Notizen zu Dills’ “Kosmos der Freeware”
19. April 2009 | Rubrik: Vermischtes | Tags: Freeware | 1802 mal gelesen
Meine Exzerptnotizen zu Kilian/Hass/Walsh: Grundlagen des Web 2.0 assoziierte ein Freund mit dem Aufsatz von Alexander Dill: Im Kosmos der Freeware. Ansatz einer Bilanzierung kostenloser Dienste und Produkte im Globald Freeware Index. Hierzu ein paar Anmerkungen.
Dill behauptet, dass “Freeware” als ein “Ausdruck von Fairness, Altruismus und Gemeinschaftssinn” in der Lage ist, die in der Wirtschaftswissenschaft beheimatete und moralphilosophisch untermauerte Grundannahme des Eigeninteresses des Menschen in Frage zu stellen. Eine “Ökonomie des Gebens”, beispielsweise verkörpert durch den Bereich der Non-Profit-Aktivitäten, scheine im Begriff, einer der Mangelsituation und Wachstumsorientierung der Nachkriegszeit entsprungenen “Ökonomie des Nehmens” abzulösen. Durch Freeware entstehe eine “Gift Economy”. Wie auch die Diskussion um das Grundeinkommen zeige, stelle die Überflußgesellschaft und die Postindustrialität der Wirtschaft den Überlebenskampf als solchen überhaupt in Frage. Ab Kapitel 3.4 unternimmt er dann in drei kurzen Absätzen den Versuch des Brückenschlags zur Betriebswirtschaft, indem er darauf hinweist, dass “Freeware” ein betriebswirtschaftlicher Ansatz ist, “um alle Formen von Diensten und Produkten, die aus unterschiedlichen Gründen nicht für Geld angeboten werden, bilanzierbar zu machen.” Profit trete in den Hintergrund. Hi-Tech-Unternehmen seien nicht betriebswirtschaftlich rational, sondern müssten volkswirtschaftlich im Kontext einer “Gift-Economy” verstanden werden.
Dills Überlegung zur Rationalität so genannter Hi-Tech Unternehmen ist charmant, denn so ließe sich das Fehlen von Geschäfts- und Erlösmodellen von Unternehmen wie z.B. Twitter unternehmerisch verzeihen, deren Infrastruktur- und Organisationskosten dann eben der Nutzergemeinschaft bzw. der Gesellschaft auf irgendeinem Wege als Gemeinkosten auferlegt werden müssen – z.B. als Steuern.
Die Lektüre von Dills Aufsatz fordert Satz für Satz den Widerspruch heraus – oder zumindest die kritische Nachfrage. Wohlwollenderweise kann man aber sagen, dass Dill sehr kreativ ist. Anerkennung verdient Dill, indem er den Begriff “Freeware” auf alle kollektiven und öffentlichen Güter ausdehnt – ihn gewissermaßen synonym verwendet. Auf einmal lässt sich nicht nur Softwareentwicklung, sondern zum Beispiel auch Parteiarbeit als Freeware bezeichnen, sodass die Überlegung, an ihrer Herstellung mitzuwirken, in einem neuen Licht erscheint. Jedoch klaffen ernsthafte Lücken, die schon allein durch die Wahl seines Untertitels verwundern. Wenn Dill konstatiert, dass Freeware ein betriebswirtschaftlicher Ansatz ist, so lässt er eine Erörterung dieses Ansatzes vollkommen aus. Ebenso erwähnt er die Theorie der öffentlichen Güter und ähnliche, unterlässt es jedoch, “Freeware” mit diesen Theorien zu erklären. Hierdurch entsteht der Eindruck, der Begriff entspräche in der von ihm verwendeten Weise diesen Theorien. De facto aber fehlt eine Analyse, wie Freeware überhaupt zustande kommt, wer also die Kosten der Beschaffung dieser Güter trägt und wie einerseits die Beschaffung, als auch die Übernahme der dabei entstehenden Kosten ökonomisch nicht nur möglich, sondern auch motiviert ist, d.h. für den Beschaffenden sinnvoll ist. Selbst wenn der Nutzen bzw. der Sinn der Beschaffung nicht( mehr) der Überlebenskampf ist, so wäre eine Erklärung des Sinns beispielsweise des von Dill so bezeichneten Schenkens in der “Gift Economy” nötig. Dill selbst konstatiert, dass Freeware betriebswirtschaftlich “aus unterschiedlichen Gründen” verfügbar gemacht wird, nennt aber keine – außer die in Kapitel 3.5 erwähnte Strategie, Marktanteile zu gewinnen, indem Konkurrenz verunmöglicht und Lock-in-Effekte erzeugt werden. Unerwähnt bleibt auch, dass Freeware häufig eine Plattform ist, die als Kollektivgut beschafft wird, weil der Nutzen der Beschaffung für die Anwender in der Möglichkeit besteht, auf der Grundlage der Freeware andere Leistungen kostenpflichtig anzubieten. In diese Richtung stoßen die Überlegungen der Berliner Szene um Lobo/Friebe, dass die Produktionsmittel frei verfügbar sind, sodass der Einzelne im Moment des Angebots seiner auf seiner individuellen Kompetenz beruhenden Leisutng nur sehr geringe Markteintrittsbarrieren zu überwinden hat. Freeware im Softwarebereich bietet hierfür mannigfaltige Beispiele. Die Bilanzierung dessen, was unter den erweiterten Freeware-Begriff von Dill fiele, mag zwar möglich sein. Ohne mir meiner Sache hier sicher zu sein, mutmaße ich aber, dass Dill sich eigentlich für Rentenökonomie begeistert – d.h. für die Konsumtion gesellschaftlicher Überschüsse statt für deren zukunftsträchtigere Reinvestition.
