine Veränderung bzw. Erschütterung dieser individuellen Selbstverständlichkeit der Welt entsteht erst dadurch, dass „ein alter ego ins Bewusstsein tritt, als Freiheit, die Dinge anders zu sehen und sich anders zu verhalten“ (19) Während die Vertrautheit sichere Erwartung erlaubt, bringt dieses alter ego mit seiner Freiheit, anders zu sehen und sich anders zu verhalten, Risiken mit sich.

In der Vertrautheit dominiert die Vergangenheit. „Die Orientierung am Gewesenen […] unterstellt, dass das Vertraute bleiben, das Bewährte sich wiederholen, die bekannte Welt sich in die Zukunft hinein fortsetzen wird.“ (20)

Da alle auf eine Kontinuität von Vertrautheiten angewiesen sind, wird Kontinuität quasi zur Norm. „Auf diese Weise löst die Zeitdimension in ihrem Vergangenheitsaspekt ein Problem, das eigentlich in die Sozialdimension gehört: unerwartetes Handeln auszuschließen.“ (20)

Vertrauen ist jedoch in die Zukunft gerichtet. Während Geschichte den Hintergrund sichert, „überzieht [Vertrauen] die Informationen, die es aus der Vergangenheit besitzt und riskiert eine Bestimmung der Zukunft. […] Der vertrauensvoll Handelnde engagiert sich so, als ob es in der Zukunft nur bestimmte Möglichkeiten gebe. Er legt seine gegenwärtige Zukunft auf eine zukünftige Gegenwart fest.“ (20)

Luhmann weiter: „Er macht damit den anderen Menschen das Angebot einer bestimmten Zukunft, einer gemeinsamen Zukunft, die sich nicht ohne weiteres aus einer gemeinsamen Vergangenheit ergibt, sondern ihr gegenüber etwas Neues enthält.“ (20)

Auch an dieser Stelle führt Luhmann die Unterscheidung der individuellen von der systemischen Ebene eine. „In dem Maße, als eine Sozialordnung komplexer und variabler wird, verliert sie als Ganzes den Charakter der Selbstverständlichkeit, der bekannten Vertrautheit, weil die tägliche Erfahrung sie nur ausschnitthaft zu Gesicht bringen oder erinnern kann. Andererseits ergibt sich aus der Komplexität der Sozialordnung selbst ein gesteigerter Koordinationsbedarf und damit ein Bedarf für Festlegung der Zukunft, also ein Bedarf für Vertrauen, das nun immer weniger durch Vertrautheit gestützt werden kann.“ (21)

Daraus folgt, dass bezogen auf Systeme Geschichte keine individuell erinnerte Erfahrung ist, sondern Herkunft der „schon entschiedenen Struktur sozialer Systeme“ ist. (siehe 21)

Philosophisch wird damit Luhmann der Bogen vom Bedeutungsgewinn des Subjekts über das cartesische Subjekt, welches selbstbewusst Erfahrungen erinnert, bis zur positiven Wissenschaft geschlagen, in der Wahrheit nur ein Verhältnis einer Sache zur Funktion der Ordnung der Verhältnisse ist. Luhmann sieht alles in allem ein Programm, das darin besteht, Prozesse intersubjektiver Kommunikation in System stabilisieren zu müssen, um Sinn und Welt auf einer höheren Ebene von Komplexität zu realisieren.

4. Vertrauen als Reduktion von Komplexität

Vertrauen stellt das Problem der riskanten Vorleistung dar. Dies gilt z.B. für die Wirtschaft: „Wenn ich das Vertrauen haben kann, am Gewinn beteiligt zu werden, kann ich mich auf Formen der Kooperation einlassen, die sich nicht sofort und nicht in meinem unmittelbaren Zugriffsbereich bezahlt machen.“ (24)

Vertrauen ist immer dann vonnöten, wenn die vertrauensvolle Erwartung für die Handlungsentscheidung ausschlaggeben ist. Dabei heißt Vertrauen, sich des Risikos selektiven Handelns anderer bewusst zu sein und sich zu diesem Risiko des unerwarteten Handelns anderer zu stellen. „Vertrauen reflektiert Kontingenz, Hoffnung eliminiert Kontingenz“ (25)

Es ist vor allem der Mangel an Wissen bzw. Information bei rationalen Entscheidungen, der zur Folge hat, dass Vertrauen bei rationalen Entscheidungen eine wesentliche Rolle spielt.

Luhmann unterscheidet unterschiedliche Formen der Komplexitätsreduktion.

Erstens funktioniert Vertrauen durch den Ausschluß bestimmter Gefahren aus der Berücksichtigung im Moment der Entscheidung und stellt daher einen „Aufschwung der Indifferenz“ (siehe 26) dar.

Zweitens kann Komplexitätsreduktion erfolgen, indem die Selektion sich am Erfolg bestimmter Rollen/Aufgaben-Kombinationen orientiert. „Solche Rollen, etwa die des Politikers oder die des leitenden Managers, werden typisch nicht durch Standards, sondern am Erfolg kontrolliert, eben weil richtiges handeln nicht im voraus erkannt werden kann.“ (26) Ein weiteres Beispiel hier ist auch der Kredit.

Vertrauen bleibt mithin ein Wagnis. Es basiert auf einer Verallgemeinerung von Erfahrungen, die auf andere Fälle übertragen werden. Luhmann spricht hier vom „Vorgang der Generalisierung von Erwartungen“ und unterscheidet drei Aspekte:
a) Teilverlagerung der Problematik von außen nach innen
b) Vorgang des Lernens
c) Symbolische Fixierung des Ergebnisses in der Umwelt

Alle internen Prozesse sind weniger komplex. Deshalb ist in ihnen auch weniger möglich und entsprechend geringer ist ihre Komplexität. Interne Prozesse „arbeiten selektiv, inderm sie für das System relevante Verhältnisse zwischen Umweltdaten als Information aufnehmen und verarbeiten. Dabei setzen sie die innere Ordnung der Datenverarbeitung an die Stelle der ursprünglich amorphen Umweltkomplexität und die Innenprobleme dienen dem System als normale Arbeitsgrundlage für seine Umweltanpassung. […] Das System setzt innere Sicherheit an die Stelle äußerer Sicherheit.“ (27)

Luhmann widmet sich folglich der Frage, worauf innere Sicherheit beruht.

1) „Sie kann einmal darauf beruhen, dass das Vertrauensobjekt für die innere Struktur der Erlebnisverarbeitung eine unentbehrliche Funktion erfüllt und eine Erschütterung des Vertrauens sehr weitreichende Folgen für das Selbstvertrauen haben würde.“ (28) In solch einem Fall wird der die konfligierende Vorstellung u.U. nicht zugelassen, weil dem System notwendige Zeit, Kraft oder entsprechende Umweltbestätigungen fehlen

2) Sicherheit kann auch darauf beruhen, dass das innere System soweit differenziert ist, dass „der Ausfall des Vertrauensobjektes nur partielle und isolierbare Schäden stiften kann und das Vertrauensobjekt durch Substitution funktionaler Äquivalenz ersetzbar ist.“ (28)

Luhmann sieht aufgrund dieser „Innenfundierung des Vertrauens […] einen bestimmten Stil der vertrauensvollen Einstellung zum Gegenstand“ als wahrscheinlich an. So v ermutet er, dass Vertrauen eher Gegenstandbezogen und unabhängig von dem jeweils gültigen Sachzusammenhang besteht. (vgl. 28f) Als einer der Gründe kann das Argument angesehen werden, dass abstrakte Gefüge eine Vergegenständlichung verlangen.

