Kein Geld im Web2.0 aufgrund mangelnder Marktinnovation?

Ich behaupte, dass man als einzelner Anbieter von Informationen und Wissensarbeit ohne Investitionen, die die Möglichkeit eines durchschnittlichen Angestellten nicht überschreiten, im Internet bis heute in der Regel nicht ausreichend Geld verdienen kann, um hiervon zu leben. Dies liegt meines Erachtens aber nicht in der Natur der denkbaren Produkte oder Märkte begründet, sondern in dem Fehlen geeigneter Marktplätze, die dank der Minimierung der Transaktionskosten entsprechend funktionstüchtige Märkte überhaupt erst ermöglichen, die jedermann zugänglich sind und deren geringe Markteintrittsbarrieren jedermann mit geeigneter Qualifikation reale Einkommenschancen eröffnen. Deshalb frage ich, wer über die Entwicklung von Märkten und Marktplätzen für Informationen und Wissen im Internet und über die Lösung ihrer philosophischen und technischen Probleme nachdenkt und unter welchen Aspekten dieses Nachdenken betrachtet werden muss.

Web2.0: inkrementelle oder grundlegende Innovationen?

Ich halte es für notwendig, diese Frage zu stellen, denn ich befürchte, dass in der Diskussion über all das, was an Internetanwendungen unter den Stichworten Wikis, Weblogs oder Web2.0 diskutiert wird, die zur Entwicklung potentialträchtiger Märkte für Informations- und Wissensarbeit notwendigen Konzepte nicht erkannt und nicht thematisiert werden, sodass zu wenig an der Entwicklung entsprechender Marktplätze gearbeitet wird.

Dies kommt bereits darin zum Ausdruck, dass sich ein großer Teil der Diskussion des Internets überwiegend um bestehende Formate wie Weblogs und Wikis dreht. Funktionstüchtige Informations- und Wissensmärkte werden zwar attraktiv sein, wenn sie jedermann ebenso leicht zugänglich sind, wie Weblogs und Wikis. Doch sie lassen sich meines Erachtens nicht durch ein bloßes Umfunktionieren dieser bestehenden Formate schaffen. Dies gelingt nur da und auch dort nur in begrenztem Maße, wo diese Formate kongruent zu Funktionsprinzipien bestimmter Branchen sind – wie beispielsweise im Bereich der Werbung und der Öffentlichkeitsarbeit. Der Einsatz jener Formate in diesen Branchen ist daher keine grundlegende Innovation, sondern doch eher inkrementell.

Funktionstüchtige Informations- und Wissensmärkte verlangen stattdessen die Entwicklung leistungsfähigerer Formate, die sich an den Wertschöpfungsketten und Transaktionsformen der jeweiligen Branche orientieren. Die Entwicklung solch neuer Formate setzt aber voraus, dass die Informations- und Wissensarbeiter der betreffenden Branchen über die eigenen Wertschöpfungsketten und Transaktionsformen im Hinblick auf die Innovation neuer Formate nachdenken.

Drei mögliche Gründe für einen Mangel an Marktinnovationen

Ich denke, es gibt mindestens drei Gründe, warum Diskutanten, die über Wikis, Weblogs oder Web2.0 diskutieren, sich schwer tun, über Märkte, Marktplätze und die hierfür zukünftig notwendigen Formate nachzudenken: Im Milieu der betreffenden Gruppe der Informations- und Wissensarbeiter vagabundieren Paradigmen, die weder zur grundlegenden Innovation, noch die Schaffung von Märkten anregen.

Erstens handelt es sich bei den internetaffinen Informations- und Wissensarbeitern in Deutschland um Zöglinge eines akademischen Systems, dessen empirische Forschung sich auf Forschungsfragen bezieht, die sich aus der retroperspektiven Auseinandersetzung mit als gültig geltenden Theorien befasst. (siehe zur Erläuterung bspw. Galtung 1985) Diese Wissenschaft zeichnet sich nicht durch experimentelle Ideen aus, sondern durch die lückenlose Begründung und Rechtfertigung vorsichtiger Ideen im Kontext bestehender Denkschulen. (siehe hierzu Kuhn 1970) Wikis und Weblogs sind beispielsweise als Formate nicht hierzulande entstanden, aber sie werden hier inkrementell entlang der Ideen bestehender Denkschulen weiterentwickelt. Die Suche nach neuen Formaten steht also erstens im Widerspruch zu einer spezifischen Kultur der Innovation.

Zweitens aber bieten die bestehenden Denkschulen einen sehr fruchtbaren Boden, die aus dem Ausland importierten Formate entlang der fundierten Ideen der bestehenden Denkschulen weiterzuentwickeln, während die Entwicklung neuer, experimenteller Formate ungleich schwerer wäre, weil ebenfalls Ideen bestehender Denkschulen wohlbegründete Vorbehalte gegenüber denkbaren Szenarien anmelden. Zu diesen Ideen zählt beispielsweise das Postulat der allgemeinen Zugänglichkeit von Informationen und Wissen als Kollektivgütern (Wikis in allen Bereichen der Bildung, der Pädagogik und des Wissensmanagements) oder das Postulat der freien Meinungsäußerung als demokratischer Tugend oder als Teil der Marktkommunikation (Weblogs in Politik und Marketing). Auf der Seite der vermeidenden Ansätze sind dann die Modelle der klassischen Medienwirtschaft oder auch Paradigmen der Informationswirtschaft zu sehen.