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Guten Tag, Herr Diekmann! Zunächst freue ich mich, dass Sie diese Überlegungen entdeckten. Auf Deutsch gibt es ja nur meine allseits abgelehnte Forschungs- und Habilitationsskizze. Einige Äußerungen pro und contra finden Sie hier:
http://whatiseconomy.com/joomla/index.php?option=com_content&task=blogcategory&id=15&Itemid=31
Zur Geschenkökonomie, als einer derer Vertreter ich im englischen Wikipedia (“economy”) gelte, habe ich einen Essay auf ChangeX geschrieben
http://www.changex.de/d_a02873.html
Ich halte nach wie vor Gemeingüter für weit unterbewertet, was sich aber durch die Finanzkrise ändern könnte. Die jetzige Rentenökonomie mit ihren Renditeansprüchen als Pensionen, Zinsen, Mieten und Steuern lehne ich sehr radikal ab und plädieser deshalb in meinem neuen Buch “Der grosse Raubzug” für eine grundlegende Reform der sozialen Sicherungssysteme, die derzeit nur den “Marktfreien” nützen, jenen, die den Widernissen der Märkte nicht ausgesetzt sind.
http://www.finanzbuchverlag.de/dill
Durch den zu erwartenden Crash des virtuellen Geldes wird zwar jener Teil der Geschenkökonomie zurückgehen, der auf Bewertungsbubbles aufbaute, etwa YouTube, Skype, Twitter etc., aber soziale Arbeit, Nachbarschaftshilfe, Natur, Lebenszeit werden an Wert zunehmen.
Eine Bilanzierung dieser social, human and natural commons strebe ich nach wie vor an, weil sie die Basis für eine Gesellschaft jenseits der Kapitalflüsse darstellt.
Da ich selbst ein Softwareunterrnehmen betreibe, bleiben aber einige meiner Kunden weiterhin bei ihrer Position, endlose kostenlose Vorleistungen zu fordern und nach Ablauf der kostenlosen Testphase die Software weiter zu nutzen, ohne sie zu bezahlen. Ich klage deshalb bereits seit Jahren vergeblich vor dem LG Köln gegen die Agfa Gevaert AG.
Freeware ist also einerseits nach wie vor in vielen Bereichen unverzichtbar, andererseits wird es immer schwerer, sie vorzufinanzieren bei Zinssätzen von 18% für Überziehungen.
Die zukunftsträchtige Reinvestition kann, wenn sie nicht nur eine reine Verdrängung von Marktteilnehmern sein soll, nur aus einem echten, also natürlichen Wachstum durch Bevölkerungswachstum und regenerative Energien und Verfahren kommen. Alle Vermögen stehen nun unter dem Vorbehalt der nachträglichen Besteuerung, um den Staatsbankrott abzuwenden.
Insofern könnte es für Deutschland sinnvoll sein, in einen geregelten Konkurs zu gehen incl. Währungsreform, um überhaupt noch Zukunftsinvestitionen zu ermöglichen.
Die gegenwärtigen Investitionen, etwa Abwrackprämie und 40 Milliarden Zinsen pro Jahr gehen in die Vergangenheit.
Lieber Herr Dill,
1) Wozu wird die Bilanzierung dessen nützen, was sie unter “Gemeingütern” verstehen?
2) Wer übernimmt die Kosten der Beschaffung von Gemeingütern? Und warum?
Zur Diskussion noch ein paar Anmerkungen:
3) Der Begriff “Rentenökonomie” meint in der Volkswirtschaftslehre nicht die Diskussion um soziale Sicherungssysteme, sondern eine Wirtschaftsform (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Renten%C3%B6konomie).
4) Die Überlegung, dass Systeme wie YouTube, Skype, Twitter etc. durch Bewertungsbubbles entstehen können, finde ich einen interessanten Exkurs. Welche Quelle untermauert Ihre Behauptung?
5) Das Problem kostenloser Vorleistungen im Geschäftsverkehr dürfte sehr stark von Branche und Nachfragemacht des Kunden abhängen – ein m.E. irreführender Exkurs wie der in puncto “Deutschland” und “Besteuerung”. Es scheint mir, als blieben Sie nicht beim Thema.
[...] auf einen Kommentar von Alexander Dill eine interessante Fundsache. “Von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt hat sich ind en [...]
[...] weiteren Analyse des Begriffs „Freeware“ (in Anlehnung an den Impuls Dills) mittels ökonomischer Theorien beziehungsweise zur Analyse des Phänomens kostenlos als [...]