Archiv der Kategorie: Politik, Medien und Kommunikation

Notizen zu der Methode von Michal Kosinski, Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook zu analysieren

Am 3.12.2016 erscheint unter https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/ ein Artikel unter dem Titel „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“, in dem die Geschichte erzählt wird, wie mit psychometrischen Methoden in Verbindung mit Big Data (und hier u.a. Facebook) „Microtargeting“ im Politmarketing Wahlkampf mit Onlinemedien geführt wird. Ausführlich wird ein wohl auch auf YouTube verfügbarer Beitrag von Alexander Nix, dem Geschäftsführer einer Firma namens „Cambridge Analytica“ referiert, in dem Nix darstellt, wie Daten beschafft und in einem digitalen Cockpit für das operative Politmarketing aufbereitet werden. So habe man für Millionen Amerikaner Psychogramme erstellt, könne diese in Kenntnis ihres Wohnortes uvm. direkt ansprechen und in Kenntnis ihrer jeweils individuell spezifischen Psychologie mit entsprechend individuell zugeschnittenem Spin-Doctoring in ihrer Wahlentscheidung beeinflussen. Weiterlesen

Thomas Leif zu der Frage, wie die AfD unsere Demokratie und die politische Kultur Deutschlands verändert. Notizen zur gleichnamigen Veranstaltung am 1.12.2016 in Eich

Am Donnerstag, den 1.12.2016 refererierte Prof. Dr. Thomas Leif im Restaurant Nikopolis in Eich zu der Frage, wie die AFD unsere Demokratie und die politische Kultur in Deutschland verändert. Eingeladen hatten der SPD Ortsverein Eich und der SPD Unterbezirk Alzey-Worms. Zugegen waren ca. 60 bis 70 Personen, von denen schätzungsweise weniger als 20 Personen jünger als 50 Jahre alt gewesen sein dürften. Weiterlesen

Christoph Giesa: Bürger. Macht. Politik. Rezensionsessay.

Am 08. August 2011 ist das Essay Bürger. Macht. Politik. von Christoph Giesa im Verlag Campus erschienen. Albrecht von Sydow von Respublica, der wohl bei der Buchvorstellung dabei gewesen ist, hat mich auf das Buch angesetzt und ich habe es im Hinblick auf mögliche Schnittstellen zu Respublica durchgearbeitet. Im Folgenden mein vollständiges Rezensionsessay. Siehe gekürzt auch den Aufsatz unter http://blog.respublica.org/.

Giesa interpretiert die Top-Themen seit Sommer 2010, zu denen Bürger unerwartet heftig und unerwartet erfolgreich auf der Straße, durch Volksbegehren und unorthodoxe Wahlentscheidungen Stellung bezogen haben, als Zeichen eines Prozesses. Das Beobachtbare ist nach Ansicht Giesas „Ausdruck einer Sprachstörung zwischen den Regierenden und den Regierten“. Der Auflösung dieser Sprachstörung ist Giesas Buch gewidmet. Giesa erzählt entlang persönlicher Erlebnisse und Begegnungen von der Dysfunktionalität der Parteien, beobachtet die Wiederauferstehung des Citoyens und stellt die Modernisierung der Demokratie dank digitaler Technik und gesunkener Transaktionskosten in Aussicht, scheint aber für das von ihm beschriebene Dilemma der Rekrutierung auch keine Lösung zu sehen. Auch die Wechselwirkung mit dem gegenwärtigen Mediensystem wird zwar erwähnt, verblüffenderweise jedoch eher ausgeblendet Weiterlesen

Der Newsroom öffnet sich.

Aktive Medienkonsumenten holen sich künftig im Social Media Newsroom selbständig ihre Informationen.

