Schlagwort-Archive: Erzählung

Berlin | Provinz. Notizen zu „Echtleben“ von Katja Kullmann

Katja Kullmann, in Berlin lebend und nach eigener Aussage Tochter eines Versicherungskaufmanns aus der Nähe von Frankfurt am Main, beschreibt in ihrem neuen Buch „Echtleben“ Berlin als eine „Erfindung“, die „forterzählt“ wird und dabei jedes „aufgeweckte“ Kind der Mittelschicht zwischen 15 und 45 anzieht. Kullmann vermutet, dass ein nicht geringer Teil dieser Leute teils oder ganz vom Geld der Eltern lebt, sodass ein bestimmtes „Berlin“ eine von Eltern subventionierte Fiktion ist. Das hierfür notwendige Geld wird dabei von den Eltern in traditionellen, scheinbar wenig schillernden Berufen in der ebenso wenig interessanten Provinz erworben. Provinziell ist dabei alles, was nicht Berlin ist. Weiterlesen

Biedermänner, Brandstifter und Karrieristen. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 2)

Der folgende Beitrag ist die zweite Lieferung meiner Erörterung des Buchs „Die Erfindung des Ich: Eine Theorie der Identität„von Jean-Claude Kaufmann, in der ich Kaufmanns Argumentation zusammenfasse und bezogen auf einige mir interessant erscheinende Themenbereiche diskutiere. Im folgenden werde ich kurz meine erste Lieferung zusammenfassen, um mich dann ausführlich Kaufmanns drittem Teil zu widmen. Kaufmann überträgt hierin seine Überlegungen zum Identitätsprozess auf die Gesellschaft, auf ihre Milieus und Phänomene. Unter der Überschrift des klassischen Dreiklangs „Voice, Exit and Loyality“ seziert Kaufmann individuelle und kollektive Verhaltensmuster, die quer durch alle Schichten in unterschiedlicher Form und Ausprägung zu Tage treten. Weiterlesen

Das kreative Ich auf der Suche nach Anerkennung. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 1)

Der folgende Beitrag ist eine Erörterung Jean-Claude Kaufmanns Buch „Die Erfindung des Ich: Eine Theorie der Identität„, in der ich Kaufmanns Argumentation zusammenfasse und bezogen auf einige mir interessant erscheinende Themenbereiche diskutiere. Weiterlesen

Bio Fiction*. Bei Bewerbungsprosa sollte man weder zweifeln noch sich schämen.

Anna-Maria Müller schreibt in Ihrem Blog über die Konjunktur der „Motivationsschreiben“ im Hinblick auf Bewerbungsverfahren für Masterstudiengänge und bei anderen Gelegenheiten.

„ständig wollen Menschen ein Motivationsschreiben von mir. […] Mittlerweile verdiene ich mein Geld mit Textarbeit und unterstütze allerlei Freunde & Bekannte, aber auch AuftraggeberInnen bei den eigentümlichen Worten zur Selbstlobpreisung. Gerade ist wieder Bewerbungsfrist für die Masterstudiengänge zum kommenden Wintersemester – dementsprechend hatte ich in letzter Zeit wieder mehrere Exemplare zur semi‑öffentlichen Selbstbeweihräucherung auf dem Schreibtisch bzw. in der Mailbox. Und, ja, es ist ein elender Prozess. Besonders, wenn man den Schrieb selbst aufsetzt […] Im schlimmsten Fall bringt einen das […] gar in Selbstzweifel und Nöte, zu denen ohne diese Schikane durch Lebenswegentscheider gar kein Anlass bestünde…“

Mein flux hingeworfener Kommentar wurde von ihrem Blog unsanft abgeschnitten. Hier nochmal das Textlein in voller Länge. Was ich also sagen wollte: Weiterlesen

Networking. Zusammenfassung einer Lektüre gleichnamiger Ratgeberliteratur und weiterführende Überlegungen.

Ich besitze schon ziemlich lange ein Konto bei XING. Warum eigentlich? Was soll ich denn mit diesem XING-Konto anfangen? Ist es klug, sich dort auf eine mögliche Selbsterzählung festzulegen? Und wer ist denn der Typ auf dem Bild da, für das ich mich hadernd entschieden habe? Nachdem das Thema XING wie auch andere Überlegungen zum Thema „Netzwerken“ auch im meinem Bekanntenkreis Wellen schlagen, habe ich zur Beantwortung solcher und anderer Fragen meine Vorurteile über Ratgeberliteratur vorübergehend beurlaubt und mir eine Stichprobe aktueller Networking-Literatur zusammengestellt. Ich habe mich bei der Auswahl bemüht, anekdotische Abhandlungen, Benutzerhandbücher für Online-Communities und dergleichen auszulassen. Herausgekommen ist nun folgender kurzer Literaturbericht, in dem ich mich bemühe, die Essenz des „Networkings“ zusammenzufassen. Hieran schließe ich ein paar weiterführende Fragen, Überlegungen und auch ein paar Kritikpunkte an. Weiterlesen

Bircken, Margrid: Victor Klemperers autobiografisches Schreiben. Zwischen Selbstdeutung und Chronistenzwang.

