Klarnamen oder Decknamen? Ein Dialog, an dessen Ende beides sinnvoll scheint.

Bei der Einrichtung eines Twitter-Accounts rät mir ein Freund, einen Decknamen, ein Pseudonym, einen „Nickname“ zu verwenden. Ich sollte hierzu am besten gleich noch ein ebenfalls meine Identität verschleierndes Emailkonto eröffnen. Auf die Frage, wofür das gut sein solle, bekomme ich zur Antwort, dass man mir auf diese Art und Weise es nicht nachtragen könne, sollte ich mich eines Tages mit meiner Wortwahl, meinen Ansichten, meinen Thesen und so weiter bei irgendjemandem in die Nesseln setzen, der mir Schaden könnte. Oha! Weiterlesen

Biedermänner, Brandstifter und Karrieristen. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 2)

Der folgende Beitrag ist die zweite Lieferung meiner Erörterung des Buchs „Die Erfindung des Ich: Eine Theorie der Identität„von Jean-Claude Kaufmann, in der ich Kaufmanns Argumentation zusammenfasse und bezogen auf einige mir interessant erscheinende Themenbereiche diskutiere. Im folgenden werde ich kurz meine erste Lieferung zusammenfassen, um mich dann ausführlich Kaufmanns drittem Teil zu widmen. Kaufmann überträgt hierin seine Überlegungen zum Identitätsprozess auf die Gesellschaft, auf ihre Milieus und Phänomene. Unter der Überschrift des klassischen Dreiklangs „Voice, Exit and Loyality“ seziert Kaufmann individuelle und kollektive Verhaltensmuster, die quer durch alle Schichten in unterschiedlicher Form und Ausprägung zu Tage treten. Weiterlesen

Das kreative Ich auf der Suche nach Anerkennung. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 1)

Der folgende Beitrag ist eine Erörterung Jean-Claude Kaufmanns Buch „Die Erfindung des Ich: Eine Theorie der Identität„, in der ich Kaufmanns Argumentation zusammenfasse und bezogen auf einige mir interessant erscheinende Themenbereiche diskutiere. Weiterlesen

Bio Fiction*. Bei Bewerbungsprosa sollte man weder zweifeln noch sich schämen.

Anna-Maria Müller schreibt in Ihrem Blog über die Konjunktur der „Motivationsschreiben“ im Hinblick auf Bewerbungsverfahren für Masterstudiengänge und bei anderen Gelegenheiten.

„ständig wollen Menschen ein Motivationsschreiben von mir. […] Mittlerweile verdiene ich mein Geld mit Textarbeit und unterstütze allerlei Freunde & Bekannte, aber auch AuftraggeberInnen bei den eigentümlichen Worten zur Selbstlobpreisung. Gerade ist wieder Bewerbungsfrist für die Masterstudiengänge zum kommenden Wintersemester – dementsprechend hatte ich in letzter Zeit wieder mehrere Exemplare zur semi‑öffentlichen Selbstbeweihräucherung auf dem Schreibtisch bzw. in der Mailbox. Und, ja, es ist ein elender Prozess. Besonders, wenn man den Schrieb selbst aufsetzt […] Im schlimmsten Fall bringt einen das […] gar in Selbstzweifel und Nöte, zu denen ohne diese Schikane durch Lebenswegentscheider gar kein Anlass bestünde…“

Mein flux hingeworfener Kommentar wurde von ihrem Blog unsanft abgeschnitten. Hier nochmal das Textlein in voller Länge. Was ich also sagen wollte: Weiterlesen

Mehr Schutz für Praktikanten? Mehr Rechte für Praktikanten!

Eine kurze Notiz zu einem gleichnamigen Beitrag von Campus und Karriere im Deutschlandfunk, demzufolge die Bundesregierung Praktikanten mehr Rechte einräumen will – z.B. auf angemessene Bezahlung und deren gerichtliche Durchsetzbarkeit. Die Wirtschaft, so DLF, knurrt: Dann gibt es eben 100.000 Praktikaplätze weniger! Tja, als ob diese Praktikaplätze ein Geschenk der Wirtschaft Unternehmer an die Praktikanten seien. Nein, hier geht es doch – wie wir alle wissen, die es erlebt haben oder bei Bekannten beobachten konnten – um unbezahlte, hochmotivierte Arbeitskraft, die sich derzeit aus anderen Quellen (Eltern, Bafög, Nebenjobs, Studienkredit, SGB II u.a.) subventionieren muss. Als Altersgenosse der Generation Praktika kann ich es nur gutheißen, wenn dieser Spuk von Rechts wegen ein Ende hat und man zu dem guten alten Brauch zurückkehrt, Arbeit zu bezahlen.

