Notizen zu Thomas Leifs Buch „Beraten und verkauft. McKinsey & Co. – der große Bluff der Unternehmensberater“

Auf die Fährte von Thomas Leifs Buch „Beraten und verkauft“ bin ich bei der Lektüre einer Kritik des Hamburger Programms der SPD gestoßen. Genau genommen: Durch die Lektüre der Kritik zum Programm im Hessenreport Nr.40 – dem Informationsorgan der SPD in deren Bezirk Hessen-Süd. Denn darin äußert sich der Vorsitzende der Grundsatzprogrammkommission der SPD Hessen-Süd, Harald Lührmann (a). Ein Unternehmensberater. Weil ich Lührmanns Artikel im Hessenreport ausgezeichnet finde, will ich mehr über Lührmann erfahren. Dabei stoße ich im Internet auf Leifs Buch, in dem Lührmann im Interview Auskunft über seine Branche gibt (b). Lührmann berät u.a. Versorgungsunternehmen und scheint von den Erfahrungen zu zehren, die er als Kämmerer der Stadt Gießen und als Vorstandsvorsitzender der Kasseler Versorgungs- und Verkehrsbetriebe gesammelt hat (c). Gerade auf diesem Wege auf Leifs Buch aufmerksam geworden zu sein, ist nicht ohne Ironie. Denn Leif kritisiert insbesondere die Rolle von Beratern im Bereich der öffentlichen Hand und der Politik.

Berater: „Wetterleuchten für die Krise der Gesellschaft“

Leifs Buch ist für mich eine Entdeckung, weil Leif die Branche der Unternehmens- und Politikberater auf wohltuende Weise hinterfragt. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet es treffend als eine „Abrechnung mit der Beraterbranche“ (Klappentext). Leif kritisiert die breite gesellschaftliche Wirkung einer Branche, die agiert, ohne durch die allgemeine Öffentlichkeit kontrolliert werden zu können, und die ihre Ideologie und wirtschaftswissenschaftlich standardisierten Verhaltensmuster (1) in Serie verkauft, wobei es in vielen Fällen allein um die Legitimation weit reichender Entscheidungen in Politik und Wirtschaft geht – mit gesellschaftlich zweifelhafter Wirkung und bei gleichzeitiger Verwässerung der Zurechenbarkeit von Verantwortung in Form eines „Schattenmanagements“. Zu den Marketinginstrumenten der Berater zählen hierbei bürgerliche Distinktion in Verhalten, Auftreten und Dresscode, insbesondere aber Rekrutierungsverfahren und die in Stellenanzeigen und redaktionellen Beiträgen von Zeitungen und Zeitschriften postulierte Definition des Elitären. Mit ihrer Hilfe konstruieren die Berater den unüberprüfbaren Nimbus des Expertentums, dessen vorgebliche Wahrhaftigkeit dann die Legitimität ihres Denkens und Handelns suggeriert.

Berater – „Götter, Helden und Dämonen einer Erfolgsgesellschaft“

Leif beschreibt im ersten Teil seines Buchs den Beratermarkt der Unternehmensberater, im zweiten das Verhältnis von Beratern, Politik und öffentlicher Hand. Im dritten Teil berichtet er über Fallbeispiele der Reform von staatlichen Einrichtungen mit Hilfe von Beratern, darunter die Bundeswehr, die Bundesagentur für Arbeit und die Hartz IV-Reformen. Im ersten Teil finde ich vor allem Leifs einführende Analyse der Branche interessant (2), der er detaillierte Beschreibungen von McKinsey, Roland Berger und der Boston Consulting Group hinzufügt – vermischt mit einigen Interviews, darunter dem Lührmanns. Themen, die in diesem ersten Teil besonders verfangen, sind die Konstruktionsweise üblicher Beratungsprodukte (3), die mangelnde sprachliche Präzision der Berater (4), die in und von Beratungsunternehmen praktizierte Misstrauenskultur (5), die Mechanismen zur Schaffung immer neuen Beratungsbedarfs in Form einer Mischung aus Kontaktpflege, der Inszenierung von Innovations- und Anpassungszwängen sowie dem Schüren von Ängsten (6) sowie die Konstruktion des Leistungsversprechens der Unternehmensberatungen mittels einer beispiellos aufwendigen Öffentlichkeitsarbeit und ihrem ebenso aufwendigen Personalmarketing (7). Gerade Leifs Zusammenschau der Stilblüten des Personalmarketings dürften Balsam für die Seelen aller sein, denen die überbordende Leistungs-, Elite- und Karriereorientierung der Universitäten und Karriereblättchen auf den Geist geht. Zum einen in Form des kritischen Erfahrungsberichts von Julia Friedrichs über das von ihr erlebte Recruiting bei McKinsey. Zum anderen in Form der Hinweise Leifs, dass ein nicht unerheblicher Teil redaktioneller Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften – gerade wenn sie Unternehmensberatungen betreffen – von diesen selbst im Zuge ihrer Öffentlichkeitsarbeit produziert oder in Auftrag gegeben worden sind (8).