Mit dieser These ist ein Artikel von Jürg Vollmer überschrieben, dem es im Kern um eine Modernisierung der Pressemitteilung im Sinne ihrer Information distribuierenden Aufgabe angesichts der Informationsflüsse geht, die sich durch das Internet und das „Web 2.0“ verändern. Nochmals konzentriert lernt man hier das kleine Einmaleins der klassischen Pressemitteilung. Darüber hinaus aber bietet der Artikel einen interessanten Einblick in das aktuelle Denken der PR-Branche, die das „Web 2.0“ zu nutzen, keineswegs aber zu gestalten versucht. Der Artikel ist aus der Perspektive des Senders gedacht, der wie gewohnt einen Empfänger konzipiert, der sich nur dadurch durch ein „früher“ unterscheidet, indem er nun größere Souveränität bei der Suche und Auswahl von Information besitzt. Interessant wird der Artikel vor allem da, wo er den Begriff des „Social Media Newsroom“ einführt und auf erste Praxisbeispiele verweist. Denn hier wird das Herz einer Redaktion, der „Newsroom“, begrifflich in den Verfügungsbereich der Nutzer gerückt, wobei die Sender von Pressemitteilungen in keiner Weise mehr gegenüber anderen möglichen Sendern privilegiert sind – etwa durch Akkreditierung. Leider führt der in dem Artikel erst im März 2009 gesetzte Link http://www.social-media-newsroom.ch/ bereits heute ins Leere. Weiterlesen

Beitrag zu Chancen, Risiken und Ökonomie der Koevolution neuer Medien und Gesellschaft

Vor ein paar Monaten hatte ich eine Rezension zu Gisela Schmalz „No Economy“ geschrieben, zu der ich von Frau Schmalz sogar ein anerkennendes Feedback per Email erhielt. Am 4. Februar lief nun eine interessante Sendung „Die Welt ist flach. Chancen und Risiken der digitalen Veränderung“ auf 3Sat, bei der der Moderator Gert Scobel mit Gisela Schmalz (FH Köln), Frank Schirrmacher (FAZ) und Constanze Kurz (Chaos Computer Club) diskutiert.

Die Sendung gibt es nun als Podcast zum Download:
http://podfiles.zdf.de/podcast/3sat_podcasts/100204_internet_scobel_p.mp3

Warum man sich auf Gisela Schmalz‘ „Yes Economy“ einlassen kann.

In ihrem Buch „No Economy: Wie der Gratiswahn das Internet zerstört“ bricht Gisela Schmalz mit der Begeisterung für die Kostenlosigkeit von Gütern und Leistungen im Web. Ausführlich legt sie die Treiber des Status Quo dar und warnt davor, die Entwicklung des Internets als Raum neuer wirtschaftlicher Möglichkeiten zu verspielen. Ihre Kritik richtet sich einerseits gegen die Subvention digitaler Güter durch Staat, Stiftungen, Risikokapitalgeber und Werbekunden, andererseits gegen einen vermeintlichen Gratiswahn der Nutzer. Vor dem Hintergrund einer Analyse verschiedener ökononomischer Modelle plädiert sie für eine selbsttragende wirtschaftliche Entwicklung des Internets ohne Subventionen – für ein „Yes Economy“. Im folgenden resümiere ich ihre Kritik an die Adresse der Webunternehmer und Risikokapitalgeber, schlage jedoch eine mir sinnvoll erscheinende Relativierung der Kritik an den Nutzern auf der Grundlage der Theorie kollektiven Handelns vor. Zur Unterstützung des Plädoyers für nutzergetriebene Mikromärkte scheint mir zudem die Ergänzung angebracht, auf nutzerseitige Wertschöpfungsketten zu fokussieren. Weiterlesen

Zukunft des Journalismus: öffentliche Umlagefinanzierung versus Wandel der Geschäftsmodelle

In diesem Beitrag will ich kurz ein paar Fundstellen notieren, die ich nach dem erneuten Lesen in dem Blog Amy’s Welt von Anna-Maria Müller in Erinnerung behalten und zu meinen Überlegungen in Beziehung setzen möchte. Nachdem ich nun in Amy’s Welt immer mehr interessante Gedanken und Hinweise finde, muss es einfach raus: Ich bin beeindruckt! Ich denke, zu einem treuen Leser zu werden. Weiterlesen

Exklusion versus Inklusion. Notizen zu Steinfelds „Piraten und Papier“, SZ Nr.134, S.9