Bircken, Margrid: Victor Klemperers autobiografisches Schreiben. Zwischen Selbstdeutung und Chronistenzwang. In: Siehr, Karl-Heinz (Hg.): Victor Klemperers Werk. Texte und Materialien für Lehrer. Berlin 2001

[Exzerpt]

Anlass

Im vergangenen Jahr habe ich die Tagebücher Victor Klemperers von 1933 bis Spätsommer 1945 gelesen. Durch die Auseinandersetzung mit der Kunst und Technik des Erzählens mittels des Neuen Funkkollegs des Hessischen Rundfunks und seines Begleitbandes, herausgegeben von Mentzer und Sonnenschein, bin ich für die Selbsterzählung als einer – wenn nicht der – Quelle des Erzählens sensibilisiert worden.

Beim Packen von Umzugskisten bin ich nun auf das Sammelwerk von Siehr gestoßen, indem sich Margrid Bircken mit Klemperers autobiographischem Schreiben als solchem beschäftigt. Weiterlesen

Das Problem der Kontrolle von Information bei der Konstruktion von Identität und Reputation im Internet

Am 9.11.2007 erscheint in der Leipziger Volkszeitung der bei der Deutschen Presseagentur gekaufte Artikel „Die Lust am Ausgoogeln“ von Tobias Schormann. Darin thematisiert Schormann Gefahren für die Karriere und andere persönliche Beziehungen durch Informationen, die über das Internet und insbesondere durch Google über einen selbst verfügbar werden. Es gehe um den Leumund im Netz. Um „unliebsame Internet-Altlasten in den Treffern einer Suchanfrage weiter auf den hinteren Plätzen verschwinden zu lassen“, gäbe es sogar schon Dienstleister wie Myon-ID in Köln, die „Reputationsmanagement“ anbieten. Gleichzeitig gibt Schormann Hinweise, wie man mehr über Menschen im Internet erfährt: Indem man Communities wie Xing.com oder Studivz.net durchsucht oder in google nach einmal bekannt gewordenen Spitznamen (Nicknames) oder Emailadressen der Gesuchten sucht. Weiterlesen

Notizen zu Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst

Ehrenberg, Alain: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt a.M. 2004

[Exzerpt]

Ehrenberg geht in seiner Untersuchung der Geschichte der Depression auf die 1980er und 1990er Jahre ein, wobei er die „Störung der Stimmung“ und die „Störung des Handelns“ unterscheidet. Ehrenberg geht in seinem Buch u.a. auf die Produktion von Psychopharmaka und – damit verbunden – auf die wirtschaftliche und politische Dimension der Depression ein.

Die Depression der 1980er Jahre hängt laut Ehrenberg mit der Suche nach eigener Authentizität und dem Bedürfnis zusammen, wahrgenommen werden zu wollen.

Das Jahrzehnt der 1990er Jahre „bringt auch in anderer Hinsicht Neuerungen: Es handelt sich nicht lediglich darum, man selbst zu werden, sich auf die Suche nach seiner Authentizität zu machen, man muss auch selbstständig sein und sich dabei auf seine eigenen Antriebe stützen.“ (197) In der Fussnote vermerkt Ehrenberg hierzu noch: „Selbstdarstellung ist auf jeden Fall anspruchsvolle Arbeit und erfordert besondere Kompetenzen“ (vgl. hierzu „Thomä, Dieter: Erzähle Dich selbst„)

Charakteristisch für die Depression ist nun nicht mehr die Störung der Stimmung, sondern die Störung des Handelns. Die Therapien zielen daher darauf ab, das Handeln wieder herzustellen und auf diese Weise die Stimmung zu heben:

„Die Therapien wollen das Individuum wieder handlungsfähig machen und dadurch seine Stimmung verbessern. Die Unsicherheit der Identität und das gehemmte Handeln sind […] die beiden Gesichter der Depression am Ende des 20. Jahrhunderts. Die Depression verkörpert also nicht nur die Leidenschaft, man selbst zu sein und die Probleme, die damit einhergehen, sondern auch die Forderung nach Initiative und die Schwierigkeit, ihr nachzukommen. Wie das Handeln beginnen?“ (199, siehe hierzu auch Jean-Claude Kaufmanns „Die Erfindung des Ich.„)

Diese Forderung nach Initiative unterstreicht Ehrenberg, indem er darauf hinweist, dass sich diese Forderung nach Initiative an Menschen richtet, die in ihrer Sozialisation bislang auf Gehorsam und Gefolgschaft eingestimmt worden sind:

„Jeder muss selbstständig sein, muss seine Affekte mobilisieren, statt äußeren Regeln zu entsprechen. Diese Normativität impliziert ein anderes Innenleben, einen anderen Körper, als die Norm der Disziplin in forderte.“ (199) Und an anderer Stelle: Die „Individualisierung [erzeugt] neuen Druck auf das Individuum, das sich nun dort auskennen muss, wo es früher nur gehorchte.“ (217)

Ehrenberg beschreibt die Ursachen dieser Individualisierung, zu denen unter anderem ein Wandel der Arbeitsorganisation zählt. So hat die Wirtschaftswissenschaft der 80er Jahre die Emanzipationsbewegung der 70er Jahre umgenutzt. Die Kosten externer Kontrolle können gespart werden, weil das nach den Werten der Selbstentfaltung und Eigenverantwortung strebende Individuum sich selbst kontrolliert.

