Thomä, Dieter: Erzähle Dich selbst – Lebensgeschichte als philosophisches Problem.
3. Dezember 2007 | Rubrik: Vermischtes | Tags: Erzählung, Identität, Lebenslauf, Selbsterzählung | 2220 mal gelesen
München 1998
[Exzerpt. Mentzer/Sonnenschein: Kapitel 5: „Geschichte und Geschichten“]
Thomä vergleicht den Imperativ „Erzähle Dich selbst“ mit dem des „Erkenne Dich selbst“. Sich mit sich selbst zu befassen bedeute „aufdringliche Nähe“ und „demnach Schwierigkeiten“. Dies beginne zum einen mit allgemeinem Materialmangel und zum anderen mit der Unzugänglichkeit einer Außenwahrnehmung durch Dritte. Es bringe jedoch das Privileg des Zugang zu unveröffentlichen Gedanken und Gefühlen mit sich. Dieses Privileg zwinge jedoch Drittens zur Selektivität (Fussnote 1) , um der Heimsuchung der Erinnerungen Herr zu werden.. Viertens komme es immer zu einer „Verspätung im Umgang mit dem eigenen Leben“. Denn dies bringe die „Unmöglichkeit“ mit sich, „das eigene Leben als abgeschlossenen Gegenstand vor sich zu bringen“. (234) (Fussnote 2, 3)
Thomä betont, dass es also „die Erkenntnis des eigenen Lebens“ nicht gibt und man also höchstens den Anspruch haben kann, für das, was man von sich behauptet, „Belege“ aufbieten zu können.
Es stellen sich zwei Fragen: 1) Was spricht für die Aufrichtigkeit von Behauptungen über sich selbst? 2) Was muss man beim Entwurf eines zutreffenden Bilds von sich selbst beachten?
Die Aufforderung „Erzähle Dich selbst“ als Sonderform des „Erkenne Dich selbst“ enthält Thomä zufolge eine „bestimmte Unterstellung über die Form des Lebens“ Thomä schließt die Frage an, „in welcher Weise die Erzählung im Leben angebracht ist. (235) Er weist darauf hin, das Erzählen anders als das sich erkennen kein Problem mit Fiktion hat. Und er zitiert hierzu: „Es ist nicht selten, dass „einer, / bis zur Wahrheit, durchs Erzählen / Zu solchem Sünder sein Gedächtnis macht, / dass es der eignen Lüge traut“.
Die Grenze zwischen dem Erkennen und dem Erzählen liegt in der Selektionsleistung. Denn das „von sich erzählen“ schließt die Notwendigkeit des „von sich schweigen“ ein. „Bei der Entscheidung, was denn nun zu erzählen sei, wird man von den Kriterien, die für das Erkennen gelten, im Stich gelassen.“ (237)
Daher: Das „narrative Bemühen“ bleibt „Ermessenssache“, wobei man ein „starkes Interesse“ daran haben kann, sich „nicht selbst auf einen Holzweg zu führen, nichts vorsätzlich zu verhehlen oder zu entstellen.“ Thomä betont: „Dass heißt aber auch, dass man es darauf anlegen kann, sich sein Leben erzählerisch zurechtzumachen.“ (237)
Mit Thomä gesagt: „Ich [...] erzähle die Geschichte einer Figur“. [...] Ich stelle heraus, was mir an mir wichtig ist, charakterisiere mich als eine Figur, die mit den Haltungen, die ich ihr zuschreibe, auch leitend ist für mein gegenwärtiges und zukünftiges Handeln. [...] An die Stelle [...] [der] Fülle des eigenen Lebens, tritt nun mehr die Unternehmung, mich als eine bestimmte Figur zu zeichnen.“ (239)
Die „Rede von mir selbst“ ist Thomä zufolge eine „Verwachsenheit mit der Figur, von der ich erzähle“ (ebd.)
1) vgl. in diesem Zusammenhang das Vorwort von Mentzer und Sonnenschein: Die Fertigkeit, sich selbst zu erzählen, ist also aufgrund der hier begründetermaßen notwendigen Selektivität immer schon die Produktion einer Fiktion!
2) Hier liefert Thomä eine schöne Begründung, warum das Postulat der Selbstführung bspw. in Fragen der Auswahl des Bildungs- und Berufsweges kaum erfüllbar ist.
3) Im Anschluß an diese Selektionsleistung ist der Artikel von Tobia Schormann “Die Lust am Ausgoogeln” (dpa) zu diskutieren. Denn beim ausgoogeln handelt es sich m.E. auch um eine solche Selektionsleistung. Schormann empfiehlt Informationskontrolle, d.h. Zensur dessen, was über einen selbst öffentlich bekannt und verfügbar wird. Dem könnte man das Konzept der “proaktiven” Kommunikation gegenüberstellen, d.h. die Strategie, der irgendwie in der Umwelt entstandenen Geschichte und Deutung der eigenen Geschichte einen eigenen, geschlossenen Entwurf einer Geschichte und deren Deutung gegenüber zu stellen.
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[...] Das Jahrzehnt der 1990er Jahre “bringt auch in anderer Hinsicht Neuerungen: Es handelt sich nicht lediglich darum, man selbst zu werden, sich auf die Suche nach seiner Authentizität zu machen, man muss auch selbstständig und sich dabei auf seine eigenen Antriebe stützen.” (197) In der Fussnote vermerkt Ehrenberg hierzu noch: “Selbstdarstellung ist auf jeden Fall anspruchsvolle Arbeit und erfordert besondere Kompetenzen” (vgl. hierzu “Thomä, Dieter: Erzähle Dich selbst“) [...]
[...] Artikel berühren das Problem der Selektivität der Selbsterzählung im Sinne Thomäs im Bereich des Berufs- und Privatlebens. Beiden Autoren fällt auf, dass die Selbsterzählung [...]
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