Dies führt zum nächsten Aspekt – nämlich das Vertrauen und Generalisierung gelernt werden müssen: „ales Arten der persönlichen Annäherung und Vertiefung von Bekanntschaften können als Erproben und Lernen von Vertrauensbeziehungen gedeutet werden“ (29) Luhmann vermutet, dass auch „Sozialsysteme Vertrauen lernen müssen.“ (29)

Dieser Lernvorgang findet statt, indem es nicht zu einer Trennung von „ich“ und „du“ kommt, sondern zu einem „Du“ als „anderes Ich“. „Der Lernende schließt von sich auf andere zurück und ist dadurch in der Lage, seine Erfahrungen mit anderen zu verallgemeinern.“ (30)

Beim Vertrauen auf den Anderen kommt es dabei darauf an, wie das gespendete Vertrauen zurückprojeziert wird. „Alles Geschehen [hat] eine symptomatische Relevanz“, woraus sich die „Zerbrechlichkeit des Vertrauens“ erklärt. (siehe 30) Die Generalisierung von Erfahrungen macht jedes Geschehen zum Risiko. Daraus resultiert aber auch, dass, wer vertraut, auch seine Risikobereitschaft unter Kontrolle halten muss.

„Vertrauen wird, weil die Wirklichkeit für eine reale Kontrolle zu komplex ist, mit Hilfe symbolischer Implikationen kontrolliert, und dazu dient ein grob vereinfachtes Gerüst von Indizien, die nach Art einer Rückkoppelungsschleife laufend Informationen darüber zurückmelden, ob die Fortsetzung des Vertrauens gerechtfertigt ist oder nicht.“ (31)

Hierbei hält Luhmann den aus der Psychologie entnommenen Begriff der Schwellen für wichtig. Schwellen entscheiden darüber, ob Signale berücksichtigt werden.

Die symbolische Kontrolle funktioniert alles in allem undiskutiert, sodass eine genauere Artikulation vertrauensrelevanter Aspekte unangemessen wäre. Im Gegenteil verrät eine verstärkte Thematisierung vertrauensrelevanter Gründe, dass die Vertrauensfrage u.U. aktuell ist und schwächt dann u.U. das Vertrauen.

5. Überzogene Information und Sanktionsmöglichkeiten

Vertrauen ist ein sich darüber hinwegtäuschen über fehlende Information. Der Ersatz externer Erlebnisgrundlagen durch interne ist Luhmann zufolge eine Willensleistung, sodass Vertrauen insgesamt als Willensleistung angesehen werden kann. Dieser Willensleistung geht die Vergewisserung voraus, wobei der Vertrauende Anhaltspunkte sucht, ob Vertrauen gerechtfertigt ist. Solche Anhaltspunkte strukturieren Ungewissheit.

Als solche Anhaltspunkte können
a) die Vertrautheit der Vertrauensperson
b) die Motivationsstruktur des Interaktionspartners

gesehen werden.

Die Motivationsstruktur bietet z.B. die Möglichkeit, eine Kosten-Nutzen-Relation des Verhaltens des Gegenübers zu unterstellen und dabei Möglichkeiten der Sanktion miteinzubeziehen, wobei dann bspw. das gültige Rechtssystem eine wesentliche Rolle spielt.

Lassen sich in einfacheren Systemen Recht und Vertrauen nicht trennen, so gilt dies nicht für sozial differenziertere Systeme. So ist das Recht zumeist stärker differenziert, als das soziale erforderliche, jedoch diffuse Vertrauen. Stellt Recht auf der Basis von Macht eine probates Mittel zur Durchsetzung von legaler Interessen dar, so beruht Vertrauen auf persönlicher Risikobereitschaft und konkreter Bewährung. Ein Beispiel ist der Vertrag: „Das Vertrauen in Verträgen erfordert nämlich gerade, dass die Abwicklung der Verträge unabhängig gemacht wird von einer Prüfung der Frage, ob und wer wem faktisch vertraut hat.“ (36)

„In Wahrheit fundiert der Vertrauensgedanke das gesamte Recht, das gesamte Sicheinlassen auf andere Menschen, so wie umgekehrt Vertrauenserweise nur auf Grund einer Risikominderung durch das Recht zustande kommen können.“ (37)

Folgerichtig lässt sich sagen, dass bezogen auf das Recht Vertrauen auf einer Vorwegnahme der Sanktionsmöglichkeiten beruht. Jedoch bleibt all dies im Verborgenen.

„Es ist für die Struktur der Vertrauensbeziehung entscheidend, dass sie latent bleibt und lediglich als Sicherheitsüberlegung im Verborgenen ihre generalisierende Wirkung entfaltet. Im offenen Verhalten muss der Vertrauende sich ‚ganz vertrauensvoll’ darstellen; sonst sät er selbst den ersten Samen, aus dem später wechselseitiges Misstrauen keimt. [….] Diese Delikatesse menschlicher Beziehungen, dieser Darstellungstakt, diese Feinfühligkeit des Verhaltens […] müssen vorausgesetzt werden, wenn man sich weiter übelegt, wie objektive dadurch, dass sie wechselseitige Sanktionschancen eröffnen, sich in Vertrauen umsetzen lassen.“ (38)

Vertrauen findet daher in sozialen Zusammenhängen, die sich durch relative Dauer auszeichnen, seinen Nährboden, weil nur hier das „Gesetz des Wiedersehens“ gilt. So haben Sanktionsmöglichkeiten sowohl in hierarchischen als auch in egalitären Beziehungen den Effekt, dass sie die Interaktion durch „Antizipation extremer Möglichkeiten“ stabilisieren. (siehe 39)

Aus dieser sozialen Variablen der Konstitution von Vertrauen leitet Luhmann die Übertragung seiner Argumentation auf Systeme her: statt über das künftige Verhalten einer Vertrauensperson schätzt man die strukturellen Eigenschaften des sozialen Systems ein, dessen Mechanismen – wie bspw. Sanktionsmöglichkeiten – bestimmtes Verhalten erwarten lassen.

6. Persönliches Vertrauen

Im Moment einer chaotischen Umwelt ist Vertrauen nicht möglich. Dies trifft sowohl für eine Umwelt zu, in der alles miteinander verbunden ist, als auch für eine Umwelt, in der keinerlei Verbindungen bestehen. Vertrauen setzt eine Umwelt voraus, die strukturiert ist.

Luhmann sieht Menschen als Systeme, durch deren Freiheit des Handelns die überhaupt erst Komplexität in die Welt kommt. Daher gilt im zwischenmenschlichen Bereich die „Persönlichkeit“ das strukturgebende Zentrum des jeweils anderen Handelnden. „Vertrauen ist dann die generalisierte Erwartung, das der andere seine Freiheit, das unheimliche Potential seiner Handlungsmöglichkeiten, im Sinne seiner Persönlichkeit handhaben wird.“ (40)

Insofern hängt die Vertrauenswürdigkeit eines Menschen davon ab, ob der Mensch handelt, wie er es angekündigt hat. Denn alles sozial sichtbare Handeln ist Teil der Darstellung der Vertrauenswürdigkeit (siehe 41)

Folglich ist Kommunikation jeglicher Form riskant – und bereits das in Erscheinung treten setzt das Vertrauen voraus, nicht fehlgedeutet zu werden.