Das Individuum wird so zum einzigen Ursprung und Verantwortlichem des Handelns. Die Forderung nach mehr Engagement in der Arbeitswelt geht einher mit größerer Verunsicherung. Denn zugleich wird in der Schule noch immer Selektion nach den alten Mechanismen der Unterordnung und Anpassung praktiziert.

„Es geht nicht mehr um Gehorsam, Disziplin und Konformität mit der Moral, sondern um Flexibilität, Veränderung, schnelle Reaktion und dergleichen. Selbstbeherrschung, psychische und affektive Flexibilität: Jeder muss sich beständig an eine Welt anpassen, die eben ihre Beständigkeit verliert“ (222)

Siehe auch:

Elisabeth von Thadden: Der Souverän dankt ab.
Die Seele kann nicht mehr. Der Soziologe Alain Ehrenberg analysiert, wie im 20. Jahrhundert die Erschöpfung zur Massenerkrankung wurde

Eine Zusammenstellung weiterer Rezensionen hier: http://www.single-generation.de/frankreich/alain_ehrenberg.htm

Schneider, Michael: Erzählen im Kino.

In: Schneider, Michael: Vor dem Dreh kommt das Buch – ein Leitfaden für das filmische Erzählen. Gerlingen 2001

[Exzerpt, Seitenzahlen nach Mentzer/Sonnenschein (Hg): „Die Welt der Geschichten“]

Nach Schneider geht der Ansatz, Filme als „mythische Erzählungen“ zu begreifen auf Thomas Schlesinger, Keith Cunningham und Christopher Vogler zurück und ist ein „Handwerkszeug des Storytelling“ in Filmschulen der USA. (siehe 332)

Es handelt sich dabei um eine „äußerst flexible Vorlage, die vielfache Variationen, Abwandlungen, auch Weglassungen zulässt“ und an dem man die „dramatische Struktur des eigenen Drehbuchs überprüfen, verbessern und vertiefen kann.“ (333)

Im Mittelpunkt steht der Held, der eine Reise unternimmt. Diese Reise ist „immer auch eine Reise nach innen; eine Reise, bei der der Held wächst, reift, sich verändert und zu einem neuen Selbst findet.“ (333)

Die Reise beginnt in einer „Oberwelt mit einem ganz bestimmten Bewußtseinszustand“ und verläuft dann in einer „Zwischen- und Unterwelt, die symbolisch für die eigene unterbewußte Welt steht.“ (333) Dabei begegnet der Held seinen Ängsten, Selbsttäuschungen, verborgenen Wünschen und Kräften, muss sich Prüfungen stellen und muss von einem idealisierten Selbstbild oder von einem anderen Abschied nehmen.

„In der äußersten Prüfung erleidet er einen Beinahe- oder symbolischen Tod, um als Verwandelter wiedergeboren zu werden.“ (333) Der „tiefere Sinn der mythischen Resie ist das ‚Erkenne Dich selbst!“ (334)

Schneider weist darauf hin, dass dieser Aspekt entscheidend für die Qualität des Films ist. Es gilt nicht nur den Schatz o.ä. zu finden, sondern, sich hierüber zu verwandeln. (siehe 334)

Laut Schneider ergibt sich aus der Reise der Dreischritt Aufbruch, Reise und Rückkehr.

Am Anfang steht die gewöhnliche Welt, deren Darstellung den Ausgangspunkt verständlich macht. Hier wird zumeist auch das Problem des Helden, seine „Achillesverse“ sichtbar, die im Rahmen der Rückkehr geheilt werden wird. Auch enthält die gewöhnliche Welt eine Schlüsselerfahrung, die den Helden zum Aufbruch bewegt. Durch eine unerwartete Begebenheit im Alltagsleben, dem „Katalysator, der die Story in Gang bringt“; durch die Berufung kommt es zum Aufbruch. Unterschieden wird dabei want und need. Das vordergründige Ziel ist der want, das innere Ziel des Helden sein need. Letzteres ist „das Bedürfnis, sich selbst, die eigenen Kräfte, verborgenen Möglichkeiten und Grenzen oder das Geheimnis eines geliebten oder gefürchteten Anderen kennenzulernen. Der Aufbruch wird dann zumeist noch durch die Weigerung des Helden verzögert, der den Aufbruch scheut, weil er die bevorstehendeVerwandlung ahnt. Auch wird ihm ein Mentor an die Seite gegeben. „Oft hat der Mentor, der Weise, die Reise ins Unbekannte, die dem Helden bevorsteht, bereits hinter sich. Er kennt ihre Gefahren und kann durch Ratschläge oder magische Requisiten beistehen. Doch kann er den Helden meist nur die ersten Schritte auf seiner Reise begleiten […] Die Schwelle zum Unbekannte muß er allein überschreiten.“ (338f)
Das „überschreiten der ersten Schwelle“, der „1. Wendepunkt“, ist die erste Probe, die der Held besteht und deren bestehen im bewusst macht, dass er auch weitere Proben bestehen kann. Gleichzeitig begegnet der Held fortan „verdrängten, verleugneten und abgespaltenen Erfahrungen, Ängsten und Komplexen der eigenen Psyche“ (339) [interessant hier auch der Gedanke, dass man ebensolchen Erfahrungen und Ängsten der Anderen begegnen kann] In der Folge besteht der Held weitere Proben, durch die er Verbündete gewinnt und seine Feinde – ihre Stärken und Schwächen – kennen lernt. Dem 2. Wendepunkt näherst sich der Held in der „Annäherung an die geheimste Höhle“ in Form der „unmittelbaren Nähe des gefährlichen Ortes“: „Indem er diesen furchterregenden Ort, den Ort seiner größten Angst, betritt, überschreitet der Held eine zweite wichtige Schwelle“, wobei er bereits eine Wandlung durchgemacht hat. „Er kann den bevorstehenden Kampf, die äußerste Prüfung nur bestehen, wenn er zu einem annähernd wahren Bild seiner selbst gelangt ist, seine Kräfte und Grenzen richtig einschätzt, sich nichts mehr vormacht. Er hat keine Wahl, entweder er wächst oder er stirbt.“ (341) Die Äußerste Prüfung ist dann der Moment des Kampf, in dem es um Leben und Tod geht. Der Held „lässt seine Ängste hinter sich und durchbricht alles, was ihn bisher begrenzt hat.“ (342) In diesem „schwarzen Moment“ macht der Held eine „Todeserfahrung durch, die zu seiner Wiedergeburt führt.“ (342)