Politik mit den Mitteln der PR: „Rezipienten […] Informationen zur Einordnung der Berichterstattung vorenthalten“

Im zweiten Teil, der auf die Beratung der öffentlichen Hand und der Politik fokussiert, seziert Leif anhand von Fallbeispielen Ungereimtheiten, mangelnde Qualität und personelle Verquickungen, die nicht zuletzt auch den Bundesrechnungshof auf den Plan gerufen haben. Im Fokus stehen hier Themen wie korrupte Praktiken der Auftragsvergabe, Mängel der Leistungserstellung und Leistungskontrolle, unmittelbare politische Einflussnahme und so weiter. Daran schließt Leif eine Beschreibung der Rolle von Beratern im Bereich der Politikberatung, des Politikmanagements (9) und der Nähe von Medien und Politikberatung an (10). Die Beschreibung der Politikberatung finde ich besonders interessant, denn Leif bietet hier eine Skizze des Marktes für Dienstleistungen auf dem Feld der partikularen Interessenvertretung und den hier agierenden Anbietern in Berlin (11). Zudem thematisiert er hier das medienwirtschaftlich induzierte Verschwinden investigativen Journalismus zugunsten einer Verschmelzung der Distributionsapparate der Medienhäuser mit den sie kostenlos mit Presseartikeln beliefernden Öffentlichkeitsabteilungen der Interessenvertreter (12). Wie partikulare Interessen in dem so bereiteten Feld agieren, zeigt Leif dann anhand einer ganzen Reihe politischer PR-Kampagnen wie „Deutschland packt’s an“, „BürgerKonvent“, „Konvent für Deutschland“, „Marke Deutschland“, „Du bist Deutschland“ oder „Aktionsgemeinschaft Deutschland“, deren prominentester Vertreter die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)“ ist. Am Beispiel der letzteren geht Leif ins Detail.

Zur Ehrenrettung der Berater

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass mir weder die eingangs erwähnten flankierenden Bemerkungen Harald Lührmanns zum Hamburger Programm der SPD, noch sein Interview in Leifs Buch Grund zur Sorge geben. Bezogen auf diese Texte kann ich sagen: Im Gegenteil. Aber mein Wunsch, deshalb auf Lührmann Rücksicht zu nehmen, gemahnt mich, in Lührmann erkennen zu wollen, was zur Ehrenrettung von Unternehmensberatern gesagt werden sollte und dies am Ende als Kommentar zu Leifs Buch zu Bedenken zu geben, wobei ich wiederum Leif keineswegs widersprechen möchte.

Wenn – wie am Beispiel Lührmanns zu sehen – ein ehemaliger Mitarbeiter öffentlicher Institutionen heute sein Geld mit Beratung in diesen und ähnlichen Bereichen verdient und er zugleich in ehrenamtlicher Funktion politische Prozesse anleitet und mitgestaltet, so deutet dies auf die Existenz eines Wissens- und Erfahrungsschatz hin, den als Ressource zu nutzen naheliegend und sowohl aus dem Blickwinkel des betreffenden Individuums als auch gesellschaftlich sinnvoll ist.