„Über die Chancen und Bedingungen, die taktischen Probleme und Gefahren der Selbstdarstellung regulieren sich mithin die Vertrauensgrundlagen einer Gesellschaft […] Dieser Mechanismus transformiert sozialstrukturelle Bedingungen in Vertrauensquellen.“ (42) Es bildet sich „Vertrauenskapital“ (siehe ebd.) [In diesem Zusammenhang bietet Luhmann u.U. eine Möglichkeit, die soziokulturelle Bedingtheit gesellschaftlichen Vertrauenskapitals in den neuen Bundesländern zu verstehen.]

Luhmann zeigt, wie das Entstehen von Vertrauen eine Zeitdimension voraussetzt.

Während der Anbahnung sozialer Beziehungen hilft das „Prinzip der kleinen Schritte“, die Kontingenz der Umwelt zu bewältigen. Voraussetzung ist erstens, dass die Situation eine Verhaltenswahl erlaubt. Zweitens muss das individuelle Handeln als etwas – im Rahmend er Freiheit der sozialen Ordnung – persönlich bedingtes [und nicht von außen erzwungenes oder gesteuertes] sichtbar werden.

„Welche Handlungen oder Handlungsaspekte als Persönlichkeitsausdruck gewertet werden, ist weniger eine Frage der reinen Kausalität als eine Frage der sozialen Durchsichtigkeit, Normierung und Begrenzung des Kausalzusammenhanges.“ (43) Beispielsweise wird weisungsgebundenes handeln nicht als persönliches Handeln interpretiert.

„Überhaupt dienen Rollen und nicht Kausalgesetze im sozialen Leben als Grundlage für die Beurteilung eines Verhaltens als freiwillig bzw. absichtlich oder unfreiwillig bzw. unabsichtlich“ (44)

Interessant ist darüber hinaus, dass Vertrauen auch nicht dadurch erworben werden kann, dass man einfach der Norm – im Sinne des „Dienst nach Vorschrift“ folgt. „Abweichendes Verhalten, Initiative und Kritik werden dagegen persönlich zugerechnet und können sich daher nur entfalten, wenn die Sozialordnung zugleich Deckung gewährt; sie setzen Vertrauensbeziehungen voraus und stärken sie, indem sie sie benutzen.“ (44) [vgl. auch hier den Gedanken, über Vertrauenskapital in den neuen Bundesländern nachzudenken]

Bedingungen für persönliches Vertrauen ist eine Situation, die Anlass gibt, Vertrauen erweisen zu müssen und die kontingent die Möglichkeit des Vertrauensbruchs beinhaltet, weil derjenige, in den man vertraut, ein echtes Interesse am Vertrauensbruch haben könnte und daher Vertrauen honorieren kann, indem er „sein anderes Interesse“ zurückstellt. (siehe 45)

Vertrauen ist mithin ein Prozess, in dem erst der Vertrauende einen Einsatz einbringt und dann derjenige, in den vertraut wird, seinen Einsatz einbringt. [vgl. Assmann: zum Verhältnis von Vertrauen und Rationalität]

An dieser Stelle sieht Luhmann nun die Möglichkeit, normative und erkenntnistheoretische Aspekte zu berücksichtigen.

Vertrauen setzt Wissen voraus: einerseits Wissen darüber, wie sich eine Situation verhält und andererseits das Wissen, dass alle das wissen. Persönliches Vertrauen bedarf daher leicht interpretierbaren Situationen. Folglich ist es problematisch, wenn relevante Umstände nicht erkannt werden oder zu viel Wissen vorliegt. Insbesondere wenn die Akteure wissen, dass der laufende Prozess als Ganzes dem Aufbau von Vertrauen dienen soll, potenziert dieses Wissen das Misstrauen gegenüber dem Prozess. (vgl. 46)

Luhmann fügt hinzu, dass Vertrauen sich nicht auf Verlangen, sondern allein durch Vorleistung einstellen kann. „Erst aus seinem eigenen Vertrauen ergibt sich für ihn die Möglichkeit, als eine Norm zu formulieren, dass sein Vertrauen nicht enttäuscht werde, und den anderen dadurch in seinen Bann zu ziehen.“ (46)

Dieses Verhalten bringt Luhmann mit dem Begriff der „supererogatorischen Leistung“ in Verbindung: eine Leistung, die keiner Pflicht genügt und dennoch gewürdigt wird. „Als Pendant zum Überziehen von Informationen […] scheint es ein Überziehen von Normativität zu geben. […] Vertrauensbeziehungen werden nicht vorgeschrieben, sondern nachnormiert. Die Funktion des Supererogatischen scheint mithin darin zu liegen, dass es Entstehungsbedingungen in Erhaltungsbedingungen umformt. Genau das wird für die Entstehung von Vertrauen benötigt.“ (47)

Auf der anderen Seite kann der Mechanismus der „supererogatischen Leistung“ jedoch auch als Fessel verwendet werden, sofern diese „Erzeugungsregel für normierbare Ansprüche“ zweckentfremdet wird: „Wie durch Geschenke kann man auch durch Vertrauenserweis fesseln.“ (47) In der Fussnote heißt es dazu weiter: „Daraus ergibt sich für manche Situation der Rat, fremdem Vertrauen, dem man taktisch nicht gewachsen ist, nach Möglichkeit zu entschlüpfen.“ (siehe ebd.)

Ähnlich problematisch wie die reine Normbefolgung (vgl. S.44) für die Bildung von Vertrauen ist die wohlkalkulierte Reaktion auf entgegengebrachtes Vertrauen, da sie den Vertrauensgebern die Möglichkeit verwehren, Vertrauen zu erweisen. Beispiel finden sich im Bereich der Illegalität etc.

Zuletzt geht Luhmann nochmals auf den Lernvorgang im persönlichen Vertrauen ein. Lernvorgänge in der Entstehungsphase von Vertrauen brauchen die Gelegenheit zum Vertrauensbruch, damit sie nicht genutzt werden. Hierbei sind wiederum die bereits eingeführten „Schwellen“ für die Differenzierung dessen, was als Vertrauensbruch gilt und was nicht, relevant.

Da Vertrauensbildung risikovolle Situationen voraussetzt, bedeutet auch, dass „in völlig risikofreien Rollenbeziehunen, wenn die Beteiligten zum Beispiel durch Mitgliedschaft in Organisationen gegen alle persönlichen Konsequenzen abgeschirmt sind, sich kaum Ansatzpunkte für die Entwicklung und Stabilisierung persönlichen Vertrauens bieten. Sogar das persönliche Kennenlernen hat dann enge Grenzen.“ (49)

Anders ausgedrückt: persönliches Vertrauen bildet sich nur da, wo es gebraucht wird – wo also die Persönlichkeit sozialstrukturell Relevanz gewinnt.“ (49)

7. Medien der Kommunikation und Systemvertrauen

Vor dem Hintergrund der vorangegangenen Ausführungen stellt Luhmann die Frage, welche Formen von Vertrauensbildung soziales Vertrauen bilden, das nicht mit den wenigen Personen steht und fällt, die man kennt.