„In der äußersten Prüfung liegt eine der wichtisten Ursachen für die Magie des heldischen Mythos. Das bisherige Geschehen hat uns dazu gebracht, uns mit dem Helden zu identifizieren; was ihm geschieht, geschieht auch uns. Nun erleben wir mit ihm gemeinsam diesen hochdramatischen Augenblick der Todesnähe, wo es um alles oder nichts geht – und danach seine Auferstehung und Wiedergeburt.“ (342)

An diesen Moment schließt sich dann die Belohung an, wobei der Schatz immer auch einen „neuen Bewußtseinszustand des Helden“ repräsentiert. (343). Im Verlauf der Rückkehr ist der Held ein letztes Mal der Macht seiner Feinde ausgeliefert, die Rache nehmen wollen. Weil der Held heil und unbeschadet zurückkehren muss – “denn von seiner Rückkehr hängt die Rettung […] der Welt ab“ – sind letzte Hindernisse zu überwinden, die die Tatsache der Verwandlung sicherstellen. Diese veranschaulichen die Reinigung, Katharsis und/oder Auferstehung in Form einer Abschlussprüfung in der sich der Held als Verwandelter zeigt und das Gelernte zur Anwendung bringt. Die Rückkehr mit dem Schatz kann als glückliche Heimkehr oder als symbolische, gedankliche oder faktische Rückkehr an den Ursprung geschehen. Dabei ist er um die Erfahrungen in der Unterwelt reicher geworden und erkennbar Herr zweier Welten geworden. (siehe 345f)

Genette, Gérard: Erzählung und Diskurs.

In: Genette, Gérard: Die Erzählung. München 1998

[Exzerpt. Seitenzahlen aus Mentzer/Sonnenschein (Hg): Die Welt der Geschichten]

Genette unterscheidet drei unterschiedliche Bedeutungen oder Ebenen des Erzählens bzw. des Begriffs der Erzählung.

  1. Erzählung als Narratiion bzw. „narrative Aussage […], die von einem Ereignis oder einer Reihe von Ereignissen berichtet“
  2. Erzählung als Abfolge der „realen oder fiktiven Ereignisse, die den Gegenstand dieser Rede ausmachen, und ihre unterschiedlichen Beziehungen untereinander“ (117)
  3. Erzählung als Ereignis, „das darin besteht, dass jemand etwas erzählt.“ (118)

Genette schlägt folgende Begriffe vor:

Zu 1.) die Geschichte
Zu 2.) die Erzählung (der Aussage, des narrativen Textes)
Zu 3.) die Narration (als dem produzierenden narrativen Akt)

Geschichte und Narration existieren nur „vermittelt“ durch die Erzählung. Die Erzählung wiederum braucht eine Geschichte. Und sie braucht jemanden, der sie erzählt.

Im Nachgang dieser Begriffsklärung und Differenzierung fokussiert Genette dann auf die Frage, wer spricht bzw. wer sieht. Denn dies wirft die Frage nach dem Blickwinkel des Erzählenden auf, dem Fokus oder Point of View. Genette benutzt hierbei den Begriff der Fokalisierung.

Benjamin, Walter: Das Verschwinden des Erzählens.

In: Der Erzähler – Betrachtungen zum Werk Nikolai Leskows. In: Benjamin, Walter: Illuminationen. Frankfurt a.M. 1961

[Exzerpt. Seitenzahlen aus Mentzer/Sonnenschein: Die Welt der Geschichten]

Benjamin diskutiert das Verschwinden des Erzählens als einem Schwinden des „Vermögen, Erfahrungen auszutauschen“. (88)

„Erfahrung, die von Mund zu Mund geht, ist die Quelle, aus der alle Erzähler geschöpft haben.“ (89)

Benjamin unterscheidet als Erzähler den „sesshaften Ackerbauern“ und den „handeltreibenden Seemann“.

Der geborene Erzähler hat nach Benjamin orientiert sein Erzählen an einem praktischen Interesse, bspw. der Vermittlung einer praktischen Anweisung, einer Moral, einem Sprichwort oder einer Lebensregel.

