Zugang zu Elitepositionen dank bestimmter (unbestimmter) Persönlichkeitsmerkmale

Die Stichworte in der Zusammenfassung der Forschungsergebnisse des Elitesoziologen Michael Hartmann lesen sich wie eine Blaupause der Relevanzkriterien der Redaktionen von Karriereheftchen und Themenseiten großer Tageszeitungen:

Der gewünschte Habitus wird in den Chefetagen der deutschen Großunternehmen an vier zentralen Persönlichkeitsmerkmalen festgemacht:

  • Man sollte eine intime Kenntnis der Dress- und Benimmcodes aufweisen, weil dies aus Sicht der Entscheider anzeigt, ob der Kandidat die geschriebenen und vor allem die ungeschriebenen Regeln und Gesetze in den Chefetagen der Wirtschaft kenne und auch zu beherzigen gewillt sei.
  • Eine breite Allgemeinbildung sei erwünscht, weil sie als ein klares Indiz für den berühmten und als unbedingt notwendig erachteten ‚Blick über den Tellerrand‘ angesehen werde.
  • Notwendig sei auch eine breite unternehmerische Einstellung und der damit als notwendig erachteten optimistischen Lebenseinstellung.
  • Persönliche Souveränität in Auftreten und Verhalten als wichtigstes Element schließlich zeichne in den Augen der Verantwortlichen all diejenigen aus, die für Führungsaufgaben dieser Größenordnung geeignet seien.

Solche habituellen Persönlichkeitsmerkmale werden in erster Linie von dem Milieu vermittelt, in dem man aufgewachsen ist, und sind nicht durch fachliche persönliche Leistung zu erwerben.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Hartmann_%28Soziologe%29#Forschungen (eigene Hervorhebungen)

Dank Bologna ist Zeit nun Luxus. Notiz zur Bologna-Diskussion zwischen Wolfgang Seibel und Robert Stockhammer

Vergangene Woche plädierte der Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel für die Chancen des Bologna Prozesses, der lediglich von den Hochschulen und insbesondere von den Professoren falsch umgesetzt würde. Spätestens als Seibel am Ende seines Artikels die „Die-Besten-gehen-ins-Ausland“-Karte spielte, war es Zeit, ihn nicht mehr ernst zu nehmen. Wen interessieren „die Besten“, wenn man auch in Zukunft in einer friedlichen Gesellschaft möglichst vieler intelligenter und durchschnittlich wohlhabendender Menschen leben will? Dankenswerterweise liest man heute unter der Überschrift „Im Interesse der Studierenden?“ eine Erwiderung eines Literaturwissenschaftlers. Robert Stockhammer weist den Kollegen aus der Verwaltungswissenschaft darauf hin, dass die BA/MA-Reform vor allem die Macht der Universitätsverwaltung gestärkt habe, was der  Ausgestaltung der Studiengänge durch Professoren enge Grenzen setze. Weiterlesen

Wozu Zeitung? Eine ratlose Elite auf der Suche.

Wozu Zeitung?“ titelt die Beilage der Süddeutschen Zeitung am 8.5.2009. Wieder einmal ist eine Elite ratlos: Diesmal die der so genannten „Presse“, also der werbefinanzierte Teil der Informationswirtschaft, deren Produkte sich an wenig differenzierte Massenpublika statt an Nischenpublika richten. Sie weiß nicht, wie sie ihr Geschäftsmodell, das namensgebend auf Druckerpressen und physischen Papierdistributionssytemen beruht, in eine Informationsgesellschaft hinüberretten soll, die sich durch das Internet verändert. Weiterlesen

Finanzkrise und Co: Auch eine Vertrauenskrise des Eliten-Begriffs in der leistungsbereiten Mittelschicht ?