Ein solches Vertrauen sieht Luhmann zu aller erst in der Religion verwirklicht, in der auf die rechte Ordnung als gegebener Ordnung vertraut wird. Wo hier dennoch Vermittlung nötig ist, vertraut man auf die Existenz von Göttern, auf Heilige oder auf wissende Interpreten.

Die Komplexität der Welt führt Luhmann zufolge dazu, dass Regeln zur Verteilung der Aufgaben von Selektion sowohl beim Erleben und auch beim Handeln aufkommen. „In diesem Sinne gibt es Konstitutionszusammenhänge zwischen der Komplexität der Welt einerseits und den sozial geregelten Prozessen der Differenzierung und Verbindung einer Vielzahl von Selektionsleistungen andererseits“ (51)

Voraussetzung einer Verteilbarkeit der Selektionslast sind Medien, die Selektion übertragbar machen. Mittels Medien wie Wahrheit, Liebe, Macht und Geld „werden Erwartungsstrukturen und Motivationsmuster gebildet, die es ermöglichen, dass die Selektion des einen für den nächsten relevant wird in dem Sinne, dass er […] sein eigenes selektives Verhalten mit einer Folgethematik anschließt.“ (52)

Luhmann weist auf einen weiteren Aspekt nicht-persönlichen Vertrauens hin. So verschwindet mit der sozialen Zerlegbarkeit der Komplexität der Welt die „Einheit der normierenden Natur […] Man muss lernen ‚weltanschauliche’ Differenzen zu ertragen und trotzdem an fremde Selektionsleistungen eigenes Verhalten anzuschließen“ Luhmann spricht dabei von einer „Privatisierung des Vertrauens“. (siehe 52) In diesem Zusammenhang lernt der Mensch auch, dass „Kommunikation von Menschen gemacht wird und auf Menschen wirkt, ohne durch die invariante Natur des Richtigen oder durch gute persönliche Bekanntschaft gesichert zu sein.“ (52)

Luhmann zum Geld:

Geld selbst muss Vertrauen genießen, wobei hier sowohl die Zeit- als auch das Sozialdimension von Vertrauen zum tragen kommen. „Wer in die Stabilität des Geldwertes und in die Kontinuität einer Vielfalt von Verwendungschancen vertraut, setzt im Grunde voraus, dass ein System funktioniert, und setzt sein Vertrauen nicht in bekannte Personen, sondern in dieses Funktionieren.“ (54) Wichtig dabei ist, dass dieses Vertrauen mit einem laufenden Feedback von Seiten des Systems verbunden ist, in das man vertraut, sodass dieses Vertrauen ungleich leichter zu lernen ist, als das Vertrauen z.B. in eine einzelne Person. Durch Systemvertrauen wird lernen erleichtert und Kontrolle erschwert.

Geld wird zum Problemlösungsmittel, wobei Liquidität problemlösungsrelevante Information einspart. Im Gegenzug wird der Verzicht auf Geld zum Problem, weil dieser Verzicht gleichbedeutend ist mit einem Verzicht auf eine durch Geld realisierte Dispositionssicherheit. (54)

Die Liquiditätspräferenz als Gewissheitsäquivalent kann sich nun unterschiedlich auswirken: Entweder, das Vertrauen in Bargeld ist hoch, oder aber, dem Bargeld wird nicht vertraut und es werden eher Sachwerte präferiert. Dementsprechend unterschiedlich entwickeln sich dann Geldmenge, Nachfrage u.ä.

Luhmann: „Wer Geld hat, braucht insoweit anderen nicht zu vertrauen. Das generalisierte Vertrauen in die Institution des Geldes erstetzt dann jene unzähligen einzelnen und schwierigen Vertrauenserweise, die nötig wären, um den Lebensbedarf in einer kooperativen Gesellschaft sicherzustellen, durch einen Globalakt.“ (55)

Luhmann zur Wahrheit:

Wahrheit ist im luhmannschen Sinne die Übertragbarkeit des Sinnerlebens. Sie ist der Träger einer intersubjektiven Komplexitätsreduktion, sodass Vertrauen generell überhaupt nur möglich ist, wo Wahrheit möglich ist. Denn der Einzelne muss sich auf fremde Informationsverarbeitung stützen und sich auf sie verlassen können. Insofern ist Wahrheit der Fall, in dem nicht in einzelne Personen, sondern in die generelle Fähigkeit zur Informationsverarbeitung vertraut wird. Dabei garantiert die Intersubjektivität die Gewissheit von Aussagen und „in diesem neuzeitlichen Sinne ihre Wahrheit“ (vgl. 57) Die Autorität der Wahrheit ist bei alledem Ausdruck „einer gelernten, arbeitsteilig ausgeübten, spezifischen Autorität

Luhmann zur Macht

Insofern unterscheidet sich von Wahrheit von Macht, da im Falle der Macht Entscheidungen ein unkritisches Vertrauen in vorhandene Informationen voraussetzen. Legitime politische Macht zeichnet sich dabei durch eine „Zentralisierung des Reduktionsprozesses, der auf Fällen verbindlicher Entscheidungen hinausläuft“, aus (siehe 58) Konsensbildung, Interessenartikulation, Aggregation und Etnscheidung entsprechen dabei einer Verstärkung der Selektivität, der das Siegel legitimer Verbindlichkeit aufgedrückt wird.

In Anlehnung weist Luhmann auf die Frage hin, wie Vertrauen im politischen Kontext entsteht, nur weil bspw. Politik demokratisch operationalisiert wird. „Vertrauen kann sich hier allenfalls darauf beziehen, das Grenzen der Souveränität beachtet werden.“ (60) Und dies wird in der Demokratie bspw. dadurch gewährleistet, dass an die Stelle willkürlicher Entscheidungen kleinteilige Schritte treten. Dem bringt der Bürger Vertrauen entgegen, indem er erstens durch demokratische Abstimmung das Geschehen legitimiert oder auch nicht und zweitens nicht davon läuft bzw. das Land verlässt.

Die generalisierenden Medien des Vertrauens, wie Geld, Macht oder Wahrheit, erlauben es, die Zeitdimension zu bewältigen. „Während Vertrauen den Zeithorizont eines Systems ausweiten kann, zieht Vertrauensverlust ihn zusammen, und damit schrumpft die Komplexität und das Befriedigungspotential des Systems. Werden viele Forderungen, die auf lange Sicht befriedigt werden könnten, aus Mangel an Vertrauen gleichzeitig oder doch sehr kurzen Zeitabständen angemeldet, sprengt das die Erfüllungsmöglichkeiten des Systems.“ (63)

Ein weiterer Aspekt des Systemvertrauens ist, dass der Wegfall der Kontrollmöglichkeiten – wie man sie vom persönlichen Vertrauen her kennt – eine Schwächung des Systemvertrauens durch Enttäuschungen erschwert. Denn das Systemvertrauen braucht nicht immer wieder neu erlernt zu werden (siehe 63) Außerdem wird es deshalb im Alltag auch nicht zum allgemeinen Thema, weil es eine rein individuelle und keine interpersonelle Angelegenheit ist. „Während man bei persönlichem Vertrauen Darstellungen durchschauen und sich gegen Täuschung vorsehen und wappnen muss, wird man von diesen Vertrauensforderungen im Fall des Systemvertrauens entlastet.“ (64) Im Gegenteil fordert die Kontrolle des Systems Fachkenntnisse, sodass sich die Mehrheit auf diejenigen verlassen muss, die das System hauptberuflich kontrollieren. [vgl. an dieser Stelle das principal-agent-problem]