Thomas Steinfeld greift im SZ-Feuilleton vom 15.06.2009 den Wahlerfolg der Piraten-Partei auf, die bei den EU-Parlamentswahlen 7,1% der Stimmen in Schweden bekommen hat. Angesichts eines Trends zur Kostenlosigkeit wertvoller Informationen,  der scheinbar von den Piraten und privatwirtschaftlich subventionierten Stiftungen verkörpert wird, macht sich Steinfeld Sorgen um die ökonomische Lebensfähigkeit einer  Öffentlichkeit, die von Zeitungen und Informationsproduzenten organisiert wird, die durch das Urheberrecht geschützt sind. Steinfelds Artikel verweist aber noch auf einen anderen Aspekt: Auf den Gegensatz zwischen dem Prinzip der Exklusion, welches die etablierten Institutionen der räsonierenden Öffentlichkeit konstituiert, und dem Prinzip der Inklusion, welches sich in einer Öffentlichkeit ausbreitet, die durch das Internet geprägt ist. Ich denke, dass sich erst hieraus ein Antwort auf Steinfelds Frage ergibt, was das Neue jenseits der bloßen Ablehnung des Althergebrachten sein könnte.

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Journalisten sind auch nur User. Warum also nutzergenerierte Inhalte nur als kostenlos verfügbare Kollektivgüter betrachten?

Seit Jahren läuft eine begeisterte Diskussion, bei der dem Web aufgrund seiner gelungenen Öffnung für nutzergenerierte Inhalte als kostenloser Ressource sozialrevolutionäres Potential zugeschrieben wird. Häufig fällt das Stichwort „Web 2.0“. Die Begeisterung für Dienste und Informationen als kollektive Güter geht aber auch mit handfesten ökonomischen Interessen einher. Gerade Medienunternehmen sind an preiswerten Ressourcen interessiert. Zwar herrscht auch hier Begeisterung für neue Möglichkeiten der Teilhabe, doch beim Geld hört die Freundschaft plötzlich auf. Warum? Im folgenden Rezensionsessay gehe ich dieser Frage nach. Dreh- und Angelpunkt ist dabei  „User generated content“ (UCG), den Medienunternehmen als Erlösquelle zu schätzen lernen. Eine entsprechende Erörterung dieses Ansatzes findet sich in der Diplomarbeit von Philipp Sebastian Rogge, die im Juni 2007 als Arbeitspapier des Instituts für Rundfunkökonomie an der Universität zu Köln unter dem Titel „Nutzergenerierte Inhalte als Erlösquelle für Medienunternehmen[1] publiziert worden ist.  Ich versuche zu zeigen, inwiefern dieser Ansatz bestehende Marktstrukturen konserviert, das Nachdenken über mögliche Erlösquellen im Zusammenhang mit Informationsgütern auf Werbung reduziert und die Produktion von Informationen als entgeltlichem Wertschöpfungsprozess außer Acht gelassen wird. Enthusiasten, Sozialrevolutionäre und Medienwirte vereint dabei, dass  es an Ideen mangelt, wo und in welchen Kontexten Information Nutzen stiftet und ihr (pekuniärer) Wert ermittelt werden kann.

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Literaturhinweise zur Frage, warum Wikis funktionieren, Blogs nicht

Johan Schloemann weist in der SZ vom 3. Juni 2009 auf drei Autoren hin, die  dem Wiki-Prinzip  den Ritterschlag erteilen: David Runicman, lehrender Politologe aus Cambrigde und „Großneffe von Runciman, dem berühmten Historiker“, der im London Review of Books sein Rezensionsessay über „The Wikipedia Revolution“ von Andrew Lih veröffentlicht hat. Und Cass R. Sunstein,  „Kollege des späteren US-Präsidenten [Obama] an der Chicago Law School“, mit einem eigenen, sogar schon auf Deutsch übersetzem Buch „Infotopia. Wie viele Köpfe Wissen produzieren.“  All diese Autoren bejahen die Frage, ob Wikipedia funktioniert, und leiten zu der Frage über, warum. Zumindest tun sie dies nun auch für die Zielgruppe all jener wie „Lehrer in Schule und Universität“, die davon noch aus der SZ erfahren müssen. Weiterlesen

Donsbach vergleicht Krise des Journalismus mit Politikverdrossenheit

Passend zu meiner Bemerkung an anderer Stelle, Zeitungen in der althergebrachten Form gingen mit den Parteien in ihrer althergebrachten Form unter, finde ich heute morgen auf den Seiten von HoriCon den Hinweis auf den Artikel „Journalismus in der Vertrauenskrise“ im Schweiz Magazin. Darin wird das neue Buch „Entzauberung eines Berufs“ von Wolfgang Donsbach u.a. vorgestellt, in dem Donsbach und seine Co-Autoren eine telefonische Repräsentativbefragung zur öffentlichen Wahrnehmung des Journalismus in Deutschland vorstellen, wobei die Entzauberung des Journalismus mit der Politikverdrossenheit verglichen wird. Weiterlesen

Wozu Zeitung? Eine ratlose Elite auf der Suche.