Zu den elitären Arbeitgebern, für deren Aufgaben sich Schüler und Studierende vorbereiten, die von Julia Friedrich für ihr Buch „Gestatten: Elite“ an ihren Bildungsstätten besucht wurden, zählen unter anderem Investmenbanker und Unternehmensberater. Angesichts der Finanz- und drohenden Wirtschaftskrise erscheint es vor dem Hintergrund Friedrichs Buchs interessant die Frage anzuregen, wie diese von Friedrich besuchte Elite angesichts der Krise mit ihrer Diskreditierung in diesen Bereichen umgeht. Weiterlesen

Notizen zu Julia Friedrichs „Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen.“ Hamburg 2008

Friedrich erzählt von ihren Recherchereisen zum Thema Elite. Das Konzept des Buchs scheint darin zu bestehen, erstens die nivellierte Mittelstandsgesellschaft als eine persönlich erfahrbare Errungenschaft fühlbar zu machen, um dann zweitens die neue Angst dieses Mittelstands vor einer neuerlichen Spaltung der Gesellschaft als einer real stattfindenden Entwicklung zu nutzen, indem sie drittens die neu entstehenden und entstandenen Infrastrukturen besucht. Glaubwürdigkeit und Symphatie gewinnt Friedrich durch das Bemühen um Augenhöhe mit dem Leser aus eben jenen Kreisen der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, indem Friedrich das Erlebte im Gegensatz zu ihrer eigenen Geschichte, der Geschichte ihrer Familie und den Geschichten ihrer Freunde und Kommilitonen erzählt. Weiterlesen

Der elitäre Sündenfall. Mitterles Replik auf meine Idee zur Vergesellschaftung von Universitätsangehörigen

Alexander Mitterle hat am 25.03.2008 mit seinem Essay „Unvernommene Studierende“ auf meine Geschichte eines studentischen Forums und meiner damit verbundenen Überlegungen geantwortet. Mitterle erkennt, dass ich darum bemüht bin, „neu zu denken, was ein universitäres Studium auszeichnet.“ Er konstatiert, dass ich ein dem Humboldtschen ähnliches Bildungsideal mit dem ökonomischen Moment des Alumniwesens verknüpfe und er stellt vor dem Hintergrund seiner eigenen Forschung über Hochschulforschung und Bildungspolitik den von mir kritisierten „elitären Sündenfall“ der Universität auf eine Weise dar, wie es mir nicht möglich gewesen wäre. Meine Argumentation reformulierend beschreibt Mitterle, dass die „academia“, die akademische Elite der deutschen Universität, unter Umständen aufgrund der Logik der Verteilung symbolischer und ökonomischer Ressourcen nicht in der Lage ist oder nicht Willens ist, Studierende als vollwertige Angehörige der Universität zu integrieren, infolge dessen es zu einer allein organisatorisch bedingten Anonymität der „Massenuniversität“ kommt. Studierende blieben „unvernommen“ und  als Ressource unerkannt. Genau  genommen ist aber Masse nicht Problem, sondern Chance.  Der „mündige Student“ müsse angesichts der „unerschöpflichen Ressource an potentiellen Gesprächspartnern“ erkennen: „Ich bin nicht anonym und schon gar nicht Masse.“ Mitterle entwickelt meinen Ansatz hier nun weiter, wobei er für die Universität Leipzig als einen besonderen Ort Handlungsüberlegungen entwirft, die auch für andere Universitätsstädte zutreffen dürften.

Mitterle, Alexander: Unvernommene Studierende. In. Powimag. Magazin für Politikwissenschaft. 25.03.2009, http://www.powimag.de/wp/?p=198

Der Campus Westend als Bühne der Erziehung des neuen Menschen*

Der neue Campus Westend der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main bietet das Zeug zu einem düsteren Roman. Schon das IG-Farben-Haus wurde als ein „eisernes und steinernes Sinnbild deutscher kaufmännischer und wissenschaftlicher Arbeitskraft“ entworfen. Unverkennbar schließen die neuen Universitätsgebäude auf dem im Neubau befindlichen Campus Westend architektonisch an dessen monumentale Ausstrahlung an, so auch die Blöcke der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Die Leere und Weitläufigkeit des Campus trägt diesem Konzept zusätzlich Rechnung. Hie und da stehen Hinweisschilder, die zu Veranstaltungen leiten mit Titeln wie „Leading to Excellence“. Hier im Rahmen einer Fiktion Parallelen zu Motiven totalitärer Gesellschaftsvorstellungen der 30er und 40er Jahre zu ziehen ist leicht. Weiterlesen

„Elite“ und „Karriere“ als Fiktion des Personalmarketings und Geschäftsfeld der Medienwirtschaft