„Man wird auch nicht fehlgehen mit der Annahme, dass die Gesellschaft auf diese Weise langfristig-erziehende Bedingungen erfolgreicher Sozialisierung vorgibt, die etwa einem urbanen, beweglichen, anpassungsfähigen, taktisch-rationalen Gefühl und Wirklichkeit trennenden Menschentyp mit hohem Potential für Dahingestelltseinlassen besondere Bestätigungschancen gibt.“ (65)

8. Taktische Konzeption: Vertrauen als Chance und als Fessel

Systemvertrauen rechnet darauf, dass alles von Menschen in ausdrücklichen Prozessen „gemacht“ ist. Damit verbunden wird auch die soziale Kontingenz der Welt bewusstseinsfähig.

Weil starre Systeme nicht in der Lage wären, sich an die Veränderung ihrer Umwelt anzupassen, müssen auch Systeme sich in ständigem Wandeln befinden. Daraus resultiert jedoch die Notwendigkeit, sich als System kontinuierlich auch um Vertrauen bemühen zu müssen. Luhmann spricht auch für das System von der Notwendigkeit eines reflexiven Vertrauens. „Es [das System] bezieht sich dann nicht mehr darauf, dass er seine Selbstdarstellung fortsetzt und sich durch seine Selbstdarstellungsgeschichte gebunden fühlt. […] Erst Vertrauen in die Reflektiertheit der Selbstdarstellung enthält eine Gewähr für angepasste Verhaltenskontinuität unter schwierigen, wechselnden Bedingungen“ (67)

Daraus ergibt sich aber auch, dass, „wer sich Vertrauen erwerben will, […] am sozialen Leben teilnehmen und in der Lage sein [muss], fremde Erwartungen in die eigene Selbstdarstellung einzubauen.“ (68) Dies kann jedoch nicht durch Konformismus geschehen, sondern allein durch „umformendes Eingehen auf fremde Erwartungen […] Das taktische Konzept solcher Vertrauensstrategien liegt im Erkennen funktional äquivalenter Möglichkeiten und in der Beachtung ihrer Grenzen. Wer persönliches Vertrauen erwirbt, tauscht dem Partner gleichsam Standarderwartungen ab gegen solche, deren Erfüllung nur er als diese individuelle Persönlichkeit mit dem ihm eigenen Stil gewährleisten kann.“ (68)

Daraus wird jedoch auch die „Freiheit des Fremden“ offensichtlich: „Wer länger am Platze ist, schon bekannt ist, vertraut hat und Vertrauen genießt, ist eben dadurch mit seiner Selbstdarstellung in ein durch ihn miterzeugtes Gewebe von Normen verstrickt, aus dem er sich nicht zurückziehen kann, ohne Teile seines Selbst zurückzulassen – es sei denn, dass er ganz von der Szene verschwindet und nur die Illusion hinterlässt, dass er anderswo derselbe bleibt.“ (69)

Wo man aber bekannt ist und in ein Netzwerk von Vertrauensbeziehungen eingebunden ist, da kann man sich dies Vertrauen nur durch die vertrauenswürdige Darstellung des Selbst erhalten. Dies entspricht dann einer Selbstbindung, die der Vertrauende steuern kann, „indem er ihm die Bedingungen der Fortsetzung bzw. des Entzugs des Vertrauens zuflaggt.“ (69)

Auf diese Weise ist dann die Entstehung des Einfluß durch Vertrauen – bspw. auf politischer Ebene – zu erklären.

Ferner folgt daraus, dass Vertrauen funktioniert und an sich immer wahrscheinlich ist. Denn „wer […] Vertrauen missbrauchen will, muss seinerseits […] Komplextität übernehmen. Er muß so komplexe Verhaltensforderungen auf sich laden, muss eine sehr weitreichende Be
herrschung der relevanten Informationen und eine lückenlose Kontrolle der dem Vertrauenden zugänglichen Nachrichten sicherstellen, so dass er selbst Gefahr läuft, unter dem Druck der Komplexität zusammenzubrechen.“ (70) Kurz: Lügen haben kurze Beine.

Infolgedessen kann der Vertrauensbruch immer nur zeitlich begrenzt sein und ist zumeist mit einem Abbruch des Kontakt verbunden.

Bemühungen um den Aufbau von Vertrauen können gleichermaßen Chance und Fessel sein. „Vertrauen sammelt sich an als eine Art Kapital, das mehr Möglichkeiten zu weiterreichendem Handeln eröffenet, aber auch laufend benutzt und gepflegt werden muss und den Benutzer auf eine vertrauenswürdige Darstellung festlegt, von der er nur schwer wieder herunterkommt.“ (71) Fortdauernder Nutzen aus Vertrauen, dass auf Täuschung beruht, bedingt die Aufrechterhaltung des Vertrauens und damit die Aufrechterhaltung der Täuschung und führt Luhmann zufolge zu dem Paradox, dass die vorgetäuschten Qualitäten allmählich Wirklichkeit werden können.

„Wer sich dagegen nicht nur gefühlsmäßig durch Vertrauenserweise einfangen und hemmen lässt, sondern die Vertrauensbeziehung, ihre Themen und ihre Grenzen mitplant, wird dabei die Vorzüge einer gemeinsamen Komplexitätsreduktion erkennen.“ (71)

9. Vertrauen in Vertrauen

Differenzierte soziale Systeme lohnen es, soziale Mechanismen der Normbildung, des Lernens, des Vertrauens etc. in eine reflexive Form zu bringen.

Den Mechanismen der Reflektion erweitern das Potential für Komplexitätsbewältigung und erhöhen dadurch die Bestandsaussichten. Das Beispiel des Rechts macht dies deutlich. War das „gute alte Recht“ ein Recht auf der Basis der Rückprojektion in die Vergangenheit, so ist dies für komplexere soziale Systeme so nicht mehr möglich. Erst die Entwicklung des positiven Rechts durch eine Normierung der Normierung (also eine Normierung der Souveränität durch Normierung staatlicher Entscheidungsmacht) ist geeignet, Recht auf komplexe soziale Systeme anwendbar zu machen. Im Staat ist z.B. die Form des legitimen Machtwechsel ein Beispiel einer solch reflexiven Organisation.

