Schlagwort-Archive: Identität

Berlin | Provinz. Notizen zu „Echtleben“ von Katja Kullmann

Katja Kullmann, in Berlin lebend und nach eigener Aussage Tochter eines Versicherungskaufmanns aus der Nähe von Frankfurt am Main, beschreibt in ihrem neuen Buch „Echtleben“ Berlin als eine „Erfindung“, die „forterzählt“ wird und dabei jedes „aufgeweckte“ Kind der Mittelschicht zwischen 15 und 45 anzieht. Kullmann vermutet, dass ein nicht geringer Teil dieser Leute teils oder ganz vom Geld der Eltern lebt, sodass ein bestimmtes „Berlin“ eine von Eltern subventionierte Fiktion ist. Das hierfür notwendige Geld wird dabei von den Eltern in traditionellen, scheinbar wenig schillernden Berufen in der ebenso wenig interessanten Provinz erworben. Provinziell ist dabei alles, was nicht Berlin ist. Weiterlesen

Zugang zu Elitepositionen dank bestimmter (unbestimmter) Persönlichkeitsmerkmale

Die Stichworte in der Zusammenfassung der Forschungsergebnisse des Elitesoziologen Michael Hartmann lesen sich wie eine Blaupause der Relevanzkriterien der Redaktionen von Karriereheftchen und Themenseiten großer Tageszeitungen:

Der gewünschte Habitus wird in den Chefetagen der deutschen Großunternehmen an vier zentralen Persönlichkeitsmerkmalen festgemacht:

  • Man sollte eine intime Kenntnis der Dress- und Benimmcodes aufweisen, weil dies aus Sicht der Entscheider anzeigt, ob der Kandidat die geschriebenen und vor allem die ungeschriebenen Regeln und Gesetze in den Chefetagen der Wirtschaft kenne und auch zu beherzigen gewillt sei.
  • Eine breite Allgemeinbildung sei erwünscht, weil sie als ein klares Indiz für den berühmten und als unbedingt notwendig erachteten ‚Blick über den Tellerrand‘ angesehen werde.
  • Notwendig sei auch eine breite unternehmerische Einstellung und der damit als notwendig erachteten optimistischen Lebenseinstellung.
  • Persönliche Souveränität in Auftreten und Verhalten als wichtigstes Element schließlich zeichne in den Augen der Verantwortlichen all diejenigen aus, die für Führungsaufgaben dieser Größenordnung geeignet seien.

Solche habituellen Persönlichkeitsmerkmale werden in erster Linie von dem Milieu vermittelt, in dem man aufgewachsen ist, und sind nicht durch fachliche persönliche Leistung zu erwerben.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Hartmann_%28Soziologe%29#Forschungen (eigene Hervorhebungen)

Schloemanns analytische Kälte tut Gisela Mayers berechtigter Politisierung keinen Gefallen

Johan Schloemann stellt in der Süddeutschen Zeitung vom 2.3.2010 auf Seite 14 Gisela Mayers Buch „Die Kälte darf nicht siegen“ vor. Und natürlich geht das auch mit Kritik einher. Nur: Kritiken wie die Schloemanns, das fiel mir heute morgen beim lesen auf, sind gut gemeint, aber nicht unbedingt sinnvoll. Weiterlesen

Klarnamen oder Decknamen? Ein Dialog, an dessen Ende beides sinnvoll scheint.

Bei der Einrichtung eines Twitter-Accounts rät mir ein Freund, einen Decknamen, ein Pseudonym, einen „Nickname“ zu verwenden. Ich sollte hierzu am besten gleich noch ein ebenfalls meine Identität verschleierndes Emailkonto eröffnen. Auf die Frage, wofür das gut sein solle, bekomme ich zur Antwort, dass man mir auf diese Art und Weise es nicht nachtragen könne, sollte ich mich eines Tages mit meiner Wortwahl, meinen Ansichten, meinen Thesen und so weiter bei irgendjemandem in die Nesseln setzen, der mir Schaden könnte. Oha! Weiterlesen