„Wenn ‚Rat wissen’ heute altmodisch im Ohre zu klingen anfängt, so ist daran der Umstand schuld, dass die Mittelbarkeit der Erfahrung abnimmt. Infolge davon wissen wir uns und anderen keinen Rat. Rat ist ja minder Antwort auf eine Frage als ein Vorschlag, die Fortsetzung einer […] Geschichte angehend. Um ihn einzuholen, müsste man sie zuvörderst einmal erzählen können (Ganz davon abgesehen, dass ein Mensch einem Rat sich nur soweit öffnt, als er seine Lage zu Wort kommenlösst.) Rat, in den Stoff gelebten Lebens eingewebt, ist Weisheit. Die Kunst des Erzählens neigt ihrem Ende zu, weil die epische Seite der Wahrheit, die Weisheit, ausstirbt.“ (91)

Infolgedessen ist laut Benjamin die „Geburtskammer des Romans […] das Individuum in seiner Einsamkeit, das sich über seine wichtigsten Anliegen nicht mehr exemplarisch auszusprechen vermag, selbst unberaten ist und keinen Rat geben kann.“ (92)

Benjamin führt aus, dass die Presse zu den wichtigsten Instrumenten der Herrschaft des Bürgertums gehört. (vgl. Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit) Diese enthält eine „Form der Mitteilung“, die der Erzählung „viel bedrohlicher als der Roman“ gegenüber tritt: die Information.

„Die Kunde, die aus der Ferne kam – sei es die räumliche fremder Länder, sei es die zeitliche der Überlieferung -, verfügte über eine Autorität, die ihr Geltung verschaffte, auch wo sie nicht der Kontrolle zugeführt wurde. Die Information aber macht den Anspruch auf prompte Nachprüfbarkeit“ (95)

Die Information ist nicht unbedingt exakter als die Kunde, aber sie tritt von vornherein als „an und für sich verständlich“ auf und setzt an die Stelle des Zaubers der Wunderbarkeit die Plausibilität. Infolgedessen erreicht uns „keine Begebenheit mehr […], die nicht mit Erklärungen schon durchsetzt wäre.“ (94)

Schließend bemerkt Benjamin: „Es ist schon die halbe Kunst des Erzählens, eine Geschichte, indem man sie wiedergibt, von Erklärungen frei zu halten.“ (94) Indem das Außerordentliche detailliert erzählt, aber nicht die Zusammenhänge aufgedrängt werden, „erricht das Erzählen eine Schwingungsbreite, die der Information fehlt.“ (94)

Frey, James N.: Was ist eine Geschichte?

In: Frey, James N.: Wie man einen verdammt guten Roman schreibt. Köln 1993

[Exzerpt. Seitenzahlen aus Mentzer/Sonnenschein: Die Welt der Geschichten]

„Eine Geschichte ist eine Schilderung von folgenschweren Ereignissen, an denen bemerkenswerte menschliche Figuren beteiligt sind, die sich infolge dieser Ereignisse verändern.“ (71)

Frey leitet dies im einzelnen her: Geschichte als Schilderung von Ereignissen wird erst lesenswert, weil die Ereignisse interessant sind. Von Interesse sind die Folgen. Ereignisse sind eben genau dann interessant, wenn sie folgenreich sind bzw. überhaupt Folgen haben. Darüberhinaus aber erweckt eine Schilderung folgenschwerer Ereignisse nur dann Aufmerksamkeit, wenn diese Folgen interessante menschliche Figuren betreffen, die „unsere Aufmerksamkeit verdienen“.

Man könnte aus Frey folgendes Schaubild folgern: Menschen sind mit Eigenschaften ausgestattet, die sie identifizierbar machen. Zum Beispiel Gefühle, Erwartungen, Ängste, Lebensformen, Beziehungen usw. Ereignisse haben nun Effekte, die mit diesen Attributen in einer Wechselwirkungsbeziehung stehen:als Konsequenzen für diese Attribute. Die sich wandelnde Umwelt nötigt die Figuren dadurch zum Handeln, das neue Ereignisse mit neuerlichen Konsequenzen mit sich bringt.

Bausteine einer Geschichte

Abbildung: Eigene Darstellung

Freud, Sigmund: Der Dichter und das Phantasieren.

In: Neue Revue (Berlin) Bd.1 1907/08, H.10, S.720-724

[Exzerpt. Seitenzahlen aus: Mentzer/Sonnenschein]

„Das Gefühl der Sicherheit […] an diesem verräterischem Merkmal der Unverletzlichkeit erkennt man ohne Mühe – Seine Majestät das Ich, den Helden aller Tagträume wie aller Romane, den Helden aller Tagträume wie aller Romane.“ (67)

Der Tagtraum ist „Fortsetzung und Ersatz des einstigen kindlichen Spielens“. (69)

Freud weist darauf hin, dass der Tagträumer „seine Phantasien vor anderen sorgfältig verbirgt, weil er Gründe verspürt, sich ihrer zu schämen.“ (69)
Für gewöhnlich würde die Preisgabe dieser Tagträume auch tatsächlich eher Distanz schaffen. Nicht so beim Dichter, bei dessen Erzählung Lust empfunden werde, die „aus vielen Quellen“ zusammenfließe.