Auch die Vertrauensbildung und die Selbstdarstellung entziehen sich nicht der Tendenz zur Reflexivität. Luhmann spricht in diesem Zusammenhang von „Durchschauen“. So ist keineswegs immer die Möglichkeit der Kontrolle gegeben, sodass vielmehr die Funktion und Bedingung von Vertrauen als solche durchschaut werden muss. Dabei erkennt man u.U., dass die Notwendigkeit besteht, „Informationen zu überziehen“ (siehe 73f) Solchermaßen durchschaut Vertrauen „die durch Arbeit an Symbolen konstituierte Welt des sozialen Kontakts als hergestellten Schein“ (74)

Auf diese Weise wird dann z.B. persönliches Vertrauen ein Vertrauen in den Ausdrucksdisziplin und den Takt eines Anderen. Daraus wiederum entspringt die Möglichkeit eines überlegteren Handelns. Denn die Selbstdarstellung des Anderen ist mir als Darstellung bewusst und somit ist eine Unterscheidung zwischen Darstellungsfehlern und eigentlichen Absichten, die ich der jeweiligen Person unterstelle, möglich. Reziprok vertraut auch der sich Darstellende auf den Takt des Vertrauenden und gewinnt erst dadurch Sicherheit in seiner eigenen Darstellung. [Interessant in diesem Zusammenhang: Es gibt ja Leute, die wollen Leute so nehmen, „wie sie sind“. Vgl. hierzu bspw. die Kritik an Kodalles Vortrag über das Verzeihen und die an ihm geübte Kritik, Individuen nicht aus der „Verantwortung“ lassen zu wollen.]

Luhmann hält dieses durchschauende Vertrauen jedoch für einen Nachteil, da auf „Gründen“ vertraut, infolgederer „Vertrauen trotzdem funktioniert“. Dies stellt jedoch eine psychologisch höhere Belastung dar und entsprechend schwieriger zu leisten.

Luhmann: „eine Ausbreitung des durchschauenden Vertrauens als allgemeine gesellschaftliche Attitüde wäre nur möglich, wenn und soweit es gelingt, personale und soziale Handlungsysteme zunehmend zu stabilisieren und in ihren Funktionsbedingungen durchsichtig zu machen.“ (75f)

Luhmann sieht nun angesichts der Zivilisationsbedingungen die Überlegenheit des Systemvertrauens. Dies basiert nicht auf einem sich verlassen auf Wahrheit, sondern auf einem sich verlassen auf die Komplexitätsreduktionsleistung des Systems. Daraus folgt, dass man in Vertrauen vertraut. „Der einzelne kann einmal seinem eigenen Vertrauen vertrauen, sowie er auch seine Gefühle fühlen oder über sein Denken nachdenken kann; er kann ferner darauf vertrauen, dass andere ihm vertrauen, und schließlich darauf, dass andere in gleicher Weise wie er Dritten vertrauen.“ (76f) Systemvertrauen liegt dabei im dritten Fall vor, wenn „andere auch vertrauen und dass diese Gemeinsamkeit des Vertrauens bewusst gemacht wird.“ (77)

10. Vertrauen und Misstrauen

„Wer nicht vertraut, muss […], um überhaupt eine praktisch sinnvolle Situation definieren zu können, auf funktional äquivalente Strategien der Reduktion von Komplexität zurückgreifen. Er muss seine Erwartungen ins Negative zuspitzen. […] Auch Misstrauen leistet somit Vereinfachung […]. Wer misstraut, braucht mehr Informationen und verengt zugleich die Informationen, auf die zu stützen er sich getraut. Er wird von weniger Informationen stärker abhängig […] Dies gilt insbesondere, wenn Misstrauen auf positive Erwartungen nachteiligen Handelns zugespitzt wird.“ (78f)

Weil es psychologisch leichter ist, auf die positive Erfüllung einer Erwartung zu spekulieren als das Ausbleiben eines Ereignis zu befürchten, ist im Falle eines befürchteten Ausbleibens eines Ereignis Vertrauen der psychologisch leichtere Weg – weshalb Vertrauen in solchen Situationen allgemein wahrscheinlicher ist.

Luhmann weist darauf hin, dass aber weder Vertrauen noch Misstrauen als universelle Einstellungen durchführbar sind. „Man muss also außer Vertrauen und Misstrauen auch Vertrautheit in Betracht ziehen – eine Vertrautheit mit der Welt, die Erwartungen typischen Stils überhaupt erst ermöglicht und die sich als ganze weder negieren noch ablehnen lässt. […] Die Abhängigkeit von vertrauten Weltstrukturen und Sinntypen ist unabwerfbar.“ (80)

In diesem Zusammenhang wird dann auch der Schwellenbegriff wieder relevant. „In einem durch Schwellen geordneten Erlebnisbereich kann man davon ausgehen, dass die Verhaltensgrundlagen konstant bleiben, mindestens, dass man sich Indifferenz gegen etwaige Unterschiede leisten kann, bis man die Schwelle überschreitet; und dann bringt ein kleiner Schritt große Veränderungen. Solche Erlebnisschwellen sind mithin ebenfalls Mechanismen der Reduktion von Komplexität auf relativ einfache Probleme: An die Stelle des übermäßigen Angebots an leicht unterschiedlich angetönten Erfahrungsmöglichkeiten tritt hier das Ersatzproblem des Erkennens der Schwelle, von der ab die Orientierung wesentlich anders wird. Und dies Problem ist leichter zu bewältigen. […] Nicht jede Unstimmigkeit weckt Zweifel an den vertrauten Zügen der Umwelt, nicht jede Enttäuschung zerstört das Vertrauen.“ (81)

Aus der Schwellen-Vorstellung folgt das Argument, dass Information zu Vertrauenszwecken solange überzogen werden kann, bis die hier relevante Schwelle überschritten und eine Neuorientierung nötig scheint.

Ist dies der Fall, schwenkt Vertrauen in Misstrauen über und wird als solches auch Teil der Selbstdarstellung. „Zwischenmenschliches Verhalten wird nicht nur ad hoc erlebt, sondern auf zugrundeliegende ‚Einstellungen’ interpretiert und zur Erwartensbildung benutzt, und so kann der Misstrauische, ob er will oder nicht, kaum vermeiden, dass sein Misstrauen ihm angesehen und zugerechnet wird. Feindselige Gefühle lassen sich schwer im Verborgenen bändigen, die Barrieren der Vorsicht, die nun nötig zu sein scheinen, verraten seine Absicht.“ (82)

Luhmann sieht hier die Ursache, warum Misstrauen die Tendenz in sich birgt, sich im sozialen Verkehr zu verstärken und verweist in diesem Zusammenhang auf die „Self-Fullfilling prophecy“ (siehe 82) Hierbei spielen dann Gegenstände oder Ereignisse eine Rolle, die „symptomatischen Wert zu haben scheinen“ und dann Misstrauen Gründe liefern. Auch der berühmte „erste Eindruck“ muss in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Schwellen, Ereignisse etc. sind vor allem durch die Geschichte bestimmt. „Man muss die Systemgeschichte kennen, die Geschichte der Selbstdarstellungen, die Bewährung von Prämissen und Symbolen der Erlebnisverarbeitung von Angstdefensiven und Vereinfachungsmitteln, und ferner die Biographie der jeweiligen Situation, wenn man abschätzen will, wie stark Vertrauen und Misstrauen sind, wie stark sie innendeterminiert oder an bestimmte Bezugsobjekte gebunden sind und durch welche kritische Erfahrungen sie geändert werden können.“ (84)

Zuletzt weist Luhmann auch darauf hin, dass Systeme, die notwendigerweise für bestimmte Funktionen misstrauisches Verhalten benötigen, ebenfalls Mechanismen besitzen müssen, um zu vermeiden, dass sich dieses Misstrauen durch „wechselseitige Steigerung ins Zerstörerische wendet“ (siehe 84) [vgl. hiermit das zerstörerische Potential von „Überwachen und Strafen“ in der Gesellschaft, z.B. im Schulwesen, in totalitären Systemen (DDR) etc., in der Notengebung und Studienleistungskontrolle etc.]