Wozu Zeitung?“ titelt die Beilage der Süddeutschen Zeitung am 8.5.2009. Wieder einmal ist eine Elite ratlos: Diesmal die der so genannten „Presse“, also der werbefinanzierte Teil der Informationswirtschaft, deren Produkte sich an wenig differenzierte Massenpublika statt an Nischenpublika richten. Sie weiß nicht, wie sie ihr Geschäftsmodell, das namensgebend auf Druckerpressen und physischen Papierdistributionssytemen beruht, in eine Informationsgesellschaft hinüberretten soll, die sich durch das Internet verändert. Weiterlesen

Ökonomische Suboptimalität des Web 2.0

Warum werden im Internet Dienste und Informationen kostenlos für jedermann zur Verfügung gestellt? Unter welchen Bedingungen ist das überhaupt der Fall? Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen lohnt die Diskussion der Theorie kollektiven Handelns von Mancur Olson. Olsons Theorie zufolge kommt es nur dann zur kostenlosen Bereitstellung von Diensten und Informationen für jedermann, wenn der Nutzen der Beschaffung und Bereitstellung, den die Beschaffenden hiervon haben, die Kosten übersteigt, die diese hierfür allein zu tragen haben. Denn da es in der Natur des Gutes liegt, es nutzen zu können, sobald es verfügbar ist, ohne von der Nutzung ausgeschlossen werden zu können, werden Andere sich nicht an den Kosten seiner Beschaffung beteiligen. Weiterlesen

SZ thematisiert Effekt der Finanzkrise auf Web2.0-Unternehmen

Bezogen auf einen Kommentar von Alexander Dill eine interessante Fundsache.

„Von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt hat sich in den vergangen Jahren eine neue Blase gebildet, kleiner zwar als die erste, aber nicht weniger spektakulär. Und dem Schlagwort Web2.0“ (SZ Nr.93, 23.04.2009, S.24)

Dill vermutete, vieles im Web2.0 ginge nun mit der Blase an den Finanzkrise baden. Die Süddeutsche Zeitung titelt heute  „Neue Seiten, alte Fehler“ und berichtet, dass Risikokapitalgeber kein Interesse mehr an Gründern hätten, die mit Begriffen wie „Web 2.0“ hantieren (Zitat Earlybird). Viele Web2.0-Gründungen verschwänden nun, da mit der Wirtschaftskrise eine Flaute im Internetwerbebudget begonnen habe und „große Investoren wie etwa Pensionsfonds an der Börse einiges verloren haben“, sodass nun weniger Geld in Wagniskapitalfonds fließe.

Web 2.0 wird in dem Artikel auf die Idee reduziert, die Nutzer für die Inhalte selbst sorgen zu lassen. Erfolgsbeispiel des Artikels ist ein ehemaliger Sächsischer Olympia-Athlet, dessen Plattform bereits zum Zeitpunkt der Finanzierung 3500 Nutzer gewinnen konnte und die sich als „modernes Sportmagazin“, nicht aber als Community und schon gar nicht als „kostenpflichtiger Premiumdienst“ verstehe. Paradoxerweise  aber soll die Haupteinnahmequelle Werbung sein. Bezogen auf Dills Kommentar ist interessant zu lesen, dass Google Youtube für 1,7 Milliarden $ gekauft, das Videoportal jedoch bislang keinen Gewinn erwirtschaftet haben soll. Microsoft sollen 1,6% von Facebook 240 Mio € Wert gewesen sein.

Kilian, Thomas; Hass, Bertold; Walsh, Gianfranco: Grundlagen des Web 2.0.