„Wie der Dichter das zustande bringt, das ist sein eigenstes Geheimnis; in der Technik der Überwindung jener Abstoßung, die gewiß mit den Schranken zu tun hat, welche sich zwischen jedem einzelnen Ich und den anderen erheben, liegt die eigentliche Ars poetica.“

Freud sieht dabei zwei Techniken, wie dies gelingt: Erstens die Abänderung und Verhüllung des Charakter des egoistischen Tagtraumes als solchem und zweitens die Erzeugung von Lust durch die Ästhetik der Darstellung.

Vor allem letzteres führt Freud dann zum Schlussfolgerung seines Aufsatzes. Der Dichter verschachtelt durch formale und ästhetische Mittel den Lustgewinn, sodass das Lesen zu einer Art Streben von Lust zu Lust ist – und zwar von der Lust am Gelesenen zur Lust am im eigenen Ich ruhenden.

„Man nennt einen solchen Lustgewinn, der uns geboten wird, um mit ihm die Entbindung größerer Lust aus tiefer reichenden psychischen Quellen zu ermöglichen, eine Verlockungsprämie oder eine Vorlust. Ich bin der Meinung, dass alle ästhetische Lust, die uns der Dichter verschafft, den Charakter solcher Vorlust trägt und das der eigentliche Genuß des Dichtwerkes aus der Befreiung von Spannungen unserer Seele hervorgeht.“ (70)

Freud vermutet, dass der Dichter uns „in den Stand setzt, unsere eigenen Phantasien nunmehr ohne Vorwurf und ohne Schämen zu genießen.“ (70)

Salmon, Christian: Eine gute Story – Die Macht ist mit dem, der die beste Geschichte erzählt.

In: Le Monde diplomatique Nr.8122 vom 10.11.2006

[Exzerpt. Mentzer/Sonnenschein: Kapitel 1: „Wirkungen des Erzählens“]

Salmon verweist auf den Professor für Publizistik Evan Cornog, demzufolge „die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, heute eine wesentliche Voraussetzung für eine Führungsposition in Amerika“ ist. (266) Das „Storytelling“ entand laut Salmon als „eine neue Schule der Unternehmensführung in der Betriebswirtschaft“ und hat sich von dort auch in die Politik hinein verbreitet – bspw. ín die Präsidentschaftswahlkämpfe. Als einen der „Gurus“ des Geschichtenerzählens nennt Salmon Steve Denning („A Fable of Leadership Through Storytelling“ 2004 und „How Narrative and Storytelling Are Transformating 21st Century Management“) Denning bezieht sich dabei auf Roland Barthes.

Die gute Geschichte ist der Schlüssel zum Herzen der Menschen, so Salmon unter Berufung auf Drehbuchautor Robert McKee. Auch der Erfolg im Bereich der Werbung um Kapitalgeber für Firmenprojekte hänge davon ab, ob die Unternehmer mit ihren Exposés eine gute Geschichte erzählen könnten. (270)

„Es ist viel einfacher, ein Produkt oder eine Dienstleistung zu verkaufen, indem man eine Erfolgsgeschichte erzählt, statt das Produkt und seine Vorzüge zu beschreiben. Die Leute hören nun mal gern Geschichten“. (271)

„Erzählen heißt immer auch: Informationen und Erfahrungen mitteilen, Praktiken und Kenntnisse etablieren, Inhalte, Redeweisen und Beziehungen formalisieren.“ (271)

Richard Sennett beklagt laut Salmon ein mangelndes Interesse der Soziologie für das Erzählen von Lebensgeschichten.

„Laut Sennett zersetzt der moderne Kapitalismus in seinen Institutionen ‚verständliche und vorhersehbare Langzeitstrukturen’ und beraubt die Arbeitenden der Sinnstiftung und Kontinuität. ‚Wir müssen verstehen, wie das Individuum mit dieser Sinnleere umgehen und sie füllen kann.’ Eine Erzählung des eigenen Arbeitslebens kann unter anderem auch ‚ein Mittel der emotionalen Selbstverteidigung’ sein. Denn der neue Kapitalismus, so Sennett, ist ein wertneutrales und in sozialer wie psychologischer Hinsicht weniger vielversprechendes System als der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts’. In diesem Kontext der Deregulierung und wirtschaftlichen Unsicherheit ‚geht es für die Interpretation des eigenen Lebens immer darum, aus unzusammenhängenden Bruchstücken von Arbeitserfahrungen eine erzählerische Arbeitsbiographie zu entwickeln.“ (272f)

(vergleiche: Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst)

Salmon weist sodann auf das Risiko der Manipulation mittels Geschichten hin. Es stelle sich die Frage, nach welchen Geschichten sich politische Entscheidungen richteten.

„In den Studios des Reality-TV, an den Konsolen der Videospiele, auf den Sichtfeldern von Mobiltelefonen und auf Computerbildschirmen, in unseren Schlafzimmern und Autos könnte das tägliche Leben bald in einen erzählerischen Kokon eingesponnen sein, der unsere Wahrnehmungen filtert, unsere Affekte stimuliert, unsere sensorischen Reaktionen strukturiert und nur noch das zulässt, was als ‚narrativ hergeleitete Erfahrung’ gelten kann.“ (275f)

Salmon zufolge belegt die „rasante Verbeitung von Blogs […] die Begeisterung für das Geschichtenerzählen“. Die Menschen wollten sich allerdings nicht an den „wichtigen öffentlichen Debatten“ beteiligen, sondern vor allem „ihre Geschichte“ erzählen.