Mehr auf den Internetseiten von Fairwork e.V. (mit Verweisen auf Quellen und Studien zur Lage u.a. der Böckler-Stiftung, des HIS und der Bundesregierung)

„Die traurigen Streber“ lesen zu viel Die Zeit

Heute, den 28.08.2008, titelt Die Zeit „Jugend ohne Charakter! Karrieredruck und Zukunftsangst haben eine angepasste Generation hervorgebracht“ und bringt auf S.43f eine „Polemik“, flankiert von einer Art „Kulturgeschichte“ des „Heranwachsens“. Das finde ich kurios. Denn an anderer Stelle habe ich dargelegt, warum von einer Mitschuld der diesen Artikel publizierenden Verlagsgruppe ausgegangen werden kann. Ich halte es für müßig, sich im Detail mit den einzelnen Anspielungen und Thesen dieser „Polemik“ auseinanderzusetzen. Zu entdecken gilt es nicht den Inhalt der Polemik, sondern inwiefern die herausgebende Verlagsgruppe an dem hier thematisierten gesellschaftlichen Phänomen im Rahmen der Bearbeitung ihres Marktsegments der 20 bis 30-jährigen beteiligt ist. Statt Details der Polemik zu analysieren, finde ich es sinnvoller, im Folgenden über das Konstruktionsprinzip und das vermutliche Kalkül eines solchen Artikels nachzudenken. Weiterlesen

„Elite“ und „Karriere“ als Fiktion des Personalmarketings und Geschäftsfeld der Medienwirtschaft

Karriere-Magazine beschäftigen mich schon seit Beginn meines Studiums. Als ich im Jahr 2000 daran arbeitete den Mut aufzubringen, mein erstes Studium abzubrechen, habe ich mir eines dieser Karriere-Magazine aufgehoben (1). Noch heute zeige ich Freunden gerne dieses Heft, weil es ein zeitloses Dokument einer fiktiven Erfolgsgesellschaft ist. Die Wirklichkeit sieht anders aus, wie nicht nur die persönliche Erfahrung zeigt, sondern auch die Sozialstudien des Studentenwerks. Seither interessiert mich, wie es zu dieser unheilvollen Fixierung auf bestimmte Lebensmuster kommt, die einem auf allen möglichen Kommunikationskanälen nahe gelegt werden und die angeblich mit „Karriere“ zu tun haben. Die Antwort liegt im Bereich der Verbindung von Marketing-, Personal- und Medienwirtschaft. Weiterlesen

Notizen zu Thomas Leifs Buch „Beraten und verkauft. McKinsey & Co. – der große Bluff der Unternehmensberater“

Auf die Fährte von Thomas Leifs Buch „Beraten und verkauft“ bin ich bei der Lektüre einer Kritik des Hamburger Programms der SPD gestoßen. Genau genommen: Durch die Lektüre der Kritik zum Programm im Hessenreport Nr.40 – dem Informationsorgan der SPD in deren Bezirk Hessen-Süd. Denn darin äußert sich der Vorsitzende der Grundsatzprogrammkommission der SPD Hessen-Süd, Harald Lührmann (a). Ein Unternehmensberater. Weil ich Lührmanns Artikel im Hessenreport ausgezeichnet finde, will ich mehr über Lührmann erfahren. Dabei stoße ich im Internet auf Leifs Buch, in dem Lührmann im Interview Auskunft über seine Branche gibt (b). Lührmann berät u.a. Versorgungsunternehmen und scheint von den Erfahrungen zu zehren, die er als Kämmerer der Stadt Gießen und als Vorstandsvorsitzender der Kasseler Versorgungs- und Verkehrsbetriebe gesammelt hat (c). Gerade auf diesem Wege auf Leifs Buch aufmerksam geworden zu sein, ist nicht ohne Ironie. Denn Leif kritisiert insbesondere die Rolle von Beratern im Bereich der öffentlichen Hand und der Politik. Weiterlesen

Das Problem der Kontrolle von Information bei der Konstruktion von Identität und Reputation im Internet

Am 9.11.2007 erscheint in der Leipziger Volkszeitung der bei der Deutschen Presseagentur gekaufte Artikel „Die Lust am Ausgoogeln“ von Tobias Schormann. Darin thematisiert Schormann Gefahren für die Karriere und andere persönliche Beziehungen durch Informationen, die über das Internet und insbesondere durch Google über einen selbst verfügbar werden. Es gehe um den Leumund im Netz. Um „unliebsame Internet-Altlasten in den Treffern einer Suchanfrage weiter auf den hinteren Plätzen verschwinden zu lassen“, gäbe es sogar schon Dienstleister wie Myon-ID in Köln, die „Reputationsmanagement“ anbieten. Gleichzeitig gibt Schormann Hinweise, wie man mehr über Menschen im Internet erfährt: Indem man Communities wie Xing.com oder Studivz.net durchsucht oder in google nach einmal bekannt gewordenen Spitznamen (Nicknames) oder Emailadressen der Gesuchten sucht. Weiterlesen

Thomä, Dieter: Erzähle Dich selbst – Lebensgeschichte als philosophisches Problem.