11. Vertrauensbereitschaft

Nun stellt sich die Frage der systeminternen Voraussetzungen der Vertrauensbildung. Luhmann geht von der Vermutung aus, dass Selbstsicherheit eine Bedingung für Vertrauensbereitschaft ist, weil Vertrauen auf einer inneren Sicherheit gründet.

Würde Vertrauen nur da gewährt, wo es sachlich gerechtfertigt scheint, so stünde man vor einem erkenntnistheoretischen Problem. Die unsichere Erwartung ist nämlich laut Luhmann psychologisch stabiler als die unsichere Erwartung.

„Vertrauen ist nun nichts anderes als eine Art systeminterner ‚Aufhebung’ eines solchen Erwartungswiderspruchs. Die Möglichkeit einer Enttäuschung wird nicht einfach ignoriert, sondern vorausgesehen und intern verarbeitet. Anders als bei unsicheren Erwartungen im allgemeinen wird die Fortsetzung des Erwartens im Enttäuschungsfalle jedoch nicht miterwartet und als Routineverhalten mit vorbereitet; vielmehr beruht die Sicherheit des Vertrauens gerade umgekehrt darauf, dass ein Bruch des Vertrauens dessen Entzug und damit eine radikale Änderung der Beziehung zur Folge haben muss. Die Enttäuschung wird nicht bagatellisiert, sondern im Gegenteil moralisch aufgebauscht zu einem Ereignis, das durch seinen Extremcharakter, durch seine besondere Schändlichkeit unwahrscheinlich ist. Demnach besteht das Problem der Vertrauensbereitschaft […] in einer Steigerung tragbarer Unsicherheit auf Kosten von Sicherheit.“ (87f)

Selbstsicherheit versteht Luhmann im Sinne „interner Mechanismen der Reduktion von Komplexität“. Luhmann weiter: „Vertrauen kann zustande kommen, wenn diese internen Reduktionsmechanismen so stabilisiert sind, dass sie komplementär zur Umweltreduktion wirken und diese dadurch an kritischen Stellen abzustützen in der Lage sind. […] Vertrauen wird dadurch ermöglicht und erleichtert, dass das vertrauende System über strukturelle nicht gebundene innere Ressourcen verfügt, die im Falle einer Enttäuschung des Vertrauens eingesetzt und die Last der Komplexitätsreduktion und Problemlösung übernehmen können.“ (88)

Luhmann zur Leistung und Beschaffenheit dieser internen Mechanismen:

Komplexität kann systemintern nicht eins zu eins abgebildet werden, deshalb muss eine Generalisierung stattfinden, wobei diese Generalisierung eine Kapazität ist, die sich auf verschiedenartige Probleme anwenden lässt. Beispiele sind „Gefühlsfixierung“ und „Selbstdarstellungssicherheit“. In ihnen wird vertraute Bekanntheit geordnet, die die Erwartungsbildung sichert. (vgl. 89) Luhmann sieht Gefühle daher auch als „pattern variables“ im Sinne Parsons an.

„Gefühle […] reduzieren die Möglichkeiten der Umwelt durch Präferenz für einen Gegenstand und legen damit zugleich die internen Möglichkeiten der Erlebnisverarbeitung im selben Sinne fest.“ (89)

Weil Gefühle nach Möglichkeiten suchen, sich gegen Widerlegung zu immunisieren, betrachtet Luhmann Gefühle als Gewissheitselemente. Das allerdings funktioniert nicht im Falle sozialer Systeme, deren Objekte einer einfühlbaren Nähe entrückt sind. Daraus zieht Luhmann den Schluß, dass die „Sicherheit der sozialen Selbstdarstellung“ im Falle von Systemvertrauen an Bedeutung gewinnt.

„Da auch andere Menschen und Sozialsysteme ein Interesse daran haben, in bezug auf ihre Umweltpartner verlässliche Erwartungen aufzubauen, sie also als fortbestehende Identitäten zu erleben, bildet sich im sozialen Verkehr eine Art Ausdruckssprache aus, die es erlaubt, Handlungen auf Menschen oder auf Sozialsysteme zuzurechnen, und zwar nicht nur kausal, sondern auch symbolisch.“ (91)

Die Selbstdarstellungsgewissheit beinhaltet dabei größere Spielräume als die Gefühlsgewißheit. Denn: „Die Grenzerhaltung wird durch Kontrolle aller Informationen über das Selbst geübt, die das System verlassen. Deshalb kann das dargestellte Selbst mit einer komplexeren Umwelt harmonieren, also vielfältigeres Vertrauen erweisen als das gefühlsmäßig gebundene Selbst […] im Sinne einer Distanzierung, einer weitreichenden Indifferenz und Substitutionsbereitschaft, also strategisch rationaler Einstellungen, die in einer hochgradig mobilen, stark differenzierten Sozialordnung gedeihen.“ (92)

„Mag nun die Vertrauensbereitschaft mehr durch Gefühl oder mehr durch Flexibilität der Selbstdarstellung erreicht werden, sie beruht in jedem Falle auf der Struktur des Systems, das Vertrauen schenkt. Nur dadurch, dass die Sicherheit des Systems strukturell gewährleistet wird, ist es möglich die Sichrheitsvorkehrungen für einzelne Handlungen in konkreten Situationen herabzusetzen“ (93)

Luhmann geht davon aus, dass Vertrauen keine Frage der Bereitschaft, sondern eine zwangsläufige Notwendigkeit ist (siehe hierzu 93) Deshalb sind „die vertrauenden Systeme […] gleichsam von der Verantwortung für ihr Vertrauen entlastet.

„Angesichts [der] Vielfalt von Wegen der Vertrauensbildung verbietet es sich von selbst, nach allgemeinen Rezepten zu suchen.“ (94)

12. Rationalität von Vertrauen und Misstrauen

Vertrauen kann keine „ausnahmslos gültige Verhaltensmaxime sein. Die Ethik musste deshalb voraussetzen, dass sich aus den objektiven Merkmalen der Situation […] ergibt, ob man […] Vertrauen schenken solle oder nicht“ (95)

Dies wird zum Problem, weil unterstellt werden können muss, „dass die Situation […] genügend objektive Merkmale aufweist, die als Urteilsgrundlage […] dienen können und die für alle Menschen gleichen Sinn und gleiche Vertrauensrelevanz besitzen.“ (95) Damit ist die Vertrauensentscheidung im Bereich der Ethik auf die Notwendigkeit der Annahme festgelegt, dass es eine „sozial objektivierte, feststehende Welt“ gibt. (95)

Luhmann bringt jetzt den Gedanken auf, dass die Komplexität der Welt unter Umständen eine Anwendung des „ethischen Stils der Gedankenführung“ erlaubt, womit sich das Problem der „Rationalität von Vertrauen“ stellt: „Offensichtlich ist die soziale Wirklichkeit viel zu stark differenziert, als dass sie auf eine einfache und doch instruktive ethische Maxime für Vertrauensentscheidungen abstrahiert werden könnte.