In: Hass, Berthold; Walsh, Gianfranco; Kilian, Thomas (Hg.): Web 2.0. Neue Perspektiven für Marketing und Medien. Berlin 2008 (Nr. 1470)

Die Autoren verfolgen das Ziel eines „gemeinsamen Verständnisses“ des Begriffs „Web 2.0“ in „Wirtschaft, Wissenschaft und Öffentlichkeit“. (Kilian u.a. 2008, S.4f) Sie gehen davon aus, dass Web 2.0 aufgrund des Stands der Technologie, der Akzeptanz und der Verbreitung bei den Nutzern ein „nachhaltiges Phänomen“ ist (Kilian u.a. 2008, S.19), dass in die Phase der Konsolidierung eintreten wird oder eingetreten ist und zur „Transformation ganzer Branchen“ führen wird (Kilian u.a. 2008, S.4). Weiterlesen

Nachtrag zu Jessens traurigen Strebern: Oskar Piegsa begeistert sich für Mercedes Bunz

(Randnotiz) Die Diskussion der Polemik von Jens Jessens, zu der ich auch einen kleinen Beitrag verfasst habe, reißt nicht ab. Ich bin mit Oskar Piegsa einer Meinung, dass die gehäuften Suchen nach Jessens Artikel bei Google darauf hindeuten, dass es sich um ein beliebtes Aufsatzthema handelt. Soweit Piegsas Aufhänger, mal wieder auf Jessens Artikel zurückzukommen. Dann verweist er auf einen Artikel von Mercedes Bunz, der seiner Meinung nach „als Prothese für den Missing Link“  zwischen Jessens Text und Fusts Reaktion heran gezogen werden kann (”Erhörte Gebete: Kapitalismus, Popkultur, Internet”, De:Bug 131, April 2009, S.19–22)“. Weiterlesen

Orientierungslos in der Informationsgesellschaft

„Ein Leben ohne Fernseher ist in der Regel ein glücklicheres, besser informierteres, menschlicheres“, schreibt Rahim Taghizadegan in seinem bemerkenswerten Essay „Information statt Deformation“ am 12.03.2008. Laut Taghizadegan macht es keinen Sinn, fernzusehen, Zeitungen oder Blogs zu lesen, solange wir für die vermittelten Inhalte keine Verwendung haben. Wofür aber haben wir Verwendung? Im folgenden versuche ich, Taghizadegans Gedankengang in eigenen Worten nachzuvollziehen und durch eine kritische Würdigung zu ergänzen, indem ich seine Gedanken mit dem Bereich der politischen Kommunikation in Verbindung bringe. Weiterlesen

Schöpferische Zerstörung politischer Organisationen dank Neuer Medien

Das Internet verspricht politische Informationsbeschaffung für den Einzelnen kostengünstiger und zwischenmenschlich entspannter zu gestalten. Die störenden Begleiterscheinungen massenmedialer Politikvermittlung kann der Einzelne im Internet ausblenden, während er zugleich selbst Verantwortung für die Qualität verfügbarer Information übernimmt. Die sich daraus eröffnenden Entwicklungschancen der deliberativen Demokratie müssen jedoch genutzt, also organisiert werden. Es stellt sich ein Beschaffungsproblem, sodass nicht das Medium, sondern Fragen der politischen Organisation in den Vordergrund rücken. „Parteien sind Kommunikation“, schreibt Elmar Wiesendahl (2002, S.364). Im Rahmen dieses Essays entwickle ich die Hypothese, dass die Antizipation innovativer Kommunikationstechnik und der sich eröffnenden Möglichkeiten durch die Bürger zu einer schöpferischen Zerstörung etablierter politischer Organisationsstrukuren beiträgt – mit dem gefahrvollen Nebeneffekt, die parlamentarische Demokratie weiter zu schwächen, solange das Schöpferische die Zerstörung nicht aufzuwiegen vermag. Weiterlesen

Im Web wird doch mehr gelesen als geschrieben

Unter dem Titel „Was von der Zukunft geblieben ist“ vergleicht Thomas Roessing die sieben Thesen von Margot Berghaus, die sie 1997 in ihrem Aufsatz „Was macht Multimedia mit Menschen, machen Menschen mit Multimedia?“ aufgestellt hat. Für mich ist hier vor allem interessant zu lesen, in welchem Verhältnis lesen und schreiben, d.h. Konsumtion und Produktion von Inhalt stehen.