Karriere-Magazine beschäftigen mich schon seit Beginn meines Studiums. Als ich im Jahr 2000 daran arbeitete den Mut aufzubringen, mein erstes Studium abzubrechen, habe ich mir eines dieser Karriere-Magazine aufgehoben (1). Noch heute zeige ich Freunden gerne dieses Heft, weil es ein zeitloses Dokument einer fiktiven Erfolgsgesellschaft ist. Die Wirklichkeit sieht anders aus, wie nicht nur die persönliche Erfahrung zeigt, sondern auch die Sozialstudien des Studentenwerks. Seither interessiert mich, wie es zu dieser unheilvollen Fixierung auf bestimmte Lebensmuster kommt, die einem auf allen möglichen Kommunikationskanälen nahe gelegt werden und die angeblich mit „Karriere“ zu tun haben. Die Antwort liegt im Bereich der Verbindung von Marketing-, Personal- und Medienwirtschaft. Weiterlesen

Notizen zu Thomas Leifs Buch „Beraten und verkauft. McKinsey & Co. – der große Bluff der Unternehmensberater“

Auf die Fährte von Thomas Leifs Buch „Beraten und verkauft“ bin ich bei der Lektüre einer Kritik des Hamburger Programms der SPD gestoßen. Genau genommen: Durch die Lektüre der Kritik zum Programm im Hessenreport Nr.40 – dem Informationsorgan der SPD in deren Bezirk Hessen-Süd. Denn darin äußert sich der Vorsitzende der Grundsatzprogrammkommission der SPD Hessen-Süd, Harald Lührmann (a). Ein Unternehmensberater. Weil ich Lührmanns Artikel im Hessenreport ausgezeichnet finde, will ich mehr über Lührmann erfahren. Dabei stoße ich im Internet auf Leifs Buch, in dem Lührmann im Interview Auskunft über seine Branche gibt (b). Lührmann berät u.a. Versorgungsunternehmen und scheint von den Erfahrungen zu zehren, die er als Kämmerer der Stadt Gießen und als Vorstandsvorsitzender der Kasseler Versorgungs- und Verkehrsbetriebe gesammelt hat (c). Gerade auf diesem Wege auf Leifs Buch aufmerksam geworden zu sein, ist nicht ohne Ironie. Denn Leif kritisiert insbesondere die Rolle von Beratern im Bereich der öffentlichen Hand und der Politik. Weiterlesen

Elite als Legitimationskonzept

Der Begriff „Elite“ erscheint mir als ein Konzept zur Legitimation der vor allem durch finanzielles, kulturelles und soziales Kapital geschaffenen Unterschiede. Es legitimiert eine Enlastung von der gesellschaftlichen Notwendigkeit, sich über Massnahmen zur nachholenden Integration weniger mit Vorteilen ausgestatter Mitmenschen Gedanken zu machen, indem die vorgefundenen Statusunterschiede als gegeben hingenommen werden. Die Hinnahme der Unterschiede wird begründet, in dem die Statusunterschiede als fruchtbar, gesellschaftlich gut und gesellschaftlich funktional interpretiert werden. Elite erscheint so nicht als gesellschaftlich bedingt, sondern als ahistorischer Fakt mit gesellschaftlicher Funktion und Notwendikgkeit.

Im Rahmen der Legitimation wird Elite als Konzept zur Rettung des Gemeinwohls interpretiert, d.h., Elite rückt in den Bereich des gesellschaftlich notwendigen auf. Damit werden zugleich auch Instrumente der Schaffung von Eliten legitmiert und es werden ebenso Instrumente legitimiert, die die Exklusivität von Eliten wahren und also Exklusivität stiften. Eliten werden also durch Zugangskontrollen konstiuiert, die dem Gedanken der Offenheit für jedermann und der Liberalität im Grunde widersprechen.

Die Zugangskontrollen sind vor allem solche des Zugangs zur Bildung. An die Stelle des Gedankens der Förderung der Invidiuuen im allgemeinen und ihrer jeweiligen Kompetenzen im besonderen tritt der Glaube an den besonderen Einzelnen und insbesondere dessen Seltenheit – mit dem Effekt des Hochmuts der Erwählten und der Frustration der Vielen.