Freud, Sigmund: Der Dichter und das Phantasieren.
7. Dezember 2007 | Rubrik: Identität und Erzählung | Tags: Erzählung | 2673 mal gelesen
In: Neue Revue (Berlin) Bd.1 1907/08, H.10, S.720-724
[Exzerpt. Seitenzahlen aus: Mentzer/Sonnenschein]
„Das Gefühl der Sicherheit [...] an diesem verräterischem Merkmal der Unverletzlichkeit erkennt man ohne Mühe – Seine Majestät das Ich, den Helden aller Tagträume wie aller Romane, den Helden aller Tagträume wie aller Romane.“ (67)
Der Tagtraum ist „Fortsetzung und Ersatz des einstigen kindlichen Spielens“. (69)
Freud weist darauf hin, dass der Tagträumer „seine Phantasien vor anderen sorgfältig verbirgt, weil er Gründe verspürt, sich ihrer zu schämen.“ (69)
Für gewöhnlich würde die Preisgabe dieser Tagträume auch tatsächlich eher Distanz schaffen. Nicht so beim Dichter, bei dessen Erzählung Lust empfunden werde, die „aus vielen Quellen“ zusammenfließe.
„Wie der Dichter das zustande bringt, das ist sein eigenstes Geheimnis; in der Technik der Überwindung jener Abstoßung, die gewiß mit den Schranken zu tun hat, welche sich zwischen jedem einzelnen Ich und den anderen erheben, liegt die eigentliche Ars poetica.“
Freud sieht dabei zwei Techniken, wie dies gelingt: Erstens die Abänderung und Verhüllung des Charakter des egoistischen Tagtraumes als solchem und zweitens die Erzeugung von Lust durch die Ästhetik der Darstellung.
Vor allem letzteres führt Freud dann zum Schlussfolgerung seines Aufsatzes. Der Dichter verschachtelt durch formale und ästhetische Mittel den Lustgewinn, sodass das Lesen zu einer Art Streben von Lust zu Lust ist – und zwar von der Lust am Gelesenen zur Lust am im eigenen Ich ruhenden.
„Man nennt einen solchen Lustgewinn, der uns geboten wird, um mit ihm die Entbindung größerer Lust aus tiefer reichenden psychischen Quellen zu ermöglichen, eine Verlockungsprämie oder eine Vorlust. Ich bin der Meinung, dass alle ästhetische Lust, die uns der Dichter verschafft, den Charakter solcher Vorlust trägt und das der eigentliche Genuß des Dichtwerkes aus der Befreiung von Spannungen unserer Seele hervorgeht.“ (70)
Freud vermutet, dass der Dichter uns „in den Stand setzt, unsere eigenen Phantasien nunmehr ohne Vorwurf und ohne Schämen zu genießen.“ (70)
Klicken Sie hier, um diesen Artikel weiter zu empfehlen:
[...] Freud, Sigmund: Der Dichter und das Phantasieren. In: Neue Revue (Berlin) Bd.1 1907/08, H.10, S.720-… [...]