Salmon sieht Blogger mit dem Titel einer Studie des Pew Center als „neue Interneterzähler“:

„Es reicht nicht mehr, man selbst zu sein. Man muss zu seiner eigenen Geschichte werden. Du bist Deine Story.“ (276)


Anmerkung: Indem jemand seine Geschichte erzählt und die hierzu notwendige Selektions- und Konstruktionsleistung erbringt, wird er sich zugleich mit dem Kontext seiner Handlung, also mit seiner Umwelt befassen müssen. Ich vermute, dass die Auseinandersetzung mit sich selbst immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt bedeutet und dass diese notwendige Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt und die bewusste Konstruktion einer eigenen Rolle in dieser reflektierten Umwelt immer auch zu einer kritischen Einschätzung dieser Umwelt und der Prüfung der in dieser Umwelt möglichen und notwendigen Handlungen führt.

Thomä, Dieter: Erzähle Dich selbst – Lebensgeschichte als philosophisches Problem.

München 1998

[Exzerpt. Mentzer/Sonnenschein: Kapitel 5: „Geschichte und Geschichten“]

Thomä vergleicht den Imperativ „Erzähle Dich selbst“ mit dem des „Erkenne Dich selbst“. Sich mit sich selbst zu befassen bedeute „aufdringliche Nähe“ und „demnach Schwierigkeiten“. Dies beginne zum einen mit allgemeinem Materialmangel und zum anderen mit der Unzugänglichkeit einer Außenwahrnehmung durch Dritte. Es bringe jedoch das Privileg des Zugang zu unveröffentlichen Gedanken und Gefühlen mit sich. Dieses Privileg zwinge jedoch Drittens zur Selektivität (Fussnote 1) , um der Heimsuchung der Erinnerungen Herr zu werden.. Viertens komme es immer zu einer „Verspätung im Umgang mit dem eigenen Leben“. Denn dies bringe die „Unmöglichkeit“ mit sich, „das eigene Leben als abgeschlossenen Gegenstand vor sich zu bringen“. (234) (Fussnote 2, 3)

Thomä betont, dass es also „die Erkenntnis des eigenen Lebens“ nicht gibt und man also höchstens den Anspruch haben kann, für das, was man von sich behauptet, „Belege“ aufbieten zu können.

Es stellen sich zwei Fragen: 1) Was spricht für die Aufrichtigkeit von Behauptungen über sich selbst? 2) Was muss man beim Entwurf eines zutreffenden Bilds von sich selbst beachten?

Die Aufforderung „Erzähle Dich selbst“ als Sonderform des „Erkenne Dich selbst“ enthält Thomä zufolge eine „bestimmte Unterstellung über die Form des Lebens“ Thomä schließt die Frage an, „in welcher Weise die Erzählung im Leben angebracht ist. (235) Er weist darauf hin, das Erzählen anders als das sich erkennen kein Problem mit Fiktion hat. Und er zitiert hierzu: „Es ist nicht selten, dass „einer, / bis zur Wahrheit, durchs Erzählen / Zu solchem Sünder sein Gedächtnis macht, / dass es der eignen Lüge traut“.

Die Grenze zwischen dem Erkennen und dem Erzählen liegt in der Selektionsleistung. Denn das „von sich erzählen“ schließt die Notwendigkeit des „von sich schweigen“ ein. „Bei der Entscheidung, was denn nun zu erzählen sei, wird man von den Kriterien, die für das Erkennen gelten, im Stich gelassen.“ (237)

Daher: Das „narrative Bemühen“ bleibt „Ermessenssache“, wobei man ein „starkes Interesse“ daran haben kann, sich „nicht selbst auf einen Holzweg zu führen, nichts vorsätzlich zu verhehlen oder zu entstellen.“ Thomä betont: „Dass heißt aber auch, dass man es darauf anlegen kann, sich sein Leben erzählerisch zurechtzumachen.“ (237)

Mit Thomä gesagt: „Ich […] erzähle die Geschichte einer Figur“. […] Ich stelle heraus, was mir an mir wichtig ist, charakterisiere mich als eine Figur, die mit den Haltungen, die ich ihr zuschreibe, auch leitend ist für mein gegenwärtiges und zukünftiges Handeln. […] An die Stelle […] [der] Fülle des eigenen Lebens, tritt nun mehr die Unternehmung, mich als eine bestimmte Figur zu zeichnen.“ (239)

Die „Rede von mir selbst“ ist Thomä zufolge eine „Verwachsenheit mit der Figur, von der ich erzähle“ (ebd.)


1) vgl. in diesem Zusammenhang das Vorwort von Mentzer und Sonnenschein: Die Fertigkeit, sich selbst zu erzählen, ist also aufgrund der hier begründetermaßen notwendigen Selektivität immer schon die Produktion einer Fiktion!

2) Hier liefert Thomä eine schöne Begründung, warum das Postulat der Selbstführung bspw. in Fragen der Auswahl des Bildungs- und Berufsweges kaum erfüllbar ist.