München 1998

[Exzerpt. Mentzer/Sonnenschein: Kapitel 5: „Geschichte und Geschichten“]

Thomä vergleicht den Imperativ „Erzähle Dich selbst“ mit dem des „Erkenne Dich selbst“. Sich mit sich selbst zu befassen bedeute „aufdringliche Nähe“ und „demnach Schwierigkeiten“. Dies beginne zum einen mit allgemeinem Materialmangel und zum anderen mit der Unzugänglichkeit einer Außenwahrnehmung durch Dritte. Es bringe jedoch das Privileg des Zugang zu unveröffentlichen Gedanken und Gefühlen mit sich. Dieses Privileg zwinge jedoch Drittens zur Selektivität (Fussnote 1) , um der Heimsuchung der Erinnerungen Herr zu werden.. Viertens komme es immer zu einer „Verspätung im Umgang mit dem eigenen Leben“. Denn dies bringe die „Unmöglichkeit“ mit sich, „das eigene Leben als abgeschlossenen Gegenstand vor sich zu bringen“. (234) (Fussnote 2, 3)

Thomä betont, dass es also „die Erkenntnis des eigenen Lebens“ nicht gibt und man also höchstens den Anspruch haben kann, für das, was man von sich behauptet, „Belege“ aufbieten zu können.

Es stellen sich zwei Fragen: 1) Was spricht für die Aufrichtigkeit von Behauptungen über sich selbst? 2) Was muss man beim Entwurf eines zutreffenden Bilds von sich selbst beachten?

Die Aufforderung „Erzähle Dich selbst“ als Sonderform des „Erkenne Dich selbst“ enthält Thomä zufolge eine „bestimmte Unterstellung über die Form des Lebens“ Thomä schließt die Frage an, „in welcher Weise die Erzählung im Leben angebracht ist. (235) Er weist darauf hin, das Erzählen anders als das sich erkennen kein Problem mit Fiktion hat. Und er zitiert hierzu: „Es ist nicht selten, dass „einer, / bis zur Wahrheit, durchs Erzählen / Zu solchem Sünder sein Gedächtnis macht, / dass es der eignen Lüge traut“.

Die Grenze zwischen dem Erkennen und dem Erzählen liegt in der Selektionsleistung. Denn das „von sich erzählen“ schließt die Notwendigkeit des „von sich schweigen“ ein. „Bei der Entscheidung, was denn nun zu erzählen sei, wird man von den Kriterien, die für das Erkennen gelten, im Stich gelassen.“ (237)

Daher: Das „narrative Bemühen“ bleibt „Ermessenssache“, wobei man ein „starkes Interesse“ daran haben kann, sich „nicht selbst auf einen Holzweg zu führen, nichts vorsätzlich zu verhehlen oder zu entstellen.“ Thomä betont: „Dass heißt aber auch, dass man es darauf anlegen kann, sich sein Leben erzählerisch zurechtzumachen.“ (237)

Mit Thomä gesagt: „Ich […] erzähle die Geschichte einer Figur“. […] Ich stelle heraus, was mir an mir wichtig ist, charakterisiere mich als eine Figur, die mit den Haltungen, die ich ihr zuschreibe, auch leitend ist für mein gegenwärtiges und zukünftiges Handeln. […] An die Stelle […] [der] Fülle des eigenen Lebens, tritt nun mehr die Unternehmung, mich als eine bestimmte Figur zu zeichnen.“ (239)

Die „Rede von mir selbst“ ist Thomä zufolge eine „Verwachsenheit mit der Figur, von der ich erzähle“ (ebd.)


1) vgl. in diesem Zusammenhang das Vorwort von Mentzer und Sonnenschein: Die Fertigkeit, sich selbst zu erzählen, ist also aufgrund der hier begründetermaßen notwendigen Selektivität immer schon die Produktion einer Fiktion!

2) Hier liefert Thomä eine schöne Begründung, warum das Postulat der Selbstführung bspw. in Fragen der Auswahl des Bildungs- und Berufsweges kaum erfüllbar ist.

3) Im Anschluß an diese Selektionsleistung ist der Artikel von Tobia Schormann „Die Lust am Ausgoogeln“ (dpa) zu diskutieren. Denn beim ausgoogeln handelt es sich m.E. auch um eine solche Selektionsleistung. Schormann empfiehlt Informationskontrolle, d.h. Zensur dessen, was über einen selbst öffentlich bekannt und verfügbar wird. Dem könnte man das Konzept der „proaktiven“ Kommunikation gegenüberstellen, d.h. die Strategie, der irgendwie in der Umwelt entstandenen Geschichte und Deutung der eigenen Geschichte einen eigenen, geschlossenen Entwurf einer Geschichte und deren Deutung gegenüber zu stellen.