Ein Übermaß an Autorität etablierter Institutionen könnte lähmend wirken

Meine Wahrnehmung ist derzeit sehr von meiner Lektüre zu Identität und Institutionen geprägt. Diese Lektüre ist motiviert durch meine Vermutung, es existiere so etwas wie eine übertriebene Mäßigung oder Lähmung  individueller wie auch gesellschaftlicher Kreativität, oder zumindest so etwas wie eine Mäßigung des Handelns im Allgemeinen, die durch die Institutionen bedingt ist. Denn Institutionen sind Standardisierungen bestimmter Handlungen, die unter anderem auch der Mäßigung der mit Kreativität verbundenen Unruhe dienen.  Problematisch wird es meiner Ansicht nach, wenn ein Punkt überschritten wird, von dem an die erwünschte Mäßigung in eine unerwünschte Lähmung umschlägt, weil die mäßigende Wirkung der Institution in Folge ihrer Überhöhung überhand nimmt. Weiterlesen

Kaufmanns Theorie der Identität fordert die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Institution“

Will man durch die Auseinandersetzung mit Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität (siehe hier und hier) zu einem kreativen Umgang mit Identität gelangen, erscheint es erforderlich, sich genauer mit dem Institutionenbegriff zu befassen. Der Begriff Institution zieht sich wie ein roter Faden durch Kaufmanns Text, wird aber eigentümlicherweise kaum erklärt. Kaufmann setzt bei seinem Leser voraus zu wissen, was Institutionen sind. Weiterlesen

Biedermänner, Brandstifter und Karrieristen. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 2)

Der folgende Beitrag ist die zweite Lieferung meiner Erörterung des Buchs „Die Erfindung des Ich: Eine Theorie der Identität„von Jean-Claude Kaufmann, in der ich Kaufmanns Argumentation zusammenfasse und bezogen auf einige mir interessant erscheinende Themenbereiche diskutiere. Im folgenden werde ich kurz meine erste Lieferung zusammenfassen, um mich dann ausführlich Kaufmanns drittem Teil zu widmen. Kaufmann überträgt hierin seine Überlegungen zum Identitätsprozess auf die Gesellschaft, auf ihre Milieus und Phänomene. Unter der Überschrift des klassischen Dreiklangs „Voice, Exit and Loyality“ seziert Kaufmann individuelle und kollektive Verhaltensmuster, die quer durch alle Schichten in unterschiedlicher Form und Ausprägung zu Tage treten. Weiterlesen

Das kreative Ich auf der Suche nach Anerkennung. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 1)

Der folgende Beitrag ist eine Erörterung Jean-Claude Kaufmanns Buch „Die Erfindung des Ich: Eine Theorie der Identität„, in der ich Kaufmanns Argumentation zusammenfasse und bezogen auf einige mir interessant erscheinende Themenbereiche diskutiere. Weiterlesen

Thomä, Dieter: Erzähle Dich selbst – Lebensgeschichte als philosophisches Problem.

München 1998

[Exzerpt. Mentzer/Sonnenschein: Kapitel 5: „Geschichte und Geschichten“]

Thomä vergleicht den Imperativ „Erzähle Dich selbst“ mit dem des „Erkenne Dich selbst“. Sich mit sich selbst zu befassen bedeute „aufdringliche Nähe“ und „demnach Schwierigkeiten“. Dies beginne zum einen mit allgemeinem Materialmangel und zum anderen mit der Unzugänglichkeit einer Außenwahrnehmung durch Dritte. Es bringe jedoch das Privileg des Zugang zu unveröffentlichen Gedanken und Gefühlen mit sich. Dieses Privileg zwinge jedoch Drittens zur Selektivität (Fussnote 1) , um der Heimsuchung der Erinnerungen Herr zu werden.. Viertens komme es immer zu einer „Verspätung im Umgang mit dem eigenen Leben“. Denn dies bringe die „Unmöglichkeit“ mit sich, „das eigene Leben als abgeschlossenen Gegenstand vor sich zu bringen“. (234) (Fussnote 2, 3)

Thomä betont, dass es also „die Erkenntnis des eigenen Lebens“ nicht gibt und man also höchstens den Anspruch haben kann, für das, was man von sich behauptet, „Belege“ aufbieten zu können.

Es stellen sich zwei Fragen: 1) Was spricht für die Aufrichtigkeit von Behauptungen über sich selbst? 2) Was muss man beim Entwurf eines zutreffenden Bilds von sich selbst beachten?