Während deshalb die Begeisterung über die neuen Möglichkeiten der Realisierung der alten Ideen dominiert, wie man es schön am Beispiel der Wikipedia und Weblogs beobachten kann, wird indes das Problem der Beschaffung solcher Informationen vernachlässigt, die nicht als Kollektivgut beschafft werden können, weil die auf einen Einzelnen entfallenden Kosten der Beschaffung nicht durch dessen individuellen Nutzen an solchen Gütern gedeckt werden können (siehe hierzu z.B. Mancur Olson u.a.) . Hier besteht die Lösung vielleicht noch darin, dass die Kosten der Beschaffung aus einer anderen Erlösquelle gedeckt werden können. Dies gilt beispielsweise für den Journalismus, der entweder über Aufmerksamkeitsdividenden Werbung verkauft oder aber selbst als Werbung gekauft ist. Jede andere Art der beruflichen Informations- und Wissensarbeit, die nicht als Kollektivgut beschafft oder subventioniert werden kann,  wird auf diese Art von der vorherrschenden Diskussion vernachlässigt. Die Umfunktionierung vorgefundener Formate kommt hier nicht weiter, weil ihre Strukturen oder die mit ihnen realisierbaren Strukturen und Transaktionsformen nicht den Wertschöpfungsketten und Transaktionsformen der jeweiligen Branchen entsprechen. Über die Entwicklung leistungsfähigerer Formate wird unter Umständen aber auch nicht nachgedacht, weil dem unter Umständen medien- und informationswirtschaftliche Paradigmen zur Marktfähigkeit bestimmter Informationsgüter entgegenstehen, die es – beispielsweise auf der Grundlage der Transaktionskostentheorie – zu hinterfragen gelten könnte.

Dieser zweite Punkt verweist drittens auf die Frage nach der Ökonomie als dem blinden Fleck der akademischen Ausbildung der Informations- und Wissensarbeiter. Akademisch gebildete Informations- und Wissensarbeiter treten für die Qualität der von ihnen erarbeiteten Inhalte ein, sind jedoch nicht für die Analyse der Wertschöpfungsketten und Transaktionsformen sowie für die Erschließung und Entwicklung ihrer jeweiligen Teilmärkte ausgebildet. Dieser blinde Fleck resultiert meines Erachtens aus dem Umstand, dass das Bildungssystem sinnvoller Weise staatlich finanziert wird und sich nicht aus eigenen Einnahmen finanzieren muss. Geld ist also für die allein der Sache verpflichteten Bildungseinrichtung erstmal kein Thema. Dies erzeugt allerdings für die Zeit der akademischen Ausbildung die Illusion, es käme bei der Informations- und Wissensarbeit überhaupt nicht darauf an, mit der eigenen Arbeit auf einem Markt Geld verdienen zu können. Es erscheint mir bei aller Liebe zu den Idealen einer freien und unabhängigen Wissenschaft unverständlich, warum die Diskussion der jeweiligen Märkte, Marktmechanismen und Marktchancen der behandelten Konzepte und Methoden nicht Teil der akademischen Ausbildung ist, obwohl dies in jedem Fall sowohl methodische als auch wissenschaftliche Aspekte beinhaltet und letztlich für die Lebensfähigkeit des Einzelnen auf der Grundlage des von ihm erlernten von entscheidender Bedeutung ist. Marktkritische Ideologietraditionen und die prekäre Lebenssituationen der Ausbildungsphase verstärken dann zu allem Überfluß auch noch die unter weiten Teilen der Zöglinge des akademischen Systems verbreitete Aversion gegenüber dem Markt als Koordinationsmechanismus im Bereich von Information und Wissen.

Marktskepsis als Teufelskreis

Diese der Ausbildungssituation geschuldete Marktskepsis der Informations- und Wissensarbeiter mündet dann meines Erachtens in einen sich selbst verstärkenden Zirkel. Denn da es nach dem Stand meiner Beobachtungen derzeit keine Möglichkeit gibt, als einzelner Marktteilnehmer kleinteiliger Informations- und Wissensmärkte mit niedrigen Markteintrittsbarrieren und realen Verkaufschancen die positive Erfahrung zu sammeln, welchen Wert die eigene Informations- und Wissensarbeitsleistung hat, indem nennenswert und ausreichend Geld verdient werden kann, können die Anhänger der von mir erläuterten Paradigmen von sich selbst als Produzenten von Informationen und Wissen, von dem Wert ihrer Informations- und Wissensarbeit und von ihrer mittels dieser Arbeit geschaffenen Kaufkraft keine Vorstellung entwickeln. Anders ausgedrückt: Solange sie keine für ihre Zwecke funktionierenden Märkte auf der Grundlage von Geld als Tauschmedium haben, werden sie auch kein Vertrauen in solche Märkte fassen können.