Luhmann sieht daher den Anspruch der Wissenschaft, unmittelbare Handlungsanweisungen formulieren zu können, angesichts der Komplexität als Illusion. Dies bezieht er auch auf das Vertrauen

„Vertrauen ist […] kein auswählbares Mittel zu bestimmten Zwecken und erst recht keine optimierungsfähige Zweck/Mittel-Struktur. Vertrauen ist auch keine Prognose, deren Richtigkeit am Eintreffen des vorausgesagten Geschehens gemessen und nach einigen Erfahrungen auf Wahrscheinlichkeitswerte gebracht werden könnte.“

Luhmann weiter:

„Derartige im Rahmen von Kalkülmodellen des Entscheidens sinnvolle Techniken haben, wie das Vertrauen auch, die Funktion, Komplexität zu reduzieren. Sie sind funktionale Äquivalente des Vertrauens, nicht aber Vertrauensakte im eigentlichen Sinne. Soweit sie reichen, ist Vertrauen unnötig. […] Vertrauen ist […] etwas anderes als die begründbare Annahme, richtig zu entscheiden, und deshalb greifen Kalkülmodelle für richtiges Entscheiden an der Vertrauensfrage vorbei.“ (97f)

Infolgedessen bestimmt Luhmann die Verwendung des Begriffs „rational“ genauer. „Als rational hätten dann alle Leistungen zu gelten, die dazu dienen, menschliches Handeln in einer äußerst komplexen Welt sinnvoller zu orientieren, also das menschliche Fassungs- und Reduktionsvermögen für Komplexität zu steigern. Das kann nur mit Systembildung geschehen. Deshalb würde sich bei dieser Konzeption der Titel ‚rational’ nicht auf Entscheidungen […], sondern auf Systeme und Systemerhaltungsfunktionen beziehen.“ (98)

Und hier wird Vertrauen selbst rational: Es erhöht das „Systempotential für Komplexität“: „Ohne Vertrauen sind nur sehr einfache, auf der Stelle abzuwickelnde Formen menschlicher Kooperation möglich, und selbst individuelles Handeln ist viel zu störbar, als dass es ohne Vertrauen über den sicheren Augenblick hinaus geplant werden könnte. Vertrauen ist unentbehrlich, um das Handlungspotential eines sozialen Systems über diese elementaren Formen hinaus zu steigern. Ganz neue Arten von Handlungen, vor allem solche, die nicht unmittelbar befriedigen und daher künstlich motiviert werden müssen, werden in einem System möglich, das Vertrauen aktivieren kann. Durch Vertrauen gewinnt ein System Zeit, und Zeit ist die kritische Variable [beim] Aufbau komplexer Systemstrukturen. Die Befriedigung von Bedürfnissen kann vertagt und doch sichergestellt werden.“ (98) [vgl. Ansatzpunkte bei Aßmann; Funktion des Vertrauens bei lang währenden Studienarbeiten, deren Einzelarbeitsschritte allein nur wenig befriedigend sind]

Luhmann weist jedoch darauf hin, dass Vertrauen nicht der einzige systemrationale Mechanismus ist. Andere sind das Lernen, Symbolisieren, Kontrollieren und Sanktionieren. Sie strukturieren die Erlebnisverarbeitung.

Luhmann geht davon aus, dass auf der Systemebene die Risiken von Vertrauen unter Kontrolle gehalten werden müssen und daher Vertrauen und Misstrauen gleichermaßen gegeben sind, die zueinander in gegenseitiger Kontrolle stehen. Darin sieht Luhmann eine binäre Systemrationalität. Während aber die Ethik das Entweder/oder forciert, „lassen Vertrauen und Misstrauen sich miteinander steigern“ (siehe 100)

Urteile lassen sich dann unter Einbeziehung des Vertrauensmechanismus und der Frage nach der Erfüllung seiner Bedingungen erklären, jedoch lässt sich keine Handlungsanweisung gewinnen (vgl. 100)

Luhmann stellt nun eine letzte Frage:

„ob und wie Vertrauen und Misstrauen durch Systembildung koordiniert und so miteinander gesteigert werden können“ (siehe 100)

Luhmann unterscheidet zwei Vorgänge:
a) die Ausdifferenzierung des Systems aus seiner Umwelt
b) die Innendifferenzierung des Systems als „funktionale Spezifizierung seiner Teilsysteme“

Die „Systemrationalität“ liegt dabei in seiner Innen/Außen-Differenz. Sie liefert das rationale Kriterium, welche Stellung Vertrauen und Misstrauen jeweils im System haben.

Dies ist der Fall, wenn Systeme aneinander Anteil nehmen, bspw., wenn eine Person einer Organisation angehört.

Allerdings warnt Luhmann davor das Innen/Außen-Verhältnis mit einer Grenze zwischen Vertrauen und Misstrauen zu verwechseln. Vielmehr geht es bei der Systemgrenze um so etwas wie oben bereits häufiger thematisierten „Schwellen“ (Verweis auf S.80f)

Die Systemgrenze liefert dabei Gesichtspunkte für die Differenzierung, ob im jeweiligen Moment (innerhalb oder außerhalb des Systems) Vertrauen oder Misstrauen rational ist.

Vertrauen und Misstrauen bleibt dabei prinzipiell diffus, lässt sich aber auf bestimmte Hinsichten beschränken. „Man kann einem anderen in Dingen der Liebe, nicht aber in Sachen des Geldes, in seinem Wissen, aber nicht in seiner Geschicklichkeit, in seinem moralischen Wollen, aber nicht in seiner Fähigkeit zu objektiver Berichterstattung, in seinem Geschmack, aber nicht in seiner Verschwiegenheit vertrauen.“ (103f)

Luhmann weiter:

„In solch einer Vorstrukturierung und Legitimierung spezifischer Chancen für Vertrauen und Misstrauen scheinen die Möglichkeiten einer Systemrationalisierung zu stecken. Systeme können auf diese Weise Vertrauen und Misstrauen nebeneinander vorsehen, ja auf vielfältige Art ineinander verzahnen und dadurch steigern.“ (104)

Die Möglichkeit der Leistungssteigerung sieht Luhmann jedoch nur gegeben, wenn die Mechanismen von persönlichen Interessen unabhängig werden, indem sie in eine Organisation eingebettet werden. (siehe 104)

5 Gedanken zu „LUHMANN, Niklas: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. 2. erw. Aufl. Stuttgart 1973.

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  2. Lukas

    Guten Tag,

    Ihre Verweiße auf Assmann klingen interessant. Könnten Sie hierzu genauere Quellenangaben machen? Evtl. mir per pm zukommen lassen? Das wäre sehr nett.

    Ansonsten sehr gute Zusammenfassung des Buches. Vielen Dank dafür.

    Beste Grüße
    L.K.

  3. Florian Dieckmann Beitragsautor

    Hallo Lukas,
    in meinem Zettelkasten habe ich zu Assmann nur noch den Aufsatz von Jan Assmann: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: ders. (Hrsg): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt a.M. 1988, S.9-19 gefunden. Das scheint mir aber beim Wiederlesen des betreffenden Textes (ich besitze noch die Kopie) nicht der von mir in diesem Exzerpt hier assoziierte Text zu sein, auch wenn mir der hier genannte Aufsatz zum Thema irgendwie kompatibel scheint.
    Gruss
    Florian

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