3) Im Anschluß an diese Selektionsleistung ist der Artikel von Tobia Schormann „Die Lust am Ausgoogeln“ (dpa) zu diskutieren. Denn beim ausgoogeln handelt es sich m.E. auch um eine solche Selektionsleistung. Schormann empfiehlt Informationskontrolle, d.h. Zensur dessen, was über einen selbst öffentlich bekannt und verfügbar wird. Dem könnte man das Konzept der „proaktiven“ Kommunikation gegenüberstellen, d.h. die Strategie, der irgendwie in der Umwelt entstandenen Geschichte und Deutung der eigenen Geschichte einen eigenen, geschlossenen Entwurf einer Geschichte und deren Deutung gegenüber zu stellen.

Heißenbüttel, Helmut: 13 Sätze über Erzählen 1967.

In: Arnold, Heinz Ludwig; Buck, Theo (Hg.): Positionen des Erzählens. München 1976

[Exzerpt. Mentzer/Sonnenschein: Kapitel 1: „Aus erster Hand“]

„Wer den Mund auftut, muss weiter. Wer den Mund aufgetan hat, kann wiederholen. […] Repitition als Motor. Erzählung als Reproduktion eines Vorgangs im Reproduktionsmedium.“ (62)

An anderer Stelle weiter: „Die Entwicklung eines philosophischen Gedankens oder einer wissenschaftlichen Ableitung ist auch Erzählung“ (62)

Und: „Erzählen braucht Zeit im Sinn von Uhrzeit. Im Medium wird Zeit im Sinn von Uhrzeit verbraucht.“ (63)

James, Henry: Die Kunst des Romans.

Ausgewählte Essays zur Literatur. Berlin 1984

[Exzerpt]

„Ein Roman ist […] ein unmittelbarer Eindruck vom Leben […] Es wird überhaupt keine Intensität und folglich keinen Wert geben, wenn es nicht die Freiheit gibt, zu fühlen und zu sagen.“ (38)

„Es versteht sich von selbst, dass du keinen guten Roman schreiben wirst, wenn du nicht einen Sinn für die Wirklichkeit besitzt, aber es wird schwer sein, dir ein Rezept dafür zu geben, jenen Sinn ins Leben zu rufen.“ (39)

James plädiert für das Schreiben aus der Erfahrung (siehe 39) Jedoch weist er darauf hin, dass sich die Frage stellt, „welche Art Erfahrung“ gemeint ist.

„Das Vermögen, das Ungesehene aus dem Gesehenen zu erraten, dem nachzuspüren, was den Dingen innewohnt, das Ganze von einem Teil her zu beurteilen, die Vorbedingung, das Leben im allgemeinen so vollständig zu empfinden – dass du schon weit vorangekommen bist, wenn du irgendeinen Winkel davon kennst -, diese Traube von Gaben mag beinahe als das angesprochen werden, was Erfahrung ausmacht, den verschiedensten Bildungsstufen. Wenn Erfahrung aus Eindrücken besteht, könnte man sagen, dass Eindrücke Erfahrung sind, so wie sie […] die reine Luft sind, die wir atmen.“ (39f)

Widmer, Urs: Reisen und Erzählen.

In: Widmer, Urs (Hg.): Die sechste Puppe im Bauch der fünften Puppe im Bauch der vierten. Zürich 1995

[Exzerpt. Mentzer/Sonnenschein: Kapitel 1: „Aus erster Hand“]

Widmers Text „Reisen und Erzählen“ erscheint mir aus zwei Gründen interessant: Erstens ist Mobilität und mein hierzu empfundener Widerwille ein Motiv meiner Biographie. Zum anderen begründet Widmer eine bestimmte Qualität des Reisens als quelle der Erfahrung: Die Langsamkeit und die persönliche Anwesenheit.

Widmer verweist auf die Wanderungen berühmter Persönlichkeiten der Geschichte und fügt hinzu: „Der Kern der Bedeutung allen Reisens […] ist die Utopie. Der Entwurf von etwas ganz anderem. Die Hoffnung, die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Nach besseren Bedingungen. Nach Glück. Die Sehnsucht der Veränderung des Jetzt und Hier, durchaus des eigenen Inneren, wird in die Distanz verlegt.“ (45)

Mann, Thomas: Vorwort zu einem Roman.

In: Süddeutsche Monatshefte, Jg.11, 1913, H.2, S.235f

[Exzerpt]

„Liebe zu sich selbst ist immer der Anfang eines romanhaften Lebens“ und „der Anfang aller Autobiographie“. Es ist für Mann der „Trieb eines Menschen, sein Leben zu fixieren“ der „ein Leben […] objektiv ins Interessante und Bedeutende zu erheben vermag.“ (35) Talent bedeutet nach Mann dabei „Schicksalsfähigkeit“, wobei der „autobiographische Impuls“ vor allem dann Aufmerksamkeit erregt, wenn er „ein Maß von Geist und Empfindung zur Voraussetzung“. Deshalb werde am meisten gelesen, was am „persönlichsten, unmittelbarsten und vertraulichsten“ ist, also „die Urkunden leidenschaftlichen oder […] sinnlich-sittlichen Ichgefühls, die Bekenntnisse, die Autobiographien.“ (36)