Ich denke also, dass Leifs Kritik der Beraterbranche zwar in jeder Hinsicht notwendig und berechtigt ist, dass man aber zu harsch urteilte, wenn man darauf hin die gesamte Branche der Berater verdammte, statt sie unter eine dringend notwendige und von Leif im Grunde geforderte Beobachtung zu stellen. Denn das Prinzip der Beratung auf der Basis eines Wissens- und Erfahrungsvorsprungs ist, wie mir gerade Lührmann zeigt, im Grunde legitim und sinnvoll. Kritiken investigativer Journalisten wie die Thomas Leifs muss man deshalb als notwendige Korrekturen verstehen, statt sie sich zur Begründung einer Fundamentalopposition gegen diese oder jene zurecht zu legen. Entsprechende Hinweise gibt auch Leif, wenn er auf die vom Bundesrechnungshof vorgeschlagenen „Zwanzig Schritte für den sinnvollen Einsatz von externen Beratern“ hinweist. (13)

Nachtrag vom 17.10.2008

Thomas Bartsch berichtet am 20.11.2006, dass Teile Leifs Buch von Werner Rügemeier stammen sollen, woraus sich ein Rechtsstreit ergeben hat. Weiter weist Bartsch auf einen blinden Fleck hin, weil Leif die Politikberatung durch die Bertelsmann-Stiftung unberührt gelassen hat. Interessant daran ist, dass Leifs Buch von Bertelsmann verlegt worden ist.


Thomas Leif: Beraten und verkauft. McKinsey & Co. – der große Bluff der Unternehmensberater. 1. Aufl, akt. u. erweit. Taschenbuchaufl. München (Goldmann) 2008 (zuerst: Bertelsmann Verlag, 2006)
(a) Lührmann, Harald: Die Partei und das Grundsatzprogramm. In: HessenReport. Informationsorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschalnds Bezirk Hessen-Süd. Juli 2007, S.5-17
(b) „Der Bluff-Anteil lieft vielleicht bei dreißig Prozent“. Interview mit Dr. Harald Lührmann, Ex-Berater bei Accenture. In: Leif 2008, S.245-269
(c) siehe Lührmann 2007, S.17

(1) siehe z.B. Leif 2008, S.23; 47ff u.a.
(2) Leif 2008, S.31-63
(3) z.B. Leif 2008,S.47ff
(4) z.B. Leif 2008,S.57ff
(5) z.B. Leif 2008,S.59ff
(6) z.B. Leif 2008,S.31f,43ff, 60ff
(7) siehe Leif 2008, S.49f
(8) siehe hierzu „bestellte Wahrheiten dominieren die Berichterstattung“, Leif 2008, S.61f; wobei der hier skizzierte Mechanismus auf S.334ff näher beschrieben wird.
(9) Leif 2008, S.320ff
(10) Leif 2008, S.346ff
(11) siehe Leif 2008, S.323ff und z.B. Leifs Verweis auf Falk, Svenja: Der Beratungsmarkt auf der Bundesebene. 2004
(12) vgl. siehe Leif 2008, S.326ff; siehe hierzu wiederum „bestellte Wahrheiten dominieren die Berichterstattung“, Leif 2008, S.61f; vgl. zur Politik der Verlage z.B. Schumacher, Hajo: Die ewig netten Herren. In: Leif/Speth (Hg.): Die fünfte Gewalt. Lobbyismus in Deutschland. Bonn (BpB) 2006, S.80
(13) Leif 2008, S.294ff

3 Kommentare

    Der Dieckmann » Karriere, Karriere, Karriere. Eine medienwirtschaftliche Überlegung in Anlehnung an Thomas Leif und Julia Friedrichs

    […] das Wort “Elite” in den Raum wirft, als gäbe es nur eine. Hierzu gibt unter anderem Thomas Leif in seinem Buch “Beraten und verkauft” Hinweise. Auch der hier abgedruckte Bericht von Julia Friedrichs über ihre Erfahrungen mit einem […]

    Notizen zu Julia Friedrichs „Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen.“ Hamburg 2008 | Der Dieckmann

    […] siehe bereits die bei Thomas Leif: “Beraten und verkauft” identifizierte Masche, eine elitäre Personalauswahl als Teil des Marketings zu betrachten, sowie den medienwirtschaftlichen Effekt, durch den der Diskurs in der Gesellschaft […]

    Finanzkrise und Co: Auch eine Vertrauenskrise des Eliten-Begriffs in der leistungsbereiten Mittelschicht ? | Der Dieckmann

    […] #2 Elsner bemerkt hierzu in seiner Fußnote Nr.8, dass Positionen gerne über “Netzwerke” besetzt werden, wobei vor allem die Unternehmensberatung McKinsey sich rühme, dass  “viele ehemalige Berater den Weg in die Chefetage gefunden haben”.  Siehe hierzu meine Notizen zu Leif: Beraten und verkauft. […]

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