Fazit

Ich denke, dass mindestens diese drei Gründe zur Folge haben, dass das Potential des Internets, sehr viel mehr Menschen ein Einkommen zu ermöglichen, derzeit ungenutzt bleibt, weil die Entwicklung funktionsfähiger Marktplätze im Milieu der Informations- und Wissensarbeiter sowie im Milieu der sich zuständig fühlenden Intellektuellen der Diskussion um Wikis, Weblogs und Web2.0 in den Bereich des nicht Sag- und Denkbaren fällt. Ich finde das erstaunlich, wenn man in Betracht zieht, dass diejenigen, die von solchen Märkten als potentielle Marktteilnehmer am meisten profitieren werden, weder in der etablierten Medienwirtschaft noch in der Hierarchie eines finanzschwachen akademischen Systems ausreichende Entfaltungmöglichkeiten haben.

Ich schlage also vor, beim Fahren die Handbremse zu lösen und jenseits der Faszination, Informationen und Wissen als kollektive Güter verfügbar zu machen, den Wert der eigenen Arbeit zu entdecken und deren Marktpotential zu erschließen, indem man sich von der Diskussion bestehender Formate abwendet und statt dessen über die Entwicklung neuer Formate entlang bestehender oder denkbarer Wertschöpfungsketten und Transaktionsformen der Informations- und Wissensarbeit nachdenkt.

6 Kommentare

    Fischer

    Himmel, schreibst du verschwurbelt… 😉

    Das Problem ist meines erachtens auch viel, viel simpler: Die Leute wollen derzeit schlicht nicht für Web-Inhalte bezahlen. Zum einen, weil sie den Kram kostenlos haben können und zum anderen, weil bezahlen über das Internet tierisch kompliziert ist.

    Was fehlt ist eine Möglichkeit, sehr kleine Summen mit maximal drei Mausklicks sicher zu transferieren. Wenn es so etwas gibt, dann kann man auch von Webinhalten leben. Vorher nicht.

    Florian Dieckmann

    Fischer, danke für Deinen Kommentar. Diese simplen Sachverhalte werfen Fragen auf:

    Was für Informationen sind das, die man im Internet kostenlos bekommt, und welche Informationen werden zur Zeit gar nicht erst produziert, die produziert werden könnten, wenn es entsprechende Marktplätze gäbe und die ihnen zugrundeliegenden Konzepte allgemein bekannt wären?

    Welche sind die Märkte, auf denen sich internetbasiert Anbieter und Nachfrager von Informationen gegenüberstehen könnten? Wo existieren bereits Umsetzungen, wo nicht? Dass heißt, wo werden sich heute schon Anbieter und Nachfrager gegenseitig transparent? Was macht diese Umsetzungen leistungsfähig oder steht ihrer Leistungsfähigkeit im Wege? Gerade dieser letzte Punkt verweist auf die Frage der Zugänglichkeit.

    Deutet die allgemeine Meinung, im Internet gäbe es jede Information umsonst, auf eine geringe Kundenkompetenz hin, sodass potentiell produzierbare Informationen nicht nachgefragt werden?

    Und ist der beklagte Mangel an funktionsfähigen Zahlungssystemen ein Effekt oder eine Ursache der Einschätzung der Attraktivität von Informationsmärkten durch die vom Diskurs beeinflussten Entscheider? Dass heißt: verlangt der Markt nach keinen Zahlungssystemen oder gibt es keinen Markt mangels Zahlungssystemen? Ist das Zahlungssysstem ein dezentral oder ein je Marktplattform zu lösendes Problem?

    Fischer

    Hi.
    Das ist insgesamt wirklich ein spannendes Thema, ich habe dazu ein paar Überlegungen angestellt (würde meinen Blog gerne zu Geld machen…), hab jetzt aber erstmal Urlaub. Ich meld mich nach Wacken noch mal ausführlich

    Der Dieckmann » Anmerkungen zu Zerfaß/Welker/Schmidt (Hg.): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Bd.1 u. 2., März 2008

    […] Branding u.a. Sofern sich innovative Deutungen und Vorschläge finden, handelt es sich um erwartbare inkrementelle Weiterentwicklungen der jeweils angesprochenen Theorien. Genau genommen glaube ich, dass sich beide Bände bemühen, […]

    Warum man sich auf Gisela Schmalz’ “Yes Economy” einlassen kann. | Der Dieckmann

    […] Florian (2008): Kein Geld im Web2.0 aufgrund mangelnder Marktinnovation? http://www.derdieckmann.de/?p=398, 27.07.2008 , Stand […]

    Wimmer, Jeffrey: Gegenöffentlichkeit 2.0: Formen, Nutzung und Wirkung kritischer Öffentlichkeiten im Social Web. | Der Dieckmann

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