Angesichts der Entwicklungen in dem Bereich, der mit demSchlagwort Web 2.0 assoziiert wird, scheint Berghaus‘ These aus dem Jahr 1997 durchaus zutreffend zu sein: „Das traditionelle Massenmedienmodell gilt nicht mehr: „‘Sender‘, ‚Medium‘ und ‚Empfänger‘ (‚Publikum‘) werden demontiert“ (Berghaus 1997: 77). „Mitmach-Web“ und Web 2.0 sind in aller Munde, der Rezipient scheint endgültig den Schritt zum Kommunikator getan zu haben: Blogs, Wikipedia, Medienplattformen wie Youtube und Produktbewertungsseiten leben vom Engagement der Nutzer, User-Generated-Content ist zentrales Merkmal des Phänomens hinter dem Schlagwort Web 2.0 (Kilian/Hass/Walsh 2008). Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass nicht nur das Schlagwort einen Entwicklungssprung vorgaukelt, der sich in Wirklichkeit lediglich als eine kontinuierliche Entwicklung darstellt. Auch die Bedeutung der von Nutzern bereitgestellten Inhalte wirkt wie durch die Lupe der YouTube-Euphorie vergrößert. Nur ein geringer Teil der Nutzer der Web 2.0-Plattformen trägt selbst etwas bei: sieben Prozent bei Videoportalen, 25 Prozent bei Weblogs, sechs Prozent bei Wikipedia (laut ARD/ZDF-Onlinestudie, Gscheidle/Fisch 2007: 401), der Löwenanteil der Nutzer besteht weiterhin aus klassischen Nur-Rezipienten, „Lurkern“ im Jargon des Internet.

Ich habe hierzu zwei Gedanken. Erstens erkenne ich auch hier die ökonomische Frage, was Nutzer davon haben, Inhalte zu produzieren, um sie als Kollektivgüter zur Verfügung zu stellen. Dies habe ich bereits unter der Überschrift „Kein Geld im Web2.0 aufgrund mangelnder Marktinnovation?“ angesprochen. Deshalb empfinde ich es als Bestätigung meiner dortigen Überlegung, wenn Roessig in seinem Fazit schreibt:

In zehn Jahren hat sich im World Wide Web vieles geändert, manches rasant, anderes nur allmählich. Das Web hat die Medienlandschaft gewandelt aber nicht revolutioniert, es hat aus Rezipienten Kommunikatoren gemacht, wenn auch nicht in dem Ausmaß, das der Hype um Web 2.0 nahe legt.

Zweitens aber muss man einräumen, dass es doch recht viel ist, wenn 25 von 100 Weblog-Autoren nicht nur einen fremden Inhalt wiedergeben, sondern etwas selbst produziertes zur Verfügung stellen. Zum Vergleich: Wieviel Prozent der Tageszeitung oder des Fernsehprogramms stammen denn von den Lesern/Zuschauern?

Wimmer, Jeffrey: Gegenöffentlichkeit 2.0: Formen, Nutzung und Wirkung kritischer Öffentlichkeiten im Social Web.

In: Zerfaß/Welker/Schmidt (Hg.): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Bd.2, Köln 2008, S.210-230 [1392]

Wimmer begreift den klassischen Begriff „Gegenöffentlichkeit“ als „öffentlichkeitswirksame Aktionen der neuen sozialen Bewegungen“ (S.210). Er definiert ihn ferner als „gegen eine hegemoniale Öffentlichkeit gerichtete Teilöffentlichkeit, die um einen spezifischen gesellschaftlichen Diskurs oder Standpunkt herum strukturiert ist“ (S.213). Solche Gegenöffentlichkeiten sieht er aufgrund des politökonomischen Wandels, des gesellschaftlichen Wandels und mit ihm verbundenen Möglichkeiten für politische Kollektivakteure sowie aufgrund des medientechnischen Wandels im Aufwind. Für Ausschlaggebend hält er aber nicht die Technik, sondern die Integration der neuen Medien in die „politische Praxis der Aktivisten“. Er stellt dann die Frage, inwiefern das Social Web „neuartige Formen von Gegenöffentlichkeit“ erlaubt. Weiterlesen