Die Aufforderung „Erzähle Dich selbst“ als Sonderform des „Erkenne Dich selbst“ enthält Thomä zufolge eine „bestimmte Unterstellung über die Form des Lebens“ Thomä schließt die Frage an, „in welcher Weise die Erzählung im Leben angebracht ist. (235) Er weist darauf hin, das Erzählen anders als das sich erkennen kein Problem mit Fiktion hat. Und er zitiert hierzu: „Es ist nicht selten, dass „einer, / bis zur Wahrheit, durchs Erzählen / Zu solchem Sünder sein Gedächtnis macht, / dass es der eignen Lüge traut“.

Die Grenze zwischen dem Erkennen und dem Erzählen liegt in der Selektionsleistung. Denn das „von sich erzählen“ schließt die Notwendigkeit des „von sich schweigen“ ein. „Bei der Entscheidung, was denn nun zu erzählen sei, wird man von den Kriterien, die für das Erkennen gelten, im Stich gelassen.“ (237)

Daher: Das „narrative Bemühen“ bleibt „Ermessenssache“, wobei man ein „starkes Interesse“ daran haben kann, sich „nicht selbst auf einen Holzweg zu führen, nichts vorsätzlich zu verhehlen oder zu entstellen.“ Thomä betont: „Dass heißt aber auch, dass man es darauf anlegen kann, sich sein Leben erzählerisch zurechtzumachen.“ (237)

Mit Thomä gesagt: „Ich […] erzähle die Geschichte einer Figur“. […] Ich stelle heraus, was mir an mir wichtig ist, charakterisiere mich als eine Figur, die mit den Haltungen, die ich ihr zuschreibe, auch leitend ist für mein gegenwärtiges und zukünftiges Handeln. […] An die Stelle […] [der] Fülle des eigenen Lebens, tritt nun mehr die Unternehmung, mich als eine bestimmte Figur zu zeichnen.“ (239)

Die „Rede von mir selbst“ ist Thomä zufolge eine „Verwachsenheit mit der Figur, von der ich erzähle“ (ebd.)


1) vgl. in diesem Zusammenhang das Vorwort von Mentzer und Sonnenschein: Die Fertigkeit, sich selbst zu erzählen, ist also aufgrund der hier begründetermaßen notwendigen Selektivität immer schon die Produktion einer Fiktion!

2) Hier liefert Thomä eine schöne Begründung, warum das Postulat der Selbstführung bspw. in Fragen der Auswahl des Bildungs- und Berufsweges kaum erfüllbar ist.

3) Im Anschluß an diese Selektionsleistung ist der Artikel von Tobia Schormann „Die Lust am Ausgoogeln“ (dpa) zu diskutieren. Denn beim ausgoogeln handelt es sich m.E. auch um eine solche Selektionsleistung. Schormann empfiehlt Informationskontrolle, d.h. Zensur dessen, was über einen selbst öffentlich bekannt und verfügbar wird. Dem könnte man das Konzept der „proaktiven“ Kommunikation gegenüberstellen, d.h. die Strategie, der irgendwie in der Umwelt entstandenen Geschichte und Deutung der eigenen Geschichte einen eigenen, geschlossenen Entwurf einer Geschichte und deren Deutung gegenüber zu stellen.

Warum sich Sorgen machen? Leben nach der sozialkritischen Verzweiflung. (Essay)

Das sozialwissenschaftliche Studium prägt sozialkritisches Denken und bringt das Risiko mit sich, an der Welt zu verzweifeln. So auch für den New Yorker Autor Jonathan Franzen. In seinem Essay „Why Bother?“ (Warum sich Sorgen machen?) beschreibt Franzen Resignation und Neubeginn als Autor. Sein Essay ist eine „Absage an die soziale Verantwortung des Romanciers“ und begründet seinen Vorsatz, nur zum Vergnügen und zur Unterhaltung zu schreiben. Eine pointierte Zusammenfassung zur Anregung. Weiterlesen

Zusammenfassung von Jonathan Franzens Essay „Why Bother?“

Franzen schreibt, wie er sich über die Jahre verändert hat. Es findet bei ihm eine gedanklich Wandlung statt. Aus einer großen Anspruchhaltung an die Wirkung der eigenen Texte wird eine begründete, bescheidenere Grundhaltung. Eine Schlüsselrolle spielt für ihn der Roman „Was am Ende bleibt“ (engl. „Desperate Characters“) von Paula Fox, deren Figuren ebenfalls mit dem Schreiben zu tun haben. Die Protragonistin, eine Übersetzerin, ist so verzweifelt über die Welt, dass sie nicht mehr lesen kann, was sie übersetzt